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»Die Götter hatten Sisyphos dazu verurteilt, unablässig einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein von selbst wieder hinunterrollte«, so schreibt bekanntlich Albert Camus und: »Sie hatten mit einiger Berechtigung bedacht, daß es keine fürchterlichere Strafe gibt als eine unnütze und aussichtslose Arbeit.«
Ich persönlich hätte an dieser frühen Stelle jenes Aufsatzes als hilfreich empfunden, zu definieren, was genau gemeint ist mit Arbeit (travail).
Ist eine Beschäftigung dann Arbeit, wenn sie wider Willen passiert?
Ist der Ausdruck »unnütze und aussichtslose Arbeit« ein weißer Schimmel? Ein Pleonasmus, weil Arbeit eben notwendigerweise unnütz und aussichtslos ist? (Beschreibt damit Camus seine Arbeit? Ach, zu einfach gedacht.)
Ich selbst würde ja Arbeit eher als produktive Beschäftigung verstehen, und längst nicht jeder, der zur Arbeit geht und dort beschäftigt ist, arbeitet dort dann auch (in meinem Sinne). Ja, die »Arbeit« manches Bürokraten be- und verhindert vor allem die tatsächliche Arbeit der wirklich Arbeitenden. Worin aber bestehen diese Tatsächlichkeit und Wirklichkeit von Arbeit?
Aber ach, ad fontes!! Und die Quelle ist Der Sisyphos des Camus, und dessen »Arbeit« besteht berühmterweise darin, den Stein den Berg hinaufzurollen, wieder und wieder.
Ich selbst – und wer nicht? – habe mein tatsächliches und wirkliches Schreiben mehr als einmal mit Sisyphos’ Beschäftigung verglichen.
»Lass los, Sisyphos!«, so rief ich 2018 – und folgte meinem Rat nicht, sondern rief wohl zurück: »Was sonst soll ich denn tun? Ich bin doch Steineroller!« (Vorgreifend sei gesagt, dass Sich-Abfinden zumindest begrifflich nicht deckungsgleich mit Glücklichsein ist.)
2020 stellte ich fest: »Sisyphos hat sich aufs Sofa gesetzt«. Es war inmitten eines gewissen globalen »Ereignisses«, und wir waren zum Sofasitzen verdonnert. Mit bemitleidenswerter Naivität schloss ein sechs Jahre jüngerer Wegner jenen Essay so:
Wir haben alle etwas Sofazeit verdient, auch und gerade Sisyphos – doch bald, sehr bald, lassen Sie uns wieder aufstehen und den Stein wieder den Berg hoch rollen!
– Essay vom 12.4.2020
2025 schließlich appellierte ich wieder an unser Durchhaltevermögen: »Man kämpft, man kämpft«!
Als wollte er ganz praktisch widerlegen, dass mit jedem Fortschreiten auf der Zeitachse stets linear die Einsicht wächst, salbaderte der Essayist dies:
Wir müssen uns Sisyphos bekanntlich als einen glücklichen Menschen vorstellen, denn Sisyphos ist ein Sieger, wieder und wieder, und zwar jedes Mal, wenn er aufs Neue beschließt, den Stein den Berg hinauf zu schieben.
– Essay vom 14.3.2025
Nein, nein. Sisyphos wäre mal lieber auf dem Sofa sitzen geblieben und hätte nachgedacht. Hätte auf die Weise nachgedacht, in welcher der Denkende im Denken und als Ergebnis seines Denkens sein Denken verändert – und damit sich selbst.
Das ist es, so denke ich heute, was mir in den vielen Jahren bei Camus’ Sisyphos schmerzhaft fehlte: Sisyphos hat alle Einsicht, doch die tägliche »Arbeit« verändert ihn selbst offenbar nicht.
Das ist bemerkenswert (um es höflich zu sagen).
Wir kennen ja das bekannte Finale des Mythos des Sisyphos: »Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.«
Ja, es ist wahr, dass der Kampf gegen Gipfel »ein Menschenherz auszufüllen« vermag, sprich: einigermaßen plausibel »Glück« (bonheur) genannt werden kann.
Doch ist Camus damit präzise genug?
Ist Sisyphos’ Kampf wirklich ein »Kampf gegen Gipfel«? Nein? Ein Gipfel impliziert ein Ziel, und wenn nicht vernünftigerweise davon ausgegangen werden kann, ein Ziel zu erreichen, dann ist jede bloße Wiederholung nur genau das. Für Sisyphos hat der Berg keinen Gipfel.
Erst kürzlich, in »Fahrscheine, langsam und schnell«, schrieb ich:
Der Unterschied zwischen Wahnsinn und Meisterschaft liegt in der ehrlichen Antwort auf die Frage, ob man gerechtfertigt davon ausgehen kann, mit Wiederholung derselben Handlung neue und bessere Ergebnisse zu erzielen.
– Essay vom 24.6.2026
Der Sisyphos des Camus wächst nicht an seiner »Arbeit«. Er findet sich mit der Ziellosigkeit ab. Jeder Bürokrat, der immerhin auf seinen Ruhestand hinarbeitet, hat mehr Ziel in seiner Arbeit als dieser Sisyphus.
Dieser Sisyphos sieht den Stein den Berg hinunterrollen und ist sich in dem Moment der Vergeblichkeit seines Tuns bewusst – doch er zieht keine Konsequenz. Ist seine Verdammung, ähnlich wie das verhärtete Herz des Pharaoh (Exodus 9:12) oder die Sünde wider den Heiligen Geist (Markus 3:29), eine innere?
Nicht jedes Trauma geht auf ein früheres Ereignis zurück. Mein Trauma rührt vom möglichen Ausbleiben kommender Zustände. Ich umkreise es in der Metapher vom Berg ohne Gipfel. (Siehe dazu »Du wusstest nicht, dass es der Gipfel war«, »Der Berg hat keinen Gipfel«, »Ohne Begriff nur »Oh!«« und ein paar unveröffentliche Manuskripte.)
Was also soll Sisyphos tun?
Sisyphos sollte sich an Alexander dem Großen ein Beispiel nehmen und seinen eigenen Knoten mit einem mutigen Hieb durchschlagen.
»Ja, ich bin verdammt, den Stein hinaufzurollen«, sollte Sisyphus sagen, »doch ich werde es nicht tun.«
Das war der böse Streich, der dem Sisyphus gespielt wurde. Er war nicht verdammt, den Stein hinaufzurollen. Er war verdammt, zu meinen, dass er dazu verdammt sei, den Stein hinaufzurollen – einen Stein, der niemals oben ankommen würde. Denn Sisyphus derart vom Gipfel fernzuhalten war Wesen, Zweck und einzige Aufgabe ebendieses Steins.
Sisyphus sollte sagen: »Es ist dem Stein widernatürlich, auf diesen Gipfel zu gelangen.«
Doch mich selbst drängt es sehr, am Gipfel zu sein!
Und ich steige hinauf.
Nicht der Stein war meine Verdammung – meine Ausreden verdammen mich.
Der Stein war meine Ausrede, nicht dem Ruf des Gipfels zu folgen.
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Der Essay Verdammt, zu meinen, dass er verdammt sei von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/meine-essays-verdammen-mich/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
