7.6.2020

Die Zeit der Trommler

von Dushan Wegner, Lesezeit 11 Minuten, Foto von Pan Species
Mindestabstand einhalten oder moralische Pflicht zur Massendemo?! Entweder die Coronapanik war ein Hoax, die Verbote sinnlos und die Bußgelder nichts als Abzocke – oder es werden Tausende von Leben riskiert, um etwas politische Stimmung abzugreifen.
island surrounded with body of water
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Stellen wir uns eine Insel vor, in wenig mehr als unserer Phantasie schwimmend, einen feinen, kleinen Inselstaat, gemütlich eingebettet zwischen der Küste mit dem sprudelnden Meer und den scharfen Klippen auf der einen Seite, und einem gelegentlich wütenden Berg auf der anderen.

Heute ist jene Insel ein Paradies, in fiskalischer und anderer Hinsicht, doch das war nicht immer so. Wie ein Mensch durch Phasen läuft, als Säugling, als Kind, als einer, der seinen Beruf erlernt, und so fort, bis er schließlich in die Phase der gegen ihr Vergessenwerden ankämpfenden Erinnerung übergeht, so durchschritt auch unsere Insel manche Phase. Eine dieser Phasen lag zwischen der Ankunft des Missionars und den Ereignissen, von denen wir bald an anderer Stelle berichten werden, und sie ist als die »Zeit der Trommler« bekannt.

Wo zwei oder drei Menschen sich versammeln, da ist das Chaos unter ihnen und über ihnen, und es braucht eine Ordnung, die sie davon abhält, einander die Ehre ab- und die Gurgel durchzuschneiden. Jede Gesellschaft, wie auch die auf unserer ganz frei ausgedachten Insel, jede Gesellschaft durchgeht Phasen der Selbstordnung, und eine dieser Phasen folgt bald auf die Entdeckung der Trommel.

Der Missionar hatte ihnen das Schreiben und Lesen beigebracht, und in ihren eigenen Lehren hieß es, dass wenn man einen Menschen besonders hoch ehrt, man sein Fleisch isst und sein Blut trinkt, so wollte es ihre Tradition. (verurteilen Sie mich nicht dafür, ich berichte nur!) – Nachdem sie also den Missionar besonders hoch geehrt hatten, lasen sie seine Bücher, und in diesen Büchern entdeckten sie die Anleitung zum Bau von Trommeln, und also bauten sie Trommeln, und fragen wir besser nicht, was sie zur Bespannung nahmen!

Was sie nicht in den Büchern des Hochgeehrten gelesen hatten, was sie aber bald herausfanden, war die magische Wirkung, die der Schlag der Trommel auf die Seelen der Menschen ausübt.

In jedem Menschen leben zwei Seelen. (Nach anderer Schule: Legionen!) – Die eine Seele schlägt ihre eigene, innere Trommel und marschiert auch zu dieser. Die andere Seele aber ist gar nicht wirklich eine eigene, einzelne Seele, sondern nur der Splitter einer größeren Massenseele, verloren im Einzelnen, und sobald die Splitterseele eine Trommel schlagen hört, erwacht sie zum Leben und will zurück zum Teil der großen Massenseele werden.

Es war gar nicht einfach, an das Material der Trommeln zu gelangen (wenn es auch reichlich vorhanden war). Es war nicht einfach, die Trommeln zu bauen (obgleich es in jenen Büchern im Detail beschrieben wurde). Es braucht Kunstfertigkeit, Fleiß und auch glückliches Talent, um die Kunst des wirksamen Trommelspiels zu erlernen, eines Trommelspiels, das die Splitterseelen aus dem Schlummer erweckt und die Menschen antreibt, sich als Massenseele hinter dem Schlag der Trommel zu vereinen.

Viele hatten es versucht, eine Trommel zu bauen und die Menge mit den Klang ihrer Trommel zu sammeln, und viele der Vielen waren gescheitert. Bereits die Beschaffung des Materials erfordert ja gewisse Fähigkeiten, die nicht jedem liegen! Einigen wenigen aber gelang es dennoch, und diese Wenigen nannte man »die Trommler«.

Die Trommler bauten sich auf dem Marktplatz auf, und sie schlugen die Trommeln, am Tage schlugen sie sie laut, und in der Nacht, wenn die Menschen schlafen wollten, schlugen sie sie noch lauter, denn in der Nacht hörte die Splitterseele besonders gut.

Die Menschen hörten nicht mehr auf die alten Mächtigen, die sich ihre Autorität noch mit Weisheit und Voraussicht erarbeitet hatten. Die Menschen folgten eher einem Straßengauner, der die Trommel geschickt zu schlagen wusste, als einem untadeligen Weisen, der sie mit Rat und Vorsicht angeleitet hatte, doch nun nicht die Trommel zu schlagen verstand. Die Menschen hörten keine Argumente mehr, keine Vorteile und Nachteile. Die Menschen wollten wenig von Absicht hören und gar nichts von Vorsicht.

Die Seelen der Menschen folgten den Trommeln und die Menschen folgten den Trommlern. Für ein Jahr verzweifelten die Weisen beinahe an der Unweisheit der Menschen, denn es schien wenig zu geben, was gegen die Kraft der Trommeln und gegen die Macht der Trommler getan werden konnte – doch dann passierten jene Dinge, die das Ende der Zeit der Trommler einläuten sollten.

Ein Trommler war verrückt geworden, hatte die Trommel geschlagen, während er ins tosende Meer marschierte, seine vielen Anhänger hinter sich her führend, und so ertranken fast alle von ihnen, nur wenige überlebten, er selbst rettete sich, indem er sich an seine schwimmende Trommel klammerte, doch als die Überlebenden an den Strand gespült worden waren, erschlugen ihn die, die ihm in die Fluten gefolgt waren, und das überlebt hatten, aber die ihre Lieben und Freunde an den Klippen hatten sterben sehen.

Ein anderer Trommler wurde an seiner Macht wahnsinnig und forderte das Hab und Gut seiner Anhänger ab, und als diese nichts mehr hatten und ihr Magen drei Tage und Nächte lang geknurrt hatte, wandten sie sich gegen ihn und nahmen sich alles zurück, was sie ihm gegeben hatten, und dafür, was er verbraucht hatte, nahmen sie ihm die Trommel ab, und zerstörten diese, und dann brachen sie ihm auch noch die Hände, damit er kein weiteres Teufelsinstrument baute.

Auf diese Art erging es einem Trommler nach dem anderen, bis sich unter den Trommlern schließlich welche fanden, welche stark genug waren, sich nicht so sehr an ihrer Macht zu berauschen, dass sie sich um eben diese gebracht hätten. Diese wenigen gaben das Trommeln nicht vollständig auf, oh nein, dafür war diese Kunst ein viel zu nützliches Werkzeug der Macht, doch sie lernten wieder, ihre Macht mit Weisheit und Gerechtigkeit zu rechtfertigen, und die Trommel nur selten aufzuspielen, etwa wenn ein Fest anstand, oder ein Jahrestag – oder ein Krieg.

So endete die Zeit der Trommler, doch die Zeit der Trommeln endete nie, und sie wird nie enden – die Trommeln werden bleiben, und alle paar Jahrzehnte werden wieder Trommler aufstehen, und ihre Schicksale samt der Schicksale ihrer Anhänger werden wieder und wieder ähnlich sein. Auf jener Insel aber gilt bis heute die Redensart: »Haltet die Trommeln parat, doch die Trommler haltet weit fort!«

Ohne erkennbaren Mindestabstand

Was vor wenigen Jahrzehnten noch die seltene Ausnahme und ein eigener Skandal war, was eben noch zur Sensation gereicht hätte, das wird in der Welt der Globalisten und Sozialen Medien zur allwöchentlichen Realität: die Großdemonstration.

Es hat mehr als eine Ursache, warum es seit Jahren nun weltweit immer wieder zu Großdemonstrationen kommt. Ich misstraue generell allen Großdemonstrationen (siehe auch Essay vom 21.10.2018) – viel zu oft wirken die Motivationen der Initiatoren mit gewissen »außer-demokratischen Kräften« verbunden. Auch bin ich mir nicht sicher, inwiefern sich eine große Massenparty mit Gratis-Konzerten und Verpflegung wirklich als politische Willensbekundung deuten lässt. Es gibt sie ja, die echten Demonstrationen wie »Pegida« oder »Hygienedemos«, die tatsächlich der Regierung zu widersprechen wagen und also von politiknahen Medien dämonisiert werden, doch ich tue mir schwer, einen Massenauflauf eine »Demonstration« zu nennen, wenn die Kernaussage im Grund lautet: »Hurra Regierung! Hurra Staatsfunk! Nieder mit jedem, der uns widerspricht!«

Nun, auch dieses Wochenende fanden Großdemonstrationen statt – und diesmal war der offizielle Anlass, angeblicher Rassismus in Deutschland, inspiriert von den Antifa-Zerstörungsorgien in den USA; die wiederum die Tötung des Schwarzen George Floyd zum Anlass nahmen (über den Getöteten kommen derweil diverse Dinge ans Licht, die ihn wenig geeignet erscheinen lassen, als »Heiliger« zu dienen, von Drogendelikten bis zur Beteiligung an einem Raubüberfall – die englischssprachige Wikipedia listet es – was aber alles nichts daran ändert, dass kein Mensch so brutal und elend mit dem Gesicht im Dreck und ohne Prozess zu sterben verdient).

Das eigentlich Spannende an den Großdemonstrationen in Berlin (siehe etwa @BenjAlvarez1, 6.6.2020), Köln oder Hamburg (siehe welt.de, 7.6.2020) ist nicht der behauptete Inhalt. Deutsche Demonstranten berauschen sich am Aufgehen in der Massenseele, das allein ist nicht neu, ob man mit halbem Verstand und ganzer Überzeugung nun »Sieg Heil!« oder »Wir sind mehr!« brüllt. (Es gibt in vielen Ländern regelmäßige Demonstrationen, auf denen laut gefordert wird, was die Regierung ohnehin will, doch eigentlich nur in Deutschland gehen Zigtausende freiwillig hin, und brüllen fanatisch ihren Hass in die warme Sommerluft, ihren Hass auf alle, die von Regierung und/oder Staatsfunk an dem Tag zu Gegnern erklärt wurden.)

Das eigentlich Spannende an den Großdemonstrationen am ersten Juni-Wochenende 2020 ist, dass sie praktisch allem zuwiderlaufen, was eben noch über die Gefahr von Corona und die notwendigen Abstandsregeln gesagt wurde. Aus Hamburg berichtet die umbenannte SED jubelnd, dass der Jungfernstieg wegen Überfüllung geschlossen sei (@LinksfraktionHH, 6.6.2020). Ähnliche Bilder aus Magdeburg (@Stefan_Harter, 6.6.2020), und so fort. Nicht wenige, die eben noch »Stay at home« zur Tagesparole ausgaben und jeden beschimpften, erklären es plötzlich zur Pflicht, in der politischen Masse aufzugehen.

Als Beispiel für einen von vielen: Herr Özdemir (am 7.6.2020 zu Gast im Staatsfunk bei Anne Will), verkündete eben noch:

Auch Sektierer,Wissenschaftsgegner & Verschwörungsfreaks müssen sich an Recht & Gesetz halten! Null Toleranz bei Gewalt gegen Polizisten. Wer den Mindestabstand nicht einhält gefährdet sich & andere.Muss durchgesetzt & konsequent geahndet werden.#COVIDIOTS (@cem_oezdemir, 10.5.2020/ archiviert)

Nur wenig später, heißt es:

Wichtig, dass heute so viele Menschen in Deutschland auf die Straße gehen. Vielen Dank! Ihr macht mir Hoffnung, dass wir als Gesellschaft stärker sein können als der Hass und dass wir Rassismus gemeinsam bekämpfen. (@cem_oezdemir, 6.6.2020/ archiviert)

Die »Guten« scheinen längst aufgegeben zu haben, auch nur den Anschein von Kohärenz erwecken zu wollen. Ist die Logik erst ruiniert, fordert es sich ungeniert. Die Moral der Moralisten kennt keine Regel, keinen Wert, keine wahre Rechtfertigung außer der, dass deren Macht der erste, letzte und wirklich relevante Maßstab ist, der alles, wirklich alles andere rechtfertigt. Es ist denen kein Widerspruch, kein inneres Dillemma, nein! Die erregen sich an Macht und Möglichkeit, den Gegner, der sich nicht ihrer Macht unterwerfen will, ohne Argumente zu demütigen, zu bannen, zum Schweigen zu bringen (vergleich etwa @janskudlarek 7.6.2020/ archiviert).

Ich möchte keiner von den Guten sein, denn ich vermag wenig, nein, weniger als wenig Gutes an den Guten zu erkennen.

Tausende und Zigtausende versammelten sich, Schulter an Schulter, meist ohne irgendeinen Mindestabstand, meist ohne Masken, als wäre die Corona-Gefahr halt die Empörungs-Mode der letzten Woche, aktuell ersetzt durch die Empörung über angeblichen Rassismus in Deutschland.

Eben erst, einen Steinwurf auf der Zeitachse entfernt, berichteten wir von der Familie, die brav 1.000 Euro Bußgeld zahlte, weil sie gemeinsam spazieren ging und damit ganz doll schlimm gegen die Corona-Regeln verstieß – es ist mir nicht bekannt, dass auch nur ein einziger linker Demonstrant mit Bußgeld belegt wurde. Sind die Corona-Bußgelder damit aufgehoben? Nicht ganz – nehmen wir etwa NRW: In Köln wurde zu Tausenden demonstriert, ohne erkennbaren Mindestabstand und auch ohne mir bekannte Bußgelder (siehe etwa @iBlali, 6.6.2020/ archiviert) – doch am selben Wochenende löste die Polizei in Dortmund eine Party auf und jedem Feiernden wurde ein Bußgeld von 200 Euro aufgedrückt (so @rtlwest, 7.6.2020).

In und über Deutschland

Wie stellt man fest, welche Regeln für ein System wirklich gelten? Man könnte, wenn irgendwer innerhalb jenes Systems der Sprache und Erklärungen mächtig ist, diesen befragen – und dann kann man dessen Behauptungen glauben oder auch nicht.

In und über Deutschland heißt es, dass wir eine aufgeklärte Nation seien (so man noch »Nation« sagen darf), eine Demokratie und ein Rechtsstaat.

Jedoch, wenn wir die tatsächlichen Regelmäßigkeiten betrachten und auswerten, könnten wir einen eigenen, eher unharmonischen Eindruck gewinnen.

Eine wenig schmückende Perlenkette unangenehmer Fragen stellt sich: Wenn Politiker wirklich daran glauben, dass Corona eine Gefahr darstellt, warum lassen sie die »Anti-Rassismus-Demonstration« genannten Corona-Parties nicht effektiv verbieten?

Ist das linke Denken wirklich so verwirrt, so unaufgeklärt, so brachial dem Aberglauben verhaftet, dass man sich überzeugt hat, ein Virus würde schon nicht zuschlagen, wenn der Träger nur die »richtig« politische Gesinnung hat?

Zyniker weisen darauf hin, dass im Höhepunkt der Corona-Angst die Umfragewerte der CDU wieder in die Höhe gingen – und die CDU davon profitieren würde, wenn nach den Demonstrationen die Reproduktionszahl wieder rapide stiege. Mag vielleicht sein, mag vielleicht nicht sein. Ich befürchte ja fast schon, dass es bald heißt: »Wer kein Corona hat, ist Rassist.«

Im deutschen Bier

Für eine kurze Zeit, einige Jahrzehnte, schienen die Deutschen tatsächlich von einer verantwortlichen Moral und demokratischer Vernunft geleitet und angetrieben. Doch, davor, und nun danach, folgt die Masse nicht einer durchdachten Vernunft. Die Deutschen folgen, wieder, den Trommeln des Tages – und damit den Trommlern.

An einem Tag schlagen die Trommeln für das eine Anliegen, am nächsten Tag für ein ganz anderes, und die Demonstranten laufen hinterher.

»Die Mehrheit? Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wen’gen nur gewesen«, so werden wir bei Schiller gemahnt (für weitere Zitate zur Menge und Masse siehe meinen Text »Die Mehrheit liegt selten richtig, aber oft falsch«)

Etwas schwimmt im deutschen Bier, das einen Teil der Deutschen besonders schnell und lustvoll den Trommeln des Tages folgen lässt.

Es liegt an uns

Es ist ein unerfreuliches Anliegen, den halbverlorenen Seelen, die so gern den Trommeln der Trommler folgen, den Klang der Trommeln nehmen zu wollen – es ist die höchste Lust, die ihr graues Leben kennt. Das Teuflische am Schlag der Trommeln ist, dass er die Hörenden so abstumpft, dass sie bald nichts anderes mehr hören, an wenig anderem noch Lust empfinden als am immer lauteren Schlagen der Trommeln, vollständig egal, beliebig und austauschbar, zu welcher Demonstration gerade getrommelt wird, solange nur getrommelt wird.

Die Trommeln werden geschlagen, weil sie so zuverlässig wirken. Die Trommeln werden geschlagen, weil die Trommler jeden Tag mehr Grund zu haben scheinen, durch den Schlag der Trommeln von ihren Taten abzulenken.

Es liegt an uns, dem Schlag der Trommeln zu widerstehen. Es liegt an uns, den von der Trommel aufgepeitschten Horde aus dem Weg zu gehen.

Es liegt an der Demokratie, so sie noch Kraft und Grund hat, den Trommlern die Trommeln aus der Hand zu nehmen. Haltet die Trommeln parat, doch die Trommler haltet weit fort!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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