23.2.2018

Es gibt keinen Erfolg ohne Arbeit, keine Zufriedenheit ohne Mühe

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Bild von Sergio Alejandro Ortiz
Sich selbst zu überwinden ist viel mehr Arbeit, als gegen einen äußeren Gegner zu wüten. Deshalb sind „Reichtum ohne Arbeit“ oder „Anti-Fatshaming-Aktivismus“ so erfolgreich. Sie nennen es Gerechtigkeit, aber es ist das Gegenteil davon.
Es gibt keinen Erfolg ohne Arbeit, keine Zufriedenheit ohne Mühe
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Ich kann nicht Geige spielen. Der Grund dafür ist einfach: Ich habe nicht die Zeit und Mühe investiert, Geige spielen zu lernen. Auf dem Klavier kann ich Popsongs begleiten und einige Etüden abarbeiten, denn meine Eltern haben mich damals angehalten, das Klavierspiel zu üben. Als ich aber letztens eine Geige zur Hand nahm und zu spielen versuchte, hämmerte PeTA an die Tür, weil sie glaubten, gefolterte Katzenbabys retten zu müssen.

Nun stellen Sie sich vor, ich hätte mich selbst davon überzeugt, dass ich Geige spielen können muss, dass ich geradezu unvollständig bin, wenn ich es nicht tue. Vielleicht, weil ich als Kind im Fernsehen Oliver Maass und seine Zaubergeige geschaut habe. Vielleicht, weil André Rieu immer zu Neujahr in Köln auftrat. Warum auch immer – stellen wir uns vor, ich sei fixiert auf den Gedanken, ich müsse die Geige spielen, und ich wolle von der Welt dafür bewundert werden.

Die eine Möglichkeit wäre, meinen Zeitplan umzustellen und das Training zu beginnen. Ich müsste eben Tag für Tag üben, bis die Finger bluteten. Der Rücken würde wehtun, die Arme würden wehtun. Meinem Hirn würden viele Dinge einfallen, die im jeweiligen Moment angenehmer wären, als immer nur zu üben, üben, üben. Ich müsste mich überwinden, um eines Tages das große Ziel zu erreichen

Oder ich könnte eine andere Möglichkeit versuchen.

Ich könnte mich mit anderen Möchtegern-Geigespielern verbünden, und politisch durchzusetzen versuchen, dass die Welt so tun muss, als ob ich Paganini wäre! Ich könnte fordern, dass auch mir ein Preis für herausragendes Geigenspiel verliehen wird. Ich könnte Beziehungen spielen lassen, bis auch ich in der Philharmonie auftreten darf.

Ja, all dies Intrigieren, Politisieren und Ausweichen scheint fast mühsamer als das Geigenspielen selbst zu sein – aber was tut man nicht alles, um das Üben zu vermeiden!

Florence Foster Jenkins

Ich muss Ihnen an dieser Stelle unbedingt von „Florence Foster Jenkins“ erzählen! Sie war die Tochter eines reichen amerikanischen Anwalts und Bankiers, und sie lebte von 1868 bis 1944. Die folgende beschreibende Passage übernehme ich verbatim aus der Wikipedia, weil sie in ihrer Trockenheit eine poetische Kraft entfaltet, von der ich mir gar nicht sicher bin, dass sie von den Autoren unbeabsichtigt war:

1885 heiratete sie den Arzt Frank Thornton Jenkins. Bald darauf wurde sie von ihrem Ehemann mit Syphilis angesteckt. Aufgrund der seinerzeit üblichen Quecksilber- bzw. Arsen-Behandlungen gegen die Krankheit verlor sie ihre Haare und musste für den Rest ihres Lebens Perücken tragen. Vermutlich haben die Krankheit und/oder die Behandlungsmethoden ihr Gehör und ihr zentrales Nervensystem dauerhaft geschädigt. 1902 trennte sich das Paar. Jenkins verdiente sich einen bescheidenen Lebensunterhalt als Klavierlehrerin. 1909 traf sie den englischen Shakespeare-Schauspieler St. Clair Bayfield. Sie gingen eine Ehe ein, die den Rest ihres Lebens dauerte. Später wurde er ihr Manager. Im selben Jahr starb ihr Vater und hinterließ ihr so viel Geld, dass sie sich ganz auf ihre Gesangskarriere konzentrieren konnte, von der ihr die Eltern abgeraten hatten. Sie begann, am Musikleben in Philadelphia teilzunehmen, gründete und finanzierte den Verdi-Club, nahm Gesangsunterricht und gab 1912 mit 44 Jahren ihr erstes Konzert. Schon bald verbreitete sich ihr Ruf als schlechte Sängerin, erst in Philadelphia und dann im ganzen Land, ihre Konzerte wurden zu einem schrägen Tipp für Insider. Nach einem Autounfall mit einem Taxi schenkte sie dem Fahrer eine Kiste Zigarren, weil seit dem Zusammenstoß ihr hohes f noch höher geworden sei. Obwohl das Publikum nach mehr Auftritten verlangte, beschränkte sich Jenkins auf seltene Auftritte vor einem erlesenen Publikum, das sie selbst auswählte, wie bei ihren jährlichen Konzerten im Ritz-Carlton-Hotel in New York City. Am 25. Oktober 1944 gab sie dem öffentlichen Druck endlich nach und sang mit 76 Jahren ein Konzert in der Carnegie Hall, das schon Wochen vorher ausverkauft war und dessen Eintrittskarten auf dem Schwarzmarkt große Summen kosteten. Einen Monat später starb sie an einem Herzinfarkt. Freunde vermuteten, sie sei am Gram über die vernichtenden Kritiken gestorben.
wikipedia.de zu Florence Foster Jenkins, Stand 23.2.2018

Ich weiß nicht, wo und wie ich diesen wunderbar trockenen Wikipedia-Text kürzen sollte. Wahrscheinlich im Mittelteil etwas, aber dann würde es doch fehlen. Auf YouTube gibt es übrigens Audio-Aufnahmen der Künstlerin.

(@Hellegatt weist darauf hin, dass, wie am Fall Jenkins deutlich wird, manchmal alles Üben nichts hilft, weil man einfach nicht die notwendigen Voraussetzungen mitbringt. In dem Fall sind einem wohl Freunde zu wünschen, welche nicht scheuen, diese Tatsache auszusprechen.)

Es scheint also noch einen weiteren Weg zu geben, als Geiger anerkannt zu werden: Wenn es mir partout nicht gelingen will, politische Unterstützung für meine verpflichtende Anerkennung als Musikkünstler zu mobilisieren, kann ich noch immer viel Geld erben und dann Konzerte geben, die aufgrund ihres Kuriositätswertes besucht werden.

Oder ich könnte üben, üben, üben.

Ich das Tier, ich der Philosoph

Beim Kampf gegen einen äußeren Gegner übernimmt das Animalische in uns, beim Üben aber sind wir selbst der Gegner. Sich selbst zu überwinden ist viel mehr Arbeit, als auf Autopilot gegen einen äußeren Gegner zu wüten. Das eine braucht tägliche Überwindung, das andere geschieht wie von selbst.

Trägheit zu bedienen ist ein lukratives Business. Diät-Anbieter versprechen, einem die Selbstüberwindung einer Ernährungsumstellung und täglichen Sports zu ersparen, mit Hilfe von kaufbaren Pülverchen und der jeweils nächsten Wunderdiät. App-Anbieter versprechen, mit „diesem einen merkwürdigen Trick“ ihren Kunden die tatsächliche Mühe etwa des Sprachenlernens zu ersparen. Anti-Fatshaming-Aktivistinnen versuchen, gefährliche Adipositas „normal“ zu machen, und sich so die Mühe von bewusstem Essen und täglichem Sport zu sparen. Die US-Öko-Kette Whole Foods hatte sogar eine Zeit lang geschälte Orangen im Angebot, in Plastik verpackt, für den extra-faulen Orangen-Esser.

Als es nur die Konsumindustrie war, die uns mit ihren Vereinfachungsversprechen verführte, hatte es ja durchaus seine Reiz. Wer will denn nicht mehr Freizeit haben, dadurch dass Maschinen seine Haushaltsarbeit übernehmen? Heutige Populisten versprechen Karriere ohne Leistung, Wohlstand ohne Mühe und Einkommen ohne Bedingung – und sie nennen es „Gerechtigkeit“. Es ist das Gegenteil von Gerechtigkeit.

Wenn wir den Violinisten auf der Konzertbühne erleben, lauschen wir nicht nur der schönen Melodie. Wir ahnen auch die jahrelange harte Arbeit, die hinter der Leichtigkeit seiner Fingerbewegungen steckt. Wir applaudieren beidem, der Musik und der Mühe hinter der Musik.

Das Versprechen, irgend etwas Lohnenswertes könne ohne Arbeit und Selbstüberwindung erreicht werden, ist eine Lüge. Glück braucht Ordnung, und wir müssen diese Ordnung selbst geschaffen haben. Das selbst verdiente Geld macht glücklicher als das im Lotto gewonnene – so es denn zum Leben reicht. Das selbstgebaute Haus macht glücklicher als das geerbte – sofern man nicht an der Hypothek erstickt. Der selbst gebackene Kuchen schmeckt besser als der gekaufte – sofern man nicht Zucker und Salz verwechselt oder den Kuchen zu lange im Ofen gelassen hat.

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