Jemand zeigte online das Bild einer wunderbar geschmückten Oper, von innen. Vielleicht war es auch ein Schloss. Oder ein Rathaus. Ein Wasserwerk vielleicht. Auf jeden Fall: von früher.
Steinerne Vasen an den Enden des Treppengeländers, das selbst von vielen kleinen Säulen gehalten wurde. An den Wänden Ölgemälde, eingefasst von Goldrahmen. Bögen über den Türen, und die Türen aus geschnitztem Holz.
Jemand fragt, über das Bild geschrieben, sinngemäß: »Wer zum Kuckuck hat das gesehen und daraufhin Minimalismus beschlossen?«
Derjenige aber, der das Bild zeigt, antwortet auf die semi-rhetorische Frage.
Er sagt: Wenn du dir die Antwort näher anschaust, wird es dich auf einen Pfad führen, dessen Ergebnis es sein wird, dass dein Bankkonto gekündigt wird.
Ritterschlag und Initiation
Wir reden nicht mehr »nur« von Bademänteln. In Deutschland ist es fast schon Ritterschlag und Initiation als kritischer Geist. (Siehe auch Essay »Sprache in Zeiten der ›Unsere Demokratie‹«.)
Die Glaubwürdigkeit der deutschen Publizistik ist eine Skala, und sie reicht von Journalismuspreis bis Hausdurchsuchung. Es gilt: Journalismus bedeutet, zu schreiben, wofür dir eine Hausdurchsuchung droht, alles Übrige ist Propaganda.
Hausdurchsuchung ist aber »nur« die Strafe für kritisches Denken. Wenn dein kritisches Denken aber den westlichen Suizidalismus als Gesamtprojekt bremsen könnte, haben sich die Lupenreinen eine härtere Strafe für Andersdenkende ausgedacht: die Banksperre.
Die Hausdurchsuchung ist Warnung – das gekündigte Konto ist versuchte Vernichtung. Man vernichtet Menschen, die uns davor warnen, dass der Westen vernichtet wird – und die womöglich sogar potenziell wirksame Gegenmittel anbieten.
Warum alles hässlicher wird
Warum also wäre es gefährlich, zu fragen, warum alles hässlicher wird? Von Straßenlaternen über Brücken bis zu Rathäusern. Kirchen sowieso, da ist der Kontrast wohl am schmerzhaftesten. Erinnert ihr euch an das McDonalds eurer Kindheit? Vergleicht mit heute!
»Schönheit ist die neue Revolution«, so behauptete ich 2016. »Die Schönheit und das Gute« beschrieb ich 2018. Aber ach, nicht einmal ich selbst hörte auf mich.
(Nebenbei, den reisenden Deutschen ins Gewissen geredet, und das ist ausnahmsweise kein Rechts-Links-Problem, sondern ein deutsches Problem: In italienischen und spanischen Städten sind wir Deutschen zuverlässig nicht nur an der Körperhöhe zu erkennen, sondern zu oft an der schmerzhaften Geschmacklosigkeit unserer Kleidung. Also: Funktionsjacken und Outdoorschuhe sind Werkzeuge für die Bergbesteigung. Kurze Jeanshosen sind, spätestens ab Volljährigkeit, nur für Gartenarbeit angemessen. Weder noch ist angemessene Tracht für die Zivilisation.)
Schnittmenge höherer Ordnung
Schönheit liegt in der Schnittmenge höherer und menschlicher Ordnung. Der Geist unserer Zeit ist ein teuflischer Geist, ein Geist der Unordnung – und die sterile »Moderne« ist, aus höherer Perspektive, eine grobe, gottlose Unordnung.
Ich sah letztens einen Balkon – einer von Dutzenden an diesem Wohnblock –, und vor diesem einen Balkon hingen tatsächlich Blumenkästen. Und es waren bunte Blumen darin! Mir wurde bewusst, dass ich früher viel, viel, viel öfter Blumenkästen sah.
Die Menschen hingen Blumenkästen vor ihren Balkon, um ihre Straße, ihre Stadt, ihr Leben schöner zu machen. Um sich zu freuen und ihre Mitmenschen zu erfreuen.
Unsere Seele soll schöner werden
Zu fragen, warum die Welt hässlicher wird, warum so viele von uns nicht mehr motiviert sind, unsere Stadt schön zu machen – warum sie sich nicht mehr als »unsere« Stadt anfühlt, all das könnte dazu führen, dass dir das Bankkonto gesperrt wird. Oder mindestens das Haus durchsucht.
Doch wenn wir zulassen, dass die Hässlichkeit überhand nimmt, dann verlieren wir womöglich etwas an unserer Seele, das ist in gewisser Weise schlimmer, als »nur« zum Demütigungs-Ritual im Bademantel geweckt zu werden oder sein Bankkonto gesperrt zu bekommen.
Frei nach Markus 8:36: Was hülfe es dem Menschen, wenn der Staat ihn zwar in Ruhe ließe, doch die Hässlichkeit kröche und breitete sich aus in seiner Seele?
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Früher waren mehr Blumenkästen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/blumenkaesten/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
