16.1.2021

Wo ist das Brutzeln geblieben?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von José Ignacio Pompé
Wissen Sie noch, als man vor Wahlen hoffte, dass zwar der bisherige Politiker eine Enttäuschung geworden war, aber der neue, der würde es bestimmt besser machen?!
person slicing a meat on brown wooden board
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»You don’t sell the steak«, so besagt eine Verkäuferweisheit, »you sell the sizzle.« – Zu Deutsch etwa: Du verkaufst nicht das Steak, du verkaufst das Brutzeln.

Es soll bedeuten: Der Kunde kauft nicht wirklich das eigentliche Produkt, im Fall des Steaks also ein hitzebehandeltes Stück Tierleiche. Der Kunde kauft das Erlebnis, also »wie es sich anfühlt«.

Und auch das Brutzeln selbst ist nicht das eigentliche Produkt; das Brutzeln ist der Trigger, der den Hungrigen an das beim Essen des Steaks eintretende Gefühl erinnert. Der Käufer kauft auf das Brutzeln hin, das ist wahr, doch er tut es in Erwartung des Bratens!

So manche der heutigen Nachrichten ist eher ein Brutzeln als das Steak selbst – und manche sind sogar »nur« das »Brutzeln des Brutzelns«.

Gleich mehrere Wahlen besetzen dieser Tage viel-zu-viel Raum unserer Aufmerksamkeit.

Da sind noch immer die merkwürdigen »Wahlen« in den USA, wo aktuell die Armee aufmarschiert, um die Einschwörung des grabschenden Lügengreises vor der Wut des sich betrogen fühlenden Volkes zu schützen (für Bilder siehe etwa theguardian.com, 14.1.2021, aljazeera.com, 13.1.2021, und natürlich die Sozialen Medien). 

Da wäre die aktuelle Wahl des neuen Vorsitzenden der CDU. Als Nachfolger der heillos überforderten »AKK« wurde nun also »Armin Merkel« bestimmt (welt.de, 16.1.2021). Die Wahl fand innerhalb eines »virtuellen Parteitags« statt, und wenn man verstehen will, wie eine Person wie »Angela Laschet« gewählt werden kann, hilft es vielleicht, sich zu vergegenwärtigen, dass bei den Vorbereitungen unter anderem erklärt werden musste, was ein »Browser« sei (so spiegel.de, 15.1.2021).

Aus den USA hört man bereits Hoffnungen auf die Midterm-Wahlen. In Deutschland sollte eigentlich Hoffnung auf die Bundestagswahlen 2021 wachwerden, doch niemand wird wirklich behaupten, dass Habeck, Laschet oder der bis dahin von der SPD aufgestellte »Journeyman« (so nennt man Boxer, die davon leben, sich vom absehbaren Favoriten zusammenschlagen zu lassen, siehe engl. Wikipedia).

Spätestens nach der »unverzeihlichen« Wahl von Thüringen und den »unterbrochenen« Auszählungen in den USA muss man schon sehr glaubensstark sein, um zu glauben, dass es heute noch bei Wahlen darum geht, den Willen des Volkes abzubilden, jedem Bürger einen Vertreter gegenüber der Macht zu geben.

Es geht um etwas Anderes.

Es geht ums Brutzeln.

All diese Wahlen waren wie ein Brutzeln, das uns verspricht, dass es danach besser werden kann. »Ja, ja, der letzte Kandidat war eine Enttäuschung«, so die Botschaft, »doch mit dem nächsten wird es besser! Hört das Brutzeln und kauft!«

(Dass die »marktkonforme Demokratie« nur ein Brutzeln ist, das ist keinesfalls die Ausnahme! Der einzige Kandidat der jüngeren Geschichte, der dem Brutzeln das Steak folgen ließ, den weltweiten Frieden voranbrachte, die Situation von Minderheiten verbesserte, den Impfstoff versprach, lieferte und schnell impfen ließ, der also Wahlversprechen umsetzte, wurde vom Sumpf gnadenlos fertiggemacht. Ein Koch, der dem Brutzeln das Steak folgen lässt, ist in sogenannten modernen »Demokratien« ein »unverzeihlicher« Betriebsunfall.)

Ich frage Sie: Würde ein Kunde, der aufs Brutzeln hin ein Steak kauft, und dann überhaupt keines bekommt, oder ein Steak erhält, das von übler Qualität ist, weit schlechter als das Brutzeln versprach, würde er wieder und wieder beim selben Koch ein Steak kaufen?

Anders als der Restaurantbesucher kann sich der Bürger eines Staates nur schwer »ein anderes Restaurant« aussuchen, wenn er sich vom Ausbleiben des Steaks betrogen fühlt. (Und die Lebenserfahrung lehrt, dass andere Restaurants nicht zwingend ehrlicher sind.)

Vor allem aber ist der Bürger ja nicht rund-um-die-Uhr in die Propaganda eines bestimmten Restaurants eingebettet (wobei auch das der Fall sein kann, etwa bei Jugendlichen, dann geht der Bürger immer wieder in ein Restaurant, dessen Essen ihn buchstäblich krank macht). Beim betrügerischen Restaurant wird man ja auch bedroht und aus der Gesellschaft ausgestoßen, wenn man öffentlich feststellt, dass dem Brutzeln keinesfalls ein gutes Steak folgte.

Was aber die Politik angeht, da waren wir tatsächlich über Jahrzehnte hin wie einer, der das Brutzeln hört, und der weiß, dass er in der Vergangenheit oft genug betrogen wurde, doch er zwingt sich zur Hoffnung, dass es anders ist, dass er diesmal auch sein Steak erhalten wird.

Man beachte bitte die Vergangenheitsform im vorherigen Absatz. Wir waren wie einer, der hoffte, dass diesmal endlich aufs Brutzeln auch das Steak folgen würde – wir sind es nicht mehr.

Jedoch, ich fürchte, dass es bei näherem Hinsehen nicht unsere Lernfähigkeit gibt, die uns nicht mehr aufs Steak hoffen lässt.

Wir hoffen nicht mehr aufs Steak nach dem Brutzeln, doch nicht weil wir klüger und weiser geworden sind, sondern aus einem weit derberen Grund: Es brutzelt nicht mehr.

Laschet »brutzelt« nicht, Biden »brutzelt« nicht, Habeck »brutzelt« nicht, (Hat da jemand »löchrige Socken« gesagt?), und die SPD hält » zu brutzeln« wahrscheinlich für »rechtsradikal«.

Vor Jahrzehnten hörte ich zum ersten Mal die Janis-Joplin-Zeile, wonach Freiheit nur ein anderes Wort dafür sei, nichts mehr zu verlieren zu haben. Damals ärgerte ich mich über die Zeile. Durch alle jugendliche Naivität hindurch ahnte ich, dass da viel Richtiges dran ist. Heute beginne ich zu begreifen, dass es keineswegs (nur) sarkastischer Zynismus ist!

Es liegt etwas Beruhigendes drin, etwas Seelenstillendes geradezu, nicht mehr darauf zu hoffen, dass es mit dem nächsten Politiker besser wird.

Das immerhin ist eine »Ruhe«, die wir bald mit den Bürgern einer Reihe von Diktaturen teilen: Wir müssen uns nicht mehr am dünnen Seil der Hoffnung von Wahl zu Wahl entlanghangeln.

Es brutzelt nicht mehr. Dass es kein Steak geben wird, dass ahnten wir ja ohnehin, aber jetzt wird nicht einmal mehr Fleischlust geweckt.

In anderen, »demokratischeren« Zeiten hätten wir die nächsten Monate bis zur Wahl damit verbracht, über Politik zu fiebern, an Debatten teilzunehmen oder Freunde zu überzeugen zu versuchen. – Es hat sich alles erledigt.

Es brutzelt nicht mehr. Wenn wir zurückblicken und ehrlich zu uns sind, dann stellen wir fest, dass uns dieses Steak ohnehin nie wirklich satt gemacht hat.

Wir sind frei, uns selbst etwas zu braten, das uns wirklich schmeckt, das uns wirklich satt macht, das uns wirklich zufrieden zurücklässt.

Ein neues Jahr hat begonnen, und es hat genauso wild begonnen, wie wir es erwartet hatten. Doch auf eine unerwartete Weise sind wir auch freier, uns um das zu kümmern, was uns wirklich wichtig ist – zum Beispiel die Frage, was es heute bei Ihnen zum Abendessen gibt!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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