23.11.2022

REWE, die Mannschaft und das Lachen

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Foto von Willie Burger
»Die Guten« wollen, dass deutsche WM-Fußballer »die Armbinde« tragen, auch wenn es religiöse Gefühle im Gastgeberland verletzt. – Beim Surfen auf dem Zeitgeist wird man versehentlich zum Islamkritiker, oder, wie man heute sagt, zu »Islamophoben«.
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Ein lautes Lachen. Ein superlautes, ganz offen höhnisches Lachen, so vermute ich, ist seit gestern in der Marketing-Abteilung von REWE zu hören.

Es wird ein Lachen über die Doofheit der deutschen Debatte sein, über vulgäre Fake-Moral, mit welcher man heute an Aufmerksamkeit kommt – also an den wichtigsten Rohstoff der Verkaufskunst.

Aktuell erleben wir in den hysterischen Ecken des Internets, und lesen es sogar in den total seriösen Nachrichten des Staatsfunks, dass die REWE-Gruppe die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußballbund beendet (tagesschau.de, 22.11.2022).

Beim ersten Lesen erscheint uns als Grund, dass die Fußballspieler des DfB bei der Weltmeisterschaft in Katar nicht mit einer »One Love«-Armbinde auflaufen dürfen. Mit dieser »bunten« Armbinde würden sie die moralischen Vorstellungen und den Glauben der Muslime im Gastgeberland verletzten (und sich womöglich strafbar machen). Der Weltfußballverband FIFA hatte es also verboten. Und Rewe findet das total doof, dass FIFA nicht den Glauben der konservativen Muslime verletzten will – oder so.

Rewe-Chef Lionel Souque formuliert es natürlich anders, nämlich mit allen heute notwendigen Moral-Vokabeln (ebenda): »Wir stehen ein für Diversität – und auch Fußball ist Diversität.« (Es wäre reichlich müßig, diesen PR-Bullshit auseinanderzunehmen. Was ist an einem Sport, in welchem die Zuschauer nur top-gesunde Männer kämpfen sehen wollen, wirklich »divers«? )

Aber nein, das will nicht wirklich diskutiert werden. Es ist »moralischer Wortsalat«. Nur so viel scheint klar: Der REWE-Konzern ist wütend darauf, dass die deutschen Fußballspieler sich weigern, mit der von (angeblicher) öffentlicher Empörung vorgeschriebenen Armbinde aufzulaufen.

Und die Empörung bei Rewe über Fußball ohne die »richtige« Armbinde, sie ist wirklich imponierend! Stellen Sie sich nur mal vor: Man gibt ab sofort sogar das DfB-Sammelbilderalbum gratis weg!

So, so, so …

Der Mut der REWE-Chefs ist natürlich ein komfortabler »Mut«. Ein Mut aus der Ferne, indem man fordert, dass andere sich strafbar machen, Millionen Dollar verlieren und sich womöglich in Lebensgefahr bringen.

Was REWE aber nicht merkt: Wie besoffen von der eigenen opportunen Fake-Moral ist REWE – vermutlich unabsichtlich – in den Kreis der Islamkritiker aufgestiegen!

Was Katar fordert, ist schlicht, dass die Gäste die Religion und Sitten des Gastgeberlandes respektieren.

Und das findet Rewe nicht gut?

So so.

In was man alles so reinrutscht

Was macht eine Religion aus, was ist eine Religion? Wenn eine Religion sich aus den Lehren ihrer Gelehrten, dem Glauben der Gläubigen, den Ritualen und dann der gelebten Glaubenspraxis ergibt, dann sind Islam und Homosexualität kaum vereinbar.

Sogar der entsprechende Eintrag in der politischen eher linken Wikipedia stellt fest, dass für die »Mehrheit der konservativen islamischen Vertreter« homosexueller Geschlechtsverkehr »als zu bestrafendes Vergehen« gilt.

Ja, ich traue es den PR-Fachkräften von REWE durchaus zu, aus Versehen in die Islamkritik gerutscht zu sein. Da in Deutschland jede Kritik am Islam als »Islamophobie« kategorisiert wird, darf man sagen: Beim Surfen auf den Wellen des Zeitgeistes ist Rewe in die Islamophobie abgedriftet. (Die linken Lebenslügen von »Toleranz« und »Diversität« sind in sich widersprüchlich und inkohärent – es sind eben Lügen. Es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis einer, der linke Lebenslügen lebt, in Widerspruch zu sich selbst gerät.)

Der Rewe-Islam

An anderer Stelle hat Rewe ja deutlich weniger Berührungsangst mit dem Islam. Unter der URL rewe.de/ernaehrung/halal/ bietet der Konzern nützliche Tipps zum Thema »Halal«, also Ernährung nach muslimischen Reinheitsgeboten.

Sogar die Schächtung wird brav erklärt: »Bei der rituellen Schlachtung wird Allah angerufen und das Tier mit einem einzigen Schnitt durch Luftröhre, Speiseröhre und Hauptschlagader getötet. In Deutschland werden Tiere vorher betäubt.« – Übrigens: So wie Rewe das (Stand 23.11.2022) schreibt, ist es nicht ganz wahr. Die betäubungslose Schächtung kann auf Antrag durchaus erlaubt werden; siehe etwa ml.niedersachsen.de.

Versucht Rewe nun also, einen »Rewe-Islam« zu erfinden? Ist Islam eine Baukasten-Religion, die Marketing-Leute sich nach Gusto selbst basteln können?

Der »Islam« in den Köpfen der Rewe-Marketingabteilung ist vermutlich der »Multikulti-Stadtteilfest-Islam«. Man assoziiert mit »Islam« eher so »Falafel« und »Apfeltee«, nicht »Osmanisches Reich vor Wien« und »Scharia-Gerichte«.

Zeichen, erst jetzt?

Stellt REWE wirklich erst jetzt fest, dass die FIFA ein »eigenes« Konzept von Moral hat?

Dass es gar beim Fußball zuerst um Geld geht, außerdem um Geld und dazu auch um Geld?

Nun, dass die Fifa überhaupt in Katar spielen lässt, war bislang kein Problem, das so dramatische Aktionen rechtfertigen würde.

Erst wenn die deutsche Mannschaft es wagen sollte, ohne die Pflicht-Armbinde aufzulaufen, um nicht die religiösen Gefühle der Mehrheit im Gastgeberland zu verletzen, ist für Rewe eine rote Linie überschritten.

Worum geht es Rewe ​wirklich​?

Wird der Rewe-Chef nun persönlich nach Katar reisen?

Wird er sich dort mit einem Regenbogen-Banner auf den Marktplatz stellen und laut die Legalisierung und volle Anerkennung von Homosexualität fordern?

Wird man sich generell vom Islam distanzieren?!

Wird man als Zeichen gegen die religiös bedingte Intoleranz die symbolisch aufgeladenen halal-Produkte aus dem Sortiment nehmen?!!

Nein, natürlich nicht.

Es wirkt fast so, als wäre all die Moral nur Show.

Ein zweites Mal

Die REWE Gruppe besteht aus einer Aktiengesellschaft und einer Genossenschaft. Eine so schwerwiegende PR-Handlung wie mit »König Fußball« zu brechen kann gar nicht ohne Berücksichtigung wirtschaftlicher Konsequenzen geschehen. Wenn diese Entscheidung aber zum Schaden der Anteilshaber wäre, könnten diese die Verantwortlichen verklagen – und theoretisch könnte sogar der Staatsanwalt drüberschauen wollen, wenn aus »moralischen« Gründen ein Schaden fürs Unternehmen in Kauf genommen wurde.

Wir ahnen, dass da niemand klagen wird.

Etwas scheint also schräg an dieser »Moral«.

Wir lesen den obigen Tagesschau-Artikel ein zweites Mal …

… und wir entdecken ein interessantes Detail.

Der Text sagt:

Das Unternehmen hatte dem DFB bereits im Oktober mitgeteilt, es wolle den Partnerschaftsvertrag nicht weiterführen. (tagesschau.de, 22.11.2022)

Die WM begann aber erst einen Monat später!

Nimmt Rewe nun, quasi als »Zeitgeist-Gag«, die zuvor getroffene Entscheidung, und kleidet sie in »Moral«?

Nach den aktuellen Entscheidungen der FIFA sowie den Aussagen von FIFA-Präsident Infantino allerdings sieht sich das Unternehmen aufgefordert, sich in aller Deutlichkeit von der Haltung der FIFA zu distanzieren und auf seine Werberechte aus dem Vertrag mit dem DFB – insbesondere im Kontext der Weltmeisterschaft – zu verzichten. (REWE, nach tagesschau.de, 22.11.2022)

Nicht nur Zyniker können es deuten: Die »Moral« ist nur Show, Theater – »Fake-Moral« eben, wie »Gutmenschen« es tun.

Es war längst geplant – und jetzt macht man eben eine Moral-Show daraus.

Ohne Armbinden

Es geht um Geld, es geht immer um Geld. Und um Aufmerksamkeit, die wiederum zu Geld führt. Es geht vermutlich um gute Kontakte zum Propagandastaat.

Wenn man einen ohnehin getroffenen Beschluss mit etwas Gratis-Moral-PR aufladen kann und seine sonstigen Ziele fördern kann – warum nicht?

Zur Illustration sei etwa der NRW-FDP-Landtagsabgeordnete Joachim Stamp zitiert, der auf Twitter so etwas wie »Werbung« für den Konzern zu machen schien:

Heute Großeinkauf bei #REWE. (@JoachimStamp, 22.11.2022/ archiviert)

Jener Politiker ist ansonsten zuletzt damit aufgefallen, sich die Impfpflicht vorstellen zu können (focus.de, 23.11.2021) und, ganz im Stil des Propagandastaates, bei Karnevalsveranstaltungen gegen Ungeimpfte zu hetzen (tonight.de, 16.2.2022).

Es sind halt immer wieder die Gleichen.

Wer sich weigert

Wir glauben schon längst nicht mehr den Faktencheckern, wenn sie von »Fakten« reden. Ebenso wenig sollten wir den Moralisten glauben, wenn sie von »Moral« reden. Beide scheinen sie von denselben Interessen getrieben.

Dies ist Deutschland 2022, und wer sich weigert, beim Sport-Einsatz im Ausland auf Befehl die richtige Armbinde zu tragen, gilt als unmoralisch.

Und der einzige Akteur bei dieser ganzen Armbinden-Angelegenheit, der glaubwürdig von »Moral« getrieben zu sein scheint, ist tatsächlich Katar.

Ich sage wahrlich nicht, dass Katars »Moral« mir sympathisch wäre. Es ist aber ein Fakt, dass die Kataris die einzigen sind, die von einer solchen getrieben zu sein schienen.

Ja, es scheint ein Coup des REWE-Marketings zu sein, eine ohnehin getroffene Entscheidung als Feuerwerk der Fake-Moral strahlen zu lassen.

Und: Es ist ein Kunststück des Betriebspersonals des Propagandastaates, gleichzeitig für und gegen Islam zu sein.

Eines der Geschwisterkinder

Ich bilde mir ein, dass wir das Lachen aus der REWE-Marketingabteilung hören können.

Heute dürfen wir uns aber erlauben, einfach mal mitzulachen.

»Lachen, Weinen, Lust und Schmerz sind Geschwisterkinder«, so schrieb Goethe, und natürlich ist es wahr.

Nun, mir ist in diesen Jahren manchmal zum Weinen ob der Realität. – Schmerz über unsere verpassten Chancen empfinde ich sowieso. Und wenn ich so etwas wie »Lust« in diesen Angelegenheiten empfinden könnte, dann wäre es wohl eher dann, wenn es mir gelingt, ein präzises Wort für diese oder jene Schräglage zu finden!

Das mit dem Lachen jedoch, das ist extra wahr.

Wir sehen die Heuchelei, und es ist alles etwas schmerzhaft, und deren Lachen ist kaum zu leugnen – das macht es nicht einfacher.

Und absurd dazu

Sogar die deutschen Fußballer müssen offenbar lachen – und so haben sie ein aktuelles Mannschaftsfoto machen lassen, auf dem sie sich den Mund verdecken (tagesschau.de, 23.11.2022). Mit offenem Mund zu lachen, das gehört sich nicht. Oder wollen sie uns mit dem Zuhalten des Mundes sagen, dass Islamkritik verboten ist, aber nicht verboten sein sollte?

Es ist Theater, und absurd dazu.

Heute aber erlauben wir uns, ebenso zu lachen.

Wir lachen nicht über das Schicksal der »Anderen« in Katar, natürlich nicht. Wir lachen auch nicht über das Auftaktspiel gegen Japan – das war eher so traurig (1:2 gegen Fußball-Weltmacht Japan; siehe bild.de, 23.11.2022 – und am Sonntag spielt man gegen Spanien).

Wir lachen über die Absurdität unserer eigenen öffentlichen moralischen Debatten, die mehr so ein absurdes Moraltheater sind, als seriöse oder auch nur ehrliche Debatten.

Heute dürfen wir einen Tag lang lachen – und morgen wird es wieder ernst.

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