Dushan-Wegner

18.03.2023

Bild-Chefredaktion ausgetauscht – ein Sturm im Sturm

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Riechst du den Sturm?
Bei der (einst?) urdeutschen Institution »Bild« wird mal eben die Chefetage ausgetauscht. Viele Leute fragen sich unwillkürlich, ob da jemand politisch störte. Was sagt das über den Zustand der deutschen Medienlandschaft aus?
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Stellen Sie sich ein Schiff vor. Ein Sturm wütet, und das Schiff fährt durch diesen Sturm. Mitten in genau diesem Sturm aber beschließen die Besitzer der Reederei, den Kapitän zu wechseln.

Die Mannschaft ist verwirrt, verunsichert. Der Sturm tobt weiter.

Deutschland und eigentlich doch die ganze Welt ähneln seit einiger Zeit einem stürmischen Meer, wer wollte das bestreiten? Die »Bild«-Zeitung war dabei noch eines der interessanteren »medialen Schiffe«, das sich durch den täglichen Wahnsinn kämpfte.

Und nun scheint nicht nur um das Schiff herum, sondern auch im Schiff selbst ein Sturm durchgezogen zu sein.

Chefredaktion ausgetauscht

»Chefredaktion wird ausgetauscht: Nur Minuten vor der Verkündung erfuhren die ›Bild‹-Chefs von ihrem Rauswurf«, so titelt aktuell focus.de, 17.3.2023.

Axel Springer kündigte der gesamten »Bild«-Chefredaktion. Uff!

Den Vorsitz der Chefredaktion übernimmt Marion Horn. Im Verlauf ihrer Karriere als deutsche Journalistin arbeitete sie in wechselnden Funktionen immer wieder für Axel Springer. Kritische Medienkonsumenten aber denken beim Namen »Marion Horn« womöglich zuerst an Schmachtstücke wie »Merkel glaubt, was sie sagt« (bild.de, 6.3.2016).

Auf der anderen Seite hatte Marion Horn einigen Ärger an der Backe, als sie etwas zu viel »Wahrheit« über den Islam abdrucken ließ, wie die sympathischen Geister bildblog.de, 17.3.2023 aus aktuellem Anlass gern nachhaken.

Ich vermute, dass Frau Horn gelernt hat, was für Journalisten im Propagandastaat förderlich ist (Regierungschef preisen) und was nicht (Islam kritisieren).

Ob Merkel nun wirklich glaubt, was sie sagt, oder nicht: Ich glaube auf jeden Fall, dass Marion Horn weiß, wie man im Propagandastaat nach oben gelangt – nicht gegen den Willen amerikanischer Investoren.

Chefredakteur der Bild wird der bisherige »Focus«-Mann Robert Schneider. Der fiel zuletzt durch ein flammendes Plädoyer für die FDP auf (focus.de, 14.3.2023).

Die bisherigen Chefredakteure Johannes Boie, Alexandra Würzbach und Claus Strunz scheiden aus ihren Rollen aus, die Abberufung kam für sie wohl überraschend. Es wird gemunkelt, dass sie im Axel-Springer-Konzern bleiben, doch ich kann mir kaum vorstellen, dass sie eine solche tägliche Demütigung hinnehmen würden. Der früher »gegangene« Julian Reichelt führte vor, wie niedrig die Hürden sind, bei ausreichender praktischer Befähigung einen eigenen Medienbetrieb aus dem Boden zu stampfen.

Störend, aber warum?

Die Frage, ob da jemand politisch unbequem wurde, liegt nahe. Und die nächste Frage wäre, für wen die »Bild«-Leitung unbequem wurde.

Die Entlassung der Chefredaktion kam überraschend, für die Betroffenen wohl nicht weniger als für die lesende Öffentlichkeit.

Die »Bild«-Zeitung fiel zuletzt für ihre kritische Haltung gegenüber der Regierung auf. Axel Springer betont, dass der Wechsel Teil einer »fundamentalen Transformation« ist, die die Zeitung für die digitale Ära rüsten soll. Warum diese Transformation mit dem digital fitten Johannes Boie weniger gut klappen sollte als mit der Axel-Springer-Veteranin Marion Horn, wird mir nicht unmittelbar deutlich.

Nach der Erfahrung

Wie bei einem Schiff im Sturm, das seinen Kapitän wechselt, wirft der plötzliche Wechsel der Chefredaktion Fragen auf. Wurde der politische Druck zu groß, oder handelt es sich um eine notwendige Neuausrichtung, um im digitalen Zeitalter erfolgreich zu bleiben?

Es ist bezeichnend, dass wir inmitten dieses medialen Unwetters zuerst daran denken, wer wohl politisch unbequem wurde. Auch das ist ein Merkmal des »Propagandastaates«.

Wenn jemand »gegangen« wird, gehen wir aufgrund unserer bisherigen Erfahrung davon aus, dass er unbequem wurde.

Ein erweiterter Begriff von Meinungsfreiheit fordert nicht »nur«, dass Menschen ihre Meinung sagen können, sondern dass sie auch ihre Meinung in Medien wiederfinden.

Wer auch immer

Der stürmische Kapitänswechsel bei der »Bild« erinnerte uns neu daran, dass Deutschland ein Propagandastaat ist – und bestärkt unsere Vermutung, dass hinter den Kulissen ganz andere »Stürme« toben könnten, als nach außen sichtbar sein soll.

Jedoch auch unter neuer Führung könnte die »Bild«-Zeitung noch immer Wahrheiten liefern, die andere sich nicht trauen. Ich hoffe es! Die Wahrheit hat nicht viele Fürstreiter im Mainstream.

Sie oder ich habe keinen direkten Einfluss darauf, wen amerikanische Investoren wohl an die Spitze der »Bild« setzen – und doch sind wir nicht vollständig zur Passivität verdammt.

Es sind stürmische Zeiten, und mancher Sturm tobt wohl auch in den heiligen Hallen der Sturmerklärer. Wir wissen nicht, was diesen Sturm ausbrechen ließ – doch bei welchem Sturm wissen wir das wirklich?

Wir können und wir müssen also selbst jede einzelne Nachricht prüfen, ob sie plausibel ist, ob wir sie verifizieren können, oder ob unser Bauchgefühl anschlägt. (Und wer schlau ist, schaut täglich bei den »Freien Denkern« nach, welche Fragen andere Mit-Denker so stellen.)

Wer auch immer an der Spitze irgendwelcher Mainstream-Medien steht, es gilt auch weiterhin: Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst!

Weiterschreiben, Wegner!

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