- English (AI)
- German
Erzählungen sollten eigentlich weniger gruselig sein, wenn man ihr Ende kennt. Wenn man weiß, dass sie gut ausgehen. Doch auch wenn ich weiß, dass die Angelegenheit um Josef, also den Josef mit dem bunten Mantel und den bösen Brüdern, zuletzt gut ausgeht, so graust es mich bis heute jedes Mal, wenn ich daran denke. Warum eigentlich?
Im 1. Buch Mose, ab Kapitel 37 erfahren wir die Geschichte von Josef, Sohn des Jakob. Er ist ein besonderes Kind – und ein besonders geliebtes, ja verwöhntes Kind.
Einmal ließ sein Vater ihm einen extra bunten Mantel anfertigen; das kam bei seinen Brüdern nicht gut an:
Israel liebte Josef mehr als alle seine Söhne, weil er ihm in hohem Alter geboren worden war. Er ließ ihm einen bunten Rock machen. Als seine Brüder sahen, dass ihr Vater ihn mehr liebte als alle seine Brüder, hassten sie ihn und konnten mit ihm kein friedliches Wort mehr reden. (1. Mose 37:3-4)
Einmal berichtet er seinen Halbbrüdern von sehr besonderen Träumen (1. Mose 37:5-10). Im Schlaf erscheinen ihm symbolschwangere Vorgänge, die vorhersagen, dass seine Brüder sich eines Tages vor ihm verneigen werden. Man darf sagen: Josef machte sich im Geschwisterkreis nicht gerade beliebt! Doch war es seine Schuld, dass Gott ihm solche Träume eingab?
Bald nach seinen tollen Träumen haben Josefs Brüder endgültig die Schnauze voll. Die Brüder weiden die Schafe und Ziegen bei Dotan (Stadt in Mittelpalästina; siehe Wikipedia). Der Vater schickt Josef los, bei den Brüdern nach dem Rechten zu sehen.
Als die Brüder aber ihren Bruder allein durch die Steppe laufen sehen, ist ihre Freude eher verhalten, und so rufen sie einander zu:
Siehe, da kommt ja dieser Träumer. Jetzt aber auf, erschlagen wir ihn und werfen wir ihn in eine der Zisternen. Sagen wir, ein wildes Tier habe ihn gefressen. Dann werden wir ja sehen, was aus seinen Träumen wird. (1. Mose 37:19)
Erst kann Ruben seine übrigen Brüder überzeugen, ihren Bruder »nur« in eine Zisterne zu werfen, weil er ihn heimlich von da retten will. Juda überzeugt sie allerdings, Josef als Sklaven nach Ägypten zu verkaufen.
Josefs Zeit in Ägypten ist wohl als ereignisreich mit Tiefen und Höhen nicht falsch beschrieben. (Lest selbst ab 1. Mose 39!)
Wir wissen ja, dass Josef in Ägypten schließlich zum Vize des Pharaos aufsteigt. Doch wir wissen auch, dass Josef immer wieder Schmach und Ungerechtigkeit erfährt, doch nicht, weil er etwas falsch machte – sondern weil er das Richtige tat!
Als Beispiel: Die Frau des Potifar (1. Mose 39:7-20) wollte was von ihm. Er wollte seinen Chef nicht derart hintergehen, also lehnte er ab. Die Frau aber, wütend und gekränkt, beschuldigte daraufhin Josef, er habe sich ihr aufgedrängt – und Josef landet im Kerker des Pharaos. Nein, nicht erst seit dem 20. Jahrhundert sitzen Männer wegen falscher Beschuldigung im Knast.
Schließlich aber, Jahre später, nach Vergessenwerden und Traumdeutungen und mitten in einer großen Hungerkrise, passiert es, dass die Brüder nach Ägypten reisen und sich tatsächlich vor ihm verbeugen, ganz wie er es damals geträumt hatte.
Nach einigen Tests gibt sich Josef seinen Brüdern zu erkennen. Und er sagt zu ihnen jenen Satz, der uns auch heute so viel Mut und Kraft geben kann:
Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn, um zu erreichen, was heute geschieht: viel Volk am Leben zu erhalten. (1. Mose 50:20)
Vor allem dieser erste Satz kann in dunklen Stunden trösten, als Versprechen und Prophezeiung. Wenn dir Böses angetan wird, kannst du hoffen, dereinst mit Josef sagen zu können: »Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn.«
»Sie vergelten mir Gutes mit Bösem, mit Hass meine Liebe«, so willst du mit dem Psalmisten wehklagen. Genau zu dir spricht Dostojewski, wenn er schreibt: »Deine schlimmste Sünde ist, dass du dich umsonst selbst zerstört und verraten hast.«
»Ach, würde doch mein Gram gewogen, legte man auf die Waage auch mein Leid!«, so machst du Hiobs Worte zu deinen eigenen.
Die Bibel ist nicht arm an Versen von und für Menschen, die daran zu zerbrechen drohen, dass ihnen ihre Mühe und Moral arg ungerecht vergolten wird.
Doch bei aller Wut und Verzweiflung suchen wir noch nach Trost in jener Erklärung Josefs: »Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn.«
Ich weiß, dass die Geschichte für Josef zuletzt gut ausging. Dass er von seinen Brüdern verraten und nach Ägypten verkauft wurde, wurde ihm zum Segen. Die Brüder hatten Böses im Sinn, doch sein Gott nur Gutes. Ende gut, alles gut, oder?
Die Geschichte von Josef ist trotz Happy End denkbar gruselig.
Wenn und während ein Mensch in einem solchen Schlamassel steckt, etwa unschuldig im Gefängnis sitzt, sieht man ja nicht, dass und wie es doch ein gutes Ende nehmen wird. Wir wissen ja nicht einmal, selbst wenn wir vertrauen, was das »gute Ende« für uns überhaupt sein wird.
Wissen wir aber, ob wir ähnlich stark bleiben werden wie Josef, wenn uns Unrecht angetan wird?
Die Psalmen sind besonders bekannt für ihre wärmespendende Wirkung in kalten Zeiten. Der 23. Psalm ist wohl der berühmteste, und darin heißt es: »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir«.
Was aber sollst du tun, wenn du gerade nicht auf Gott vertrauen kannst, wenn dir der Glaube abgeht?
Nun, dann wendest du dich an Rudyard Kipling, und du suchst nach der Kraft. Wenn »das, wofür du dein Leben gegeben hast, zerbrochen wird«, sammle ein weiteres Mal, ein weiteres letztes Mal die Kraft, mit der »du dich bücken kannst und es neu aufbauen, mit deinem abgenutzten Werkzeug«.
Wenn wir neu aufbauen, was nicht zerbrochen bleiben soll, dann ist es in Wahrheit Er, der aufbaut (Amos 9,11). Seine Kraft wird zu deiner Kraft. Klar, du kannst es auch allein versuchen … uff! Stelle dich dann aber auf noch härtere Zeiten ein.
Weiterschreiben, Wegner!
Das Schreiben dieser Essays ist nur mir Ihrer Unterstützung möglich. Werden und bleiben Sie Teil meiner Arbeit!
Bitte wählen Sie Ihren freiwilligen Leserbeitrag:
E-Mail-Abo
Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)
Der Essay Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/boeses-im-sinne-gehabt/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
