02.12.2022

Nichts sehen, nichts hören, vor allem aber: nichts sagen

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Chris Tweten
Die deutsche Mannschaft flog in der Vorrunde aus der WM. Symbolisch für Deutschland, sagen manche. Genau wie die Geste mit dem zugehaltenen Mund – wenn man sie um die beiden anderen Affen ergänzt: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.
three wise monkeys
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Der erste Affe hält sich die Augen zu, der zweite die Ohren, und der dritte den Mund. – Das Bild der drei Affen stammt aus dem Schatz asiatischer Gleichnisse (siehe Wikipedia), doch sie sind weltweit bekannt; es gibt sie sogar als Emojis: 🙈🙉🙊

Diese drei Affen gehören ja in unserem Kopf zusammen! Wenn wir einen dieser Affen sehen, denken wir immer auch an die anderen beiden.

Wenn wir also etwa 🙊 sehen, denken wir an 🙉 und 🙈 – wir können gar nicht anders!

Der ist zu beneiden

Die Fußballmanschaft des deutschen Propagandastaates hatte kürzlich bei der WM in Katar beschlossen, öffentlich den Mund-Zuhalte-Affen zu mimen (siehe auch Essay vom 23.11.2022). – Es sollte signalisieren, dass man empört darüber sei, nicht die Bürger des Gastgeberlandes in ihren religiösen Gefühlen verletzen zu dürfen.

Ich werde hier nicht weiter auf das Drama um die lächerliche »neue deutsche Armbinde« eingehen. Wer wissen ​wollte​, der weiß Bescheid, und wer nicht Bescheid weiß, der ist zu beneiden.

Das Ergebnis ist, dass erstens Deutschland sich zwar für den Moralweltmeister hält, aber leider nicht Fußballweltmeister wird, da es die Vorrunde nicht überstand.

Für den Spott

Man könnte sich natürlich als Weltmeister »identifizieren«, und alle als »weltmeisterphob« beschimpfen, die das nicht so sehen. Oder man könnte sich selbst auch als Clowns betrachten, denn das ist, wie bissige Zeitgenossen im Ausland die deutsche Mannschaft bezeichnen.

Frei nach einer guten deutschen Redeweise: Wer ˋnen Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

In den Sozialen Medien kursierte bald eine Montage, welche die deutsche Mund-Zuhalte-Mannschaft mit Clown-Perücken zeigt (siehe 9gag.com).

Japanische Fans posierten feixend mit zugehaltenem Mund. Ich habe einen TV-Clip aus der arabischen Welt gesehen, da machten sich Moderator und Gäste lustig, indem sie die deutsche Affengeste, äh, nachäfften.

Und auch in Deutschland sparten Bürger und Publizisten nicht mit Häme an der Mannschaft, die den Deutschen als die »ihre« vorgesetzt wird.

Stellvertretend für viele Kommentare ähnlicher Stoßrichtung sei hier Meinungsfreiheit-Anwalt Joachim Steinhöfel zitiert:

Die Leistung der Mannschaft ist in geradezu idealtypischerweise ein Spiegelbild des Zustand dieses Landes. Aber wenigstens hat der DFB schön über die lustige Armbinde diskutiert. (@steinhoefel, 1.12.2022)

Steinhöfel wählt höfliche Worte. Andere Deutsche wählen ein derberes Vokabular für den Zustand des Landes, welches sich in der Leistung seiner Fußballmannschaft spiegelt.

Welcher Affe

Die Spieler machten sich zum Affen, der vorgeblich nichts sagen darf, doch die Welt sah dazu den Affen, der nichts hören und nichts sehen will, kann oder darf (oder alle drei).

Wer im deutschen Propagandastaat eine jener Karrieren machen will, für die es die Erlaubnis und Förderung von Politik und Staatsfunk braucht, also etwa Fußballer, der muss sich die Augen und Ohren verschließen, um nicht das Falsche zu sehen oder zu hören. Und er sollte wie die deutsche Mannschaft sich den Mund zuhalten, um nicht aus Versehen eine verbotene Meinung zu sagen, ob in Katar oder in Deutschland.

Auch hässlich

Das Problem an den neuen deutschen Lebenslügen ist nicht einmal, dass es Lügen sind, sondern dass die Lügen so dümmlich, so vulgär, so bestenfalls naiv sind. Man könnte sagen wollen: Unsere Lebenslügen sind nicht nur gelogen, sondern auch hässlich.

(Die Grünen aber bleiben die paradigmatische Heuchelei- und Lebenslügenpartei: Während die deutsche Mannschaft sich moralbesoffen lächerlich macht, unterschreibt Habeck einen 15-Jahre-Gas-Deal mit dem ach-so-schlimmen Katar; siehe welt.de, 29.11.2022.)

Ja, für Weisheit

In Japan steht das Motto der drei Affen, »Mizaru, kikazaru, iwazaru«, »nichts sehen, nichts hören, nichts sagen«, für Weisheit und Lebensklugheit!

Die drei Affen sind weise, und sie lehren uns: Das moralisch wie auch ästhetisch Unschöne soll man nicht betrachten, nicht darauf hören, ja, nicht einmal darüber sprechen.

Wenn Sie sich diesen Text zum Beispiel mit einem Screen-Reader von Apple vorlesen lassen, wie es etwa Blinde tun könnten, dann wurden Ihnen die Affen-Emojis »🙉🙈🙊« vorgelesen als »Affe: nichts Böses hören«, »Affe, nichts Böses sehen«, und »Affe, nichts Böses sagen«.

Oder richtiges Leben

Wir dürfen also jener Weisheit folgen, und wir schauen für den Moment vom Bösen weg, ob in Katar oder anderswo – und auf die wichtigen Dinge.

Ob Fußballmeisterschaft oder richtiges Leben. Am Ende gewinnt immer die Realität. (Es gibt übrigens ein neues, farbenfrohes Shirt dazu!)

Ja, am Ende gewinnt immer die Realität – und das stimmt mich zugleich nervös und eben doch hoffnungsfroh.

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