Teile des Berliner Stromnetzes folgten dieser Tage dem kollektiven Berliner Denkvermögen: Es kam zum Stromausfall aufgrund linksextremer Aktivitäten. Bei leichtem Schneefall und Temperaturen um den Gefrierpunkt sind nun auch in der folgenden Woche Tausende Berliner ohne Strom (siehe etwa nius.de, 03.01.2026). Weder der Anschlag durch Linksextreme noch die Inkompetenz der Verantwortlichen überraschen wirklich. Dit is Berlin.
Interessant(er) an der Berlin-Causa sind (wie so oft) die Verschwörungstheorien. Ich lese bei Danisch heute etwa von einer solchen:
Haben wir vielleicht gerade eine Dunkelflaute und einen Zusammenbruch des Netzes, und man hat einen „Lastabwurf“ getrieben, einen Teil geopfert, um dem gesamten Zusammenbruch zu entgehen, aber so, dass man das nicht direkt der Regierung und den Grünen anlastet und gleich AfD wählt?
– danisch.de, 04.01.2026
Die buchstäbliche »Verschwörung« bestünde also wohl darin, wenn ich das richtig verstehe, dass die Stromversorgung eines kleinen Teils der Bevölkerung »geopfert« wurde, um Instabilität im gesamten System zu verhindern.
Nun, ich bin kein Indscheniör, doch scheint mir, dass die Auswirkungen eines Stromausfalls in so geringem Umfang auf die Stromversorgung Gesamtdeutschlands ähnlich verschwindend gering sind wie der Einfluss Deutschlands auf die weltweite CO2-Produktion.
Wenn ich selbst eine Verschwörungstheorie zum Stromausfall hätte, würde ich vielleicht eher an eine Übung denken. Vor der globalen Covid-Panik wurden bekanntlich entsprechende theoretische Übungen durchgeführt (»Event 201« am 15.10.2019 in New York, siehe weforum.org). Warum also nicht reale experimentelle Übungen, um zu studieren, wie die Bevölkerung auf das Abschalten des elektrischen Stroms reagieren wird?
Bei bild.de schreibt Ulf Poschardt ein schmalztriefendes Rührstück über den »Zusammenhalt« der Stromausgefallenen: »Im Dunkeln sind alle gleich« (bild.de, 4.1.2025).
Die Dunkelheit macht alle gleich, die Kälte drückt Reich und Arm, laut und leise, alt und jung, Dreadlocks und Nasenring und die Mama mit der Hermes-Tasche zusammen. Alle sorgen sich um alle. Die meisten Telefonate sind Hilfsangebote oder Fragen, wie es geht.
– Ulf Poschardt, via bild.de, 4.1.2025
Hach, wie schön! Der totale Ausfall als großer Gleichmacher. Poschardt schwärmt wohl von dem, was der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani jüngst als die »Wärme des Kollektivismus« beschrieb (nypost.com, 02.01.2026).
Ich sage definitiv nicht, dass es keine Verschwörungen gibt. Verschwörungsleugner zu sein erfordert zu viel Glaubensleistung, zu viel mutwilliges Ignorieren täglicher Anschauung.
Ich sage, dass eine bestimmte Verhaltensweise der Reichen und Mächtigen von außen wie eine Verschwörung wirken kann, tatsächlich aber nur das gewohnheitsmäßige und taktische Nutzen spontaner Möglichkeiten ist. (Weil sie diese Gewohnheit pflegen, sind sie vermutlich so reich und mächtig geworden – und geblieben.)
Der Stromausfall in Berlin wirkt natürlich wie ein paradigmatisches Beispiel von Hanlons Rasiermesser: Schreibe nicht der Böswilligkeit zu, was durch Inkompetenz ausreichend erklärt ist. (Siehe dazu wiederum etwa meinen Essay »Mögest du in Sprichwörtern leben«.)
Es ist denkmöglich, dass die Ursache für den Berlin-Blackout in einer Kombination aus politischer Sympathie für Linksextremismus und sonstiger Inkompetenz liegt. Und zugleich können und werden interessierte Kreise aus dem Berlin-Blackout politische Schlussfolgerungen ziehen.
Die interessanteste Lektion aus dem Berlin-Blackout wären die Ergebnisse von Wahlumfragen in den betroffenen Gegenden, eine Woche, einen Monat und ein Jahr nach der Wiederherstellung der Stromversorgung. Und ich bin sicher, dass die Verantwortlichen diese Umfragen sehr genau studieren werden. Es wird den Effekt einer Übung und eines nützlichen Experiments haben, unabhängig von der Frage, ob sich jemand zu diesem Zweck »verschworen« hat.
Wir ahnen nicht nur, wir wissen, dass die betroffenen Berliner genau die politische Inkompetenz wieder wählen werden, die sie in die gegenwärtige Dunkelheit führte. Das vor linksgrüner Gefühligkeit tropfende Schmachtstück des Herrn Poschardt ist Hinweis genug. Gefühl besiegt Überlebenswillen.
Die meisten von uns sind vom »Berlin-Blackout« nur im metaphorischen Sinn des Begriffs betroffen. Und doch können wir daraus lernen, ähnlich wie die Reichen und Mächtigen daraus lernen.
Wir können lernen, dass die Masse nicht dazulernt. Wir wissen es ja eigentlich, also wird unser Dazulernen eher daraus bestehen, aufs Neue jeder Illusion beraubt zu werden, dass die Masse dazulernen wird.
Durch Fehler wird man klug, so sagt eine Redensart. Doch nicht jeder, der Fehler begeht, wird auch selbst klug.
Die Mächtigen und die Gewieften schauen nach Berlin und studieren das Verhalten der Verdunkelten – und sie werden klug daraus.
Ja, schaut auf diese Stadt, ihr Deutschen der Welt! Studiert deren Verhalten, um zu sehen, wie man es nicht macht – und werdet klug.
Weiterschreiben, Wegner!
Das Schreiben dieser Essays ist nur mir Ihrer Unterstützung möglich. Werden und bleiben Sie Teil meiner Arbeit!
Bitte wählen Sie Ihren freiwilligen Leserbeitrag:
E-Mail-Abo
Einmal die Woche (immer Sonntag früh) bekommen Sie eine automatische Zusammenfassung aller Postings der letzten Woche. (Gratis, jederzeit abbestellbar.)
Der Essay Der Berlin-Blackout und du von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/berlin-blackout/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
