Wie lange bleibt dein Leben sinnvoll, wenn dir der Strom abgedreht wird? Wie lange, wenn auch der Handy-Akku leer ist? Und wie lange würde Deutschland weiterwurschteln können, wenn Frankreich den Strom und USA die Internet-Software abdrehen?

»Es geht zu Ende mit mir«, so titelt Hadmut Danisch aktuell.

Ich las die Schlagzeile bei freiedenker.de. Ich erschrak – in vollem Bewusstsein, dass es wohl Clickbait sein würde; auf Deutsch: Klick-Köder. Jemand, mit dem es wirklich zu Ende geht, wird einfach so öffentlich formulieren, dass es mit ihm zu Ende geht. Vielleicht aus Selbstmitleid; weil er das nahende Ende seiner Existenz für etwas sehr Dramatisches hält, würdigerer Worte würdig. Wahrscheinlicher, weil er diese Meldung seinen Mitmenschen schonend beibringen will. Wahrscheinlich aber, und das ist wohl eine Form von Moral, aus Höflichkeit gegenüber alle anderen Menschen, mit denen es zu Ende geht.

Diesen Klick-Köder aber beschloss ich zu schlucken. (Und zwar noch während ich es tat, zwischen Klick und Abschluss des Ladevorgangs. Die Handlung während ihrer Ausführung, aber vor ihrem Abschluss nachträglich auszuführen zu beschließen. Wenn ich mich recht entsinne, fällt das unter die kompatibilistische Deutung des freien Willens.)

Ich schluckte den Köder, weil ich natürlich wusste, dass Danisch wusste, dass wir wissen, dass es ein Klick-Köder ist. Die Frage des Kundigen war also nicht wirklich, welche Krankheit zum Tode Hadmut Danisch nun wirklich in den Fängen hat, sondern worauf diese Metapher sich bezieht. Ja, das ist es wohl, warum ich tat, was ich tat (nämlich zu klicken und zu lesen).

Falls ihr jenen Danisch-Text noch nicht gelesen habt, holt das bitte jetzt schnell nach.

Spät fiel ihm ein

Wieder da? Fein.

Wie ihr gelesen habt, beschreibt Hadmut Danisch, dass und wie er jüngst einen Gedanken notieren wollte – und ganz selbstverständlich hektisch nach einem elektronischen Gerät suchte, mit einer für Notizen geeigneten App.

Erst schmerzhaft spät fiel ihm ein: »Warum nicht Notizen auf ein Blatt Papier schreiben?«

Eine Notiz mit Kugelschreiber auf ein Stück Papier zu schreiben, fiel ihm im ersten Moment überhaupt nicht ein. Als wäre so eine Methodik absurd und aus der Zeit gefallen.

Nun ließe sich diskutieren, ob digitale Notizen nicht tatsächlich handfeste Vorteile haben. Gerade für einen Täglichschreiber wie Danisch ist es nützlich, notierte Gedanken digital vorliegen zu haben. So lassen sie sich schneller wiederfinden und weiterverarbeiten.

Bis auf ein paar reiche Maschinenstürmer, die sich Sekretärinnen zum Abtippen ihrer Füllerstriche leisten (und neuerdings mit KI experimentieren könnten), schreiben die allermeisten Berufsschreiber ja eben an Computern. (Ich habe allerdings auch schon mal handschriftliche Notizen von KI erfassen und vorsortieren lassen. Es funktioniert heute, reibungslos und effektiv.)

Es ist ja nicht unverständlich, Notizen sofort digital erfassen zu wollen. Es hat konkrete Vorteile. Einige meiner menschlichsten Texte begannen, indem ich eine Idee unterwegs in meine Apple Watch diktierte (und das »Notiz aufschreiben« nannte). (Siehe etwa »Hund an der Leine«.)

Wenn aber unsere Arbeitsmethoden zwingend von der Existenz bestimmter Werkzeuge abhängen, wird das Fehlen oder Abhandenkommen dieser Werkzeuge unsere Arbeit stoppen lassen.

Das scheint hier die Sorge zu sein:

Leute, das wird gerade richtig übel. Das ist überhaupt nicht gut. Was machen wir, wenn der Strom weg ist oder Speicher teuer wird oder wir keine Prozessoren mehr bekommen?
Hadmut Danisch, 12.6.2026

Er schrieb das am 12. Juni 2026. Unter Verwendung der Lesezeichen-Funktion auf freiedenker.de-,LESEZEICHEN,-(3)) notierte ich es mit. (Es ist nicht Werbung, wenn es stimmt.)

Heute, am 13. Juni 2026 dann, als ich mit meiner »Arbeit« beginnen wollte, stellte ich plötzlich fest, dass Hadmut Danisch ein Prophet ist.

Die Top-Meldung aus der KI-Welt lautete: »US-Regierung erzwingt Abschaltung von Anthropics KI Fable 5 und Mythos 5« (heise.de, 13.6.2026)

Lasst es mich in einem Absatz zusammenfassen: Die KI-Firma Anthropic hat vor wenigen Tagen ein KI-Modell auf dem Markt verfügbar gemacht, das derart intelligent ist, dass es souverän etwa die Sicherheitslücken in Computersystemen findet. Man hat diese Möglichkeit für die Endbenutzer ausdrücklich eingeschränkt. Die KI konnte (und sollte wohl) Sicherheitslücken in Systemen des Benutzers von innen schließen. Die US-Regierung hat nun also verboten, dass das System von Nicht-Amerikanern verwendet wird. Weil das nicht leicht zu prüfen ist, hat Anthropic das Modell vorübergehend (?) ganz abgeschaltet. Was nun folgt, ist meine Spekulation – aber sie liegt nahe.

Warum hat die Regierung das getan? Man gibt vage Gründe an, ein »Exploit« sei ihnen gezeigt worden. Man muss kein allzu phantasievoller Verschwörungstheoretiker sein, um anzunehmen: Eine Welt, in der alle wichtigen Server plötzlich 99% weniger Sicherheitslücken haben, kommt für Geheimdienste einer plötzlichen Erblindung gleich.

Begrifflich noch zu wohlwollend

Im stetigen Bestreben, deutsche Schuld durch Selbstdemontage zu tilgen, sprengt Deutschland bekanntlich daheim die eigenen modernen Atomkraftwerke, fördert aber die Atomkraft in Übersee (ee-news.ch, 9.10.2019). Ähnlich betreibt Deutschland zwar durchaus KI-Forschung auf hohem Niveau, doch ist Deutschland auch dank EU in der KI-Anwendung ein KI-Entwicklungsland. Nein, »Entwicklungsland« ist hier begrifflich womöglich noch zu wohlwollend, denn Deutschland überweist Entwicklungshilfe in Länder, die in der Anwendung von KI mutmaßlich weiter sind als Deutschland. Beispiele: Indien, Äthiopien, Kenia, Ruanda, Nigeria.

Deutschland ist abhängig von Werkzeugen und Ressourcen wie Energie, die es selbst nicht herzustellen in der Lage ist – und der Politik, die keine Werte und Ziele außer »Kampf gegen Rechts« und »Geld für Ukraine« mehr kennt, ist das reichlich egal.

Danisch ist ein Prophet, denn schon am nächsten Tag bestätigte sich, dass auf Druck der US-Regierung mal eben Werkzeuge ausgeschaltet werden können. Werkzeuge, die es halt (bisher) nur auf dem US-Markt gibt, auch weil sich die Behörden in der EU und Deutschland wahlweise als zu dämlich, zu korrupt oder zu abgelenkt erwiesen haben. Frei nach Merkel: Dann sind sie halt weg, diese Werkzeuge. (Man muss aber nicht groß spekulieren, für wen diese Werkzeuge weiterhin zur Verfügung stehen werden.)

Ja, es ist ein Riesenproblem, dass Brüssel und Berlin »unser« Land aktiv abhängig machen. Vater, wie kannst du ihnen vergeben, wenn sie doch wissen, was sie tun?

In den richtigen Kreisen

All das ist richtig und weit dringender, als den meisten unserer Mitmenschen bewusst ist. Und doch erinnerte mich die Danisch-Meldung zuerst und zuletzt an eine wichtige Lebensweisheit der sogenannten Moderne: Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen unsere Werkzeuge uns.

Eine Fußnote zu jener Weisheit wäre natürlich, dass die meisten von uns viel zu selten ihre eigenen Werkzeuge formen. (In den richtigen Kreisen bekannte Ausnahme: Marcin Jakubowski)

Wir wählen unsere Werkzeuge aus. Wenn es gut läuft. Mancher bekommt die Werkzeuge vom Arbeitgeber gestellt. Die meisten nehmen, was sich gerade anbot und finanziell möglich war.

Uns ist viel zu selten bewusst, dass auch die Methodik, die Abfolge und die Arbeitsumgebung de facto Werkzeuge sind.

Unsere Werkzeuge, genauer: die Arbeit mit unseren Werkzeugen formt uns. Nicht nur am Körper, wie mancher Stahlarbeiter mit breitem Kreuz bezeugen kann, sondern auch an der Seele. Ein Informatiker (wie Danisch) wird eher auch in privaten Angelegenheiten in Abläufen und berechenbaren Konsequenzen denken. Für einen Ingenieur ist womöglich alles ein zu lösendes technisches Problem, und wenn er keine Probleme hat, sucht er sich welche. Und »Ingenieur-Häuser« sind für Immobilien-Makler nicht selten eine »interessante Herausforderung«.

Die Beine weggehauen

Ich kaufte meine Werkzeuge. Ich benutzte meine Werkzeuge, bis sie Teil von mir wurden. (Der Dushan Wegner, den ihr kennt, ist der Mensch, der sich mit seinen Werkzeugen für euch selbst formte, einen getippten Buchstaben nach dem anderen. Der Dushan Wegner, den ich kenne, genauso.)

Was aber machen wir, so fragt Danisch, wenn der Strom weg ist?

Nun, vergangene Woche fiel in meinem Büro wegen Bauarbeiten tatsächlich der Strom aus. Plötzlich und unerwartet wie ein … ihr wisst schon.

Monitor, Mac und Wifi – alle plötzlich tot.

Ein Schock!

Als hätte man mir die Beine weggehauen, die Arme gebrochen, die Zunge herausgeschnitten.

Für einige Sekunden überlegte ich tatsächlich, was der Sinn meines Tages sein sollte.

Dann fiel mir ein, dass ich, fast wie aus einer Ahnung heraus, an dem Tag ausnahmsweise das MacBook eingepackt hatte. Ich verband es mit dem iPhone, das genug Online-Datenvolumen hat.

Ich schrieb »Belfast brennt« zu Ende (zum Glück war fast alles zwischengespeichert) und ich korrigierte einige technische Details bei freiedenker.de.

Will sagen: Nein, ich weiß (auch?) nicht, wie ich ohne meine Werkzeuge weiterhin sinnvoll funktionieren kann.

Ich weiß nicht einmal wirklich sicher und vollständig, wer ich ohne meine Werkzeuge bin.

Da aber fällt mir ein alter Witz über plötzliche Kündigungen ein: »Wir wissen auch nicht, was wir ohne Sie tun sollten, aber an dem nächsten Ersten wollen wir es versuchen.«

Der Tag könnte kommen, da wird die Technik uns kündigen. Der nächste Erste dann wird … anders sein.

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Der Essay Es geht zu Ende mit Danisch von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/es-geht-zu-ende/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!