Dushan-Wegner

11.05.2024

Austauschbarkeit

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Bild: »Noch, noch, noch eine«
Aktivistinnen aus wohlhabendem Hause demonstrieren mal für dies, mal gegen jenes. Dass solche Aktivistinnen vermutlich keinen Tag konventionell gearbeitet haben, ist das geringere Problem. Gruseliger ist, wie einfach sich deren Themen austauschen lassen.
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Was haben Greta Thunberg, Carola Rackete, Luisa Neubauer und Carla Reemtsma gemeinsam? Es sind junge Damen (oder wie man heute sagt: »werden als junge Damen gelesen«) aus wohlhabendem Hause, und auch wenn diese Damen bislang studiert haben, so ist es nicht ihre berufliche Qualifikation, für die wir sie kennen. Wir wissen meist nur, dass sie protestieren, dass sie »Aktivistinnen« sind.

Mal protestieren sie gegen den Klimawandel, mal für Palästina (aktuell in Malmö), und zumindest eine von ihnen ist für ihren praktischen Aktivismus im Themenbereich »Migration« bekannt (siehe auch Essay vom 15.07.2019).

Nein, ich werde hier nicht das neueste Protestthema diskutieren. Ich möchte unseren Blick auf die Austauschbarkeit der Aktivistenthemen lenken. Die amerikanischen Satiriker Babylon Bee scherzen: »Nachdem Greta Thunberg den Klimawandel gelöst hat, wendet sie sich dem Nahostfrieden zu«; babylonbee.com, 10.5.2024.

Protestbranche braucht Flexibilität

Diese Profi-Aktivistinnen vertreten ihre jeweiligen Themen in einem Gestus und einer Sprache, dass man meinen könnte, sie glauben diese Dinge wirklich.

Ich weiß, wie naheliegend und komfortabel es wäre, an dieser Stelle schlicht davon auszugehen, dass die alle »gekauft« sind, dass die einfach dafür und dagegen protestieren werden, wofür oder wogegen zu protestieren halt gerade die Rechnungen bezahlt.

Doch viel interessanter – und auf gewisse Weise furchteinflößender – wäre es, wenn die Aktivistinnen und all ihre Epigonen, ihre jeweiligen von der Protestleitung vorgegebenen Themen auch wirklich glauben.

Manchmal ist die Vorstellung, dass die Leute lügen, weniger problematisch als die Möglichkeit, dass sie die Wahrheit sagen. Lasst mich erklären!

Oder alles auf einmal

In vino veritas, so sagen die Lateiner: Im Wein liegt Wahrheit. Das soll bedeuten, dass eine leichte Ethanolvergiftung den Menschen derart manipulieren kann, dass er anerzogene Masken und vernünftige Vorsicht ablegt und einfach sagt, was er wirklich denkt, was seine Wahrheit ist.

Doch – und hier sind wir Menschen einigermaßen unlogisch – entschuldigen wir einen derart vergifteten Menschen als »weniger zurechnungsfähig«.

»Ich meinte das nicht so«, akzeptieren wir als Entschuldigung, »ich hatte ein paar über den Durst …« und so weiter.

Der »flüssige Mut« ist nicht einzige Art und Weise, wie Menschen aktiv und oft sehr gezielt ihr Denken verändern! Vor einer wichtigen Verhandlung könnten wir vor einem Spiegel stehen und uns Mut zusprechen. Oder wir könnten stimmungsaufhellende Psychopharmaka einnehmen. Der Mensch kann meditieren, Sport treiben, einen Psychotherapeuten aufsuchen – oder alles auf einmal und noch mehr.

Ich frage mich nun: Wenn du dein Denken derart veränderst und nach dieser Veränderung eine andere Meinung zu einem Sachverhalt hast, als davor – welche ist dann deine »wahre« Meinung?

Manche würden sagen: Natürlich die jeweils zuletzt geäußerte, denn der Mensch lernt ja dazu – doch was genau begründet das? Sicher, wenn wir davon ausgehen, dass Meinungsveränderung immer durch Dazulernen passiert, würde das Sinn ergeben. Was aber, wenn die Veränderung der Meinung – oder sogar der gesamten Persönlichkeit – nach einem Unfall oder einer hormonellen Verschiebung passiert? Welche der Personen ist die eigentliche Person?

Das fragile Ich

Freunde, du und ich, jeder von uns braucht eine Ich-Illusion. Du brauchst die Gewissheit, dass ein fixes Ich existiert, das spricht, wenn du sprichst. Logisch ist dieses »fixe Ich« allerdings nicht wirklich haltbar.

Dass ich »ich« bin, ist eine notwendige, aber wackelige Arbeitshypothese. Die meisten Menschen versuchen, die über die Zeit und in den verschiedenen Lebenssituationen wechselnden Varianten unseres Ich bestmöglich zu harmonisieren, ein Ich aus den vorigen kausal abzuleiten, die neueren Ichs mit den älteren Ichs (in denen wir paradoxerweise jünger waren) Frieden schließen zu lassen.

Weisheit kann damit beginnen, sich die Fragilität des eigenen Ich-Begriffs einzugestehen – und dann empathisch Nachsicht zu haben mit dem Mitmenschen, der genauso wie du täglich damit ringt, sein eigenes kumulatives Ich durch seine Variante des Projekts »Leben« zu manövrieren.

Zurück aber zu den protestierenden Damen und den Kindern aller Altersgruppen, die dem Flötenklang dieser Damen erliegen!

Current thing in der Vita

Ich schrieb 2022 über »I support the current thing«. Auf Deutsch übersetzt bedeutet das etwa: »Ich unterstütze die aktuelle Sache«.

Etwas amüsiert und – seien wir stets ehrlich! – etwas angeekelt beobachteten wir damals in den Sozialen Medien das Phänomen, dass Internet-Bürger ihre Profilfotos und Online-Personenbeschreibungen regelmäßig derart aktualisierten, dass sie jederzeit die aktuell »moralisch verpflichtende« Solidaritätsbekundung oder Positionierung enthielt. Mal hatten alle LGBTQ zu unterstützen, mal alle die Ukraine, mal die Impfung und dann wieder die Maske.

Ich ging lange Zeit davon aus, dass all die Aktivistinnen samt ihrer »Follower« ihre Überzeugung fürs »current thing« nur schauspielern. Es wäre doch arg ungewöhnlich, wenn die immergleichen Menschen zuverlässig für dieselbe »moralische Meinung des Tages« entbrennen – also müssen sie »faken«, so nahm ich mindestens unbewusst an.

Fundamentale Beliebigkeit

Was aber, wenn sie nicht »faken«? Was, wenn deren Überzeugung echt ist? Die jungen Menschen, die hinter Thunberg & Co. herlaufen, sind ja nicht die einzigen Leichtverführbaren, die ihr Weltbild und ihre Meinungen beliebig nach von oben stammenden Vorgaben austauschen; die sind bloß besonders sichtbar.

Wir leben zusammen mit Nachbarn, Kollegen und Mitbürgern, die ihre Weltdeutung und ihre Meinungen – und damit in Summe ihr Ich – beliebig austauschen können, je nachdem, was die Leute im Fernsehen ihnen als gültige Tagesmeinung vorgeben.

Ich kann für mich ehrlich sagen, dass ich versuche, meine Annahmen und Meinungen über die Welt in verschiedenen Lebenssituationen kohärent werden zu lassen, auf dass meine Weltdeutung(-en) und Weltwahrnehmung(-en) sich zu einem halbwegs sinnvollen Ich vereinen.

Mir wird allerdings mulmig, wenn ich bedenke, wie viele Menschen es gibt, die ihr Weltbild und ihren Meinungsvorrat, und damit quasi ihr Ich, beliebig austauschen können – und dieses beliebige Austauschen, wie die letzten Jahre wieder und wieder zeigten, auch praktizieren.

Das Ich des Menschen ist manipulierbar und damit als Eigenschaftenmenge austauschbar, wie uns nicht nur jeder Kneipenbesuch bestätigt. Ich will weiter nach Wahrheiten suchen und an Meinungen arbeiten, die ihre Gültigkeit quer durch meine Ichs bewahren – und vor allem meine Meinungen sind.

Weiterschreiben, Wegner!

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