Empathie ist wichtig, macht uns menschlich, hält Stamm und Familie zusammen. Aber: Wer Empathie auf »alle Menschen weltweit« ausweitet, verliert am Ende die Fähigkeit, überhaupt noch mitzufühlen – egal, mit wem.

Nach fest kommt ab. Das ist eine deutsche Redensart – und eine dringend wichtige Metapher.

»Nach fest kommt ab«, das bedeutet: Wenn du eine Schraube zu fest anziehst, kann das Gewinde zerbrechen oder der Schraubenkopf abreißen.

Wer sich je handwerklich versucht hat, dem ist das mindestens einmal passiert. Und von da an war er besonders vorsichtig. (Ähnlich übrigens mit dem Aufblasen von Luftballons: Praller als prall ist – geplatzt.)

Auf den Zustand maximaler Belastung, aber auch maximaler Nützlichkeit, folgt plötzlich (und nur für den Laien unerwartet) die Zerstörung und die vollständige Nutzlosigkeit – und da wird es auch schon metaphorisch.

Alle zusammen und so

Empathie ist die Fähigkeit (und bisweilen bewusste Gewohnheit), das emotionale Innenleben anderer Menschen im eigenen Gefühlsleben zu spiegeln und buchstäblich nachzufühlen.

Empathie ist überlebenswichtig für Familie und Stamm und uns deshalb angeboren. Wie alles Überlebenswichtige ist Empathie derart tief in uns verankert, dass wir sogar dann mitfühlen, wenn wir eigentlich wissen, dass der Auslöser überhaupt nicht existiert, etwa wenn wir mit einer animierten Zeichentrickfigur mitfühlen.

Ja, Empathie ist überlebenswichtig, und manche sagen, dass sie etwas ist, das Menschen eben menschlich macht.

Doch wie so mancher andere tief eingepflanzte Trieb, wie etwa Sex, Lust auf Zucker oder Lust an der Panik, kann auch der Trieb Empathie von gewieften Gestalten ausgenutzt und gegen uns gewandt werden.

Denn: Empathie hat einige »Baufehler«, und ähnlich wie Sex oder Lust auf Zucker ist unser Empathie-Trieb für eine andere, simplere Welt optimiert. Was einst für das Überleben wichtig war, kann in einer entgrenzten Welt ins Gegenteil schlagen und das Überleben ernsthaft gefährden.

Tränen vergießen auf Kommando

Empathie ist (in der Regel) nicht wirklich magische Telepathie. Bestimmte Informationen wie die Schilderung eines Ereignisses oder der Anblick einer Gefühlsäußerung aktivieren Mechanismen in uns, welche ähnliche Gefühle hervorrufen.

Es kann der Fall sein, dass der Auslöser selbst diese Gefühle hegt – es kann aber auch sein, dass der Auslöser die Symptome »faked«.

Bei fiktiven Figuren ist der Fake das Prinzip (auch wenn wir davon ausgehen, dass der Urheber selbst ähnliche Gefühle hegte). Wir sind froh darum, dass Bücher und Filme existieren, mit deren Hilfe gewisse heftige Gefühle ausgelebt werden können. (Beispiel: Ich genieße Quentin-Tarantino-Filme, doch eigentlich wollte ich diese Art von Handlungen als Fiktion im Film erleben, nicht live in europäischen Innenstädten.)

Professionelle Bettler und andere manipulative Mitmenschen verstehen sich ebenfalls darauf, unberechtigt Empathie zu triggern. (Mit Tränen vergießen auf Kommando lässt sich sogar Karriere machen, etwa als Profi-Opfer für Propaganda-Videos.)

Regelmäßig brisant

Manche Empathie kommt allerdings ganz ohne Auslöser aus. Die besonders unter westlichen Frauen aus Wohlstandsschichten verbreitete »suizidale Empathie« gibt vor, empathisch für junge Männer aus rustikalen Kulturen zu empfinden.

Wenn solche Damen aber tatsächlich mit dem Gegenstand ihrer Empathie konfrontiert werden, geraten sie bisweilen in schwere kognitiv-emotionale Dissonanz. Wenn sie sich diese Dissonanz nicht eingestehen wollen, nehmen sie schon mal die jungen Männer bei sich zu Hause auf, und ab da wird es regelmäßig brisant.

Ich sehe und spüre allerdings ein Problem der Empathie in modernen Zeiten, das auf gewisse Weise noch ärger und dringender als projizierte und suizidale Empathie ist. Es hat mit den Schrauben zu tun.

Familie und Stamm zusammenzuhalten

Der Sinn von Empathie lag einst darin, Familie und Stamm zusammenzuhalten und so den Nachwuchs und damit das Fortbestehen der Sippe abzusichern.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter fordert Jesus uns auf, unsere Empathie bewusst zu erweitern auf den Hilfsbedürftigen, der uns spontan begegnet.

Doch weder unsere Natur noch Jesu Anweisung sind darauf ausgelegt, Empathie gegenüber jedem einzelnen der acht Milliarden Menschen auf der gesamten Welt zu empfinden. Zumindest nicht in dem gleichen Maß, wie wir Empathie für unseren Nachbarn und Nächsten empfinden (sollen).

Und doch versuchen wir es.

Oder sollen es versuchen, so sagt die Propaganda.

Plötzlich nichts mehr

»Nach fest kommt ab« ist, auf Empathie bezogen, eine Gefahr, die mir auf gewisser Ebene noch mehr Sorge bereitet als »nur« die Zerstörung von Gesellschaften, sogar noch mehr als der Verlust von Menschenleben.

»Fürchtet euch dabei nicht vor denen, die wohl den Leib töten«, sagt Jesus, »fürchtet euch vielmehr vor dem, der die Macht hat, sowohl die Seele als den Leib in der Hölle zu verderben!«

Zu viel Empathie kann deine Seele kalt werden lassen, wenn einmal der Moment eintritt, an dem es heißt: »Nach fest kommt ab«.

Empathie kostet. Nicht nur Geld, sondern auch emotionale Kraft. Wer versucht, für alle Menschen der Welt jeweils genauso viel Empathie aufzubringen wie für die Schwester, den Bruder, den Nächsten, der wird an den Punkt geraten, dass er plötzlich nichts mehr fühlt. Und dann wird es kalt.

Nach fest kommt ab, und nach alle kommt niemand.

Nur Messer und Macheten

Der junge Mann, der sich spontan an dir als Chirurg versucht, mag dich für den Rest deines Lebens beschädigen; er kann dich traumatisieren und vielleicht sogar töten.

Doch wenn in deiner Seele das Gewinde namens Empathie zerreißt und wenn du plötzlich nichts mehr empfindest, für niemanden, vielleicht nicht einmal für dich selbst, dann ist der Schaden womöglich weit größer als nur der Schaden durch Messer und Macheten.

Ja, Empathie macht uns menschlich. Ein Mensch ohne Empathie hat tatsächlich schwersten Schaden an seiner Seele genommen.

Wer all sein Geld in alle Richtungen verschleudert, hat bald keines mehr, das er geben kann, auch nicht für die Strukturen, die ihm wirklich relevant sind. Deshalb gilt ja: Haushalte mit deinem Geld, um geben zu können!

Und ähnlich muss gelten: Haushalte mit deinem Mitgefühl, damit dir Kraft bleibt, dort mitzufühlen, wo es tatsächlich auf genau dein Mitgefühl ankommt.

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Der Essay Nach fest kommt ab, und nach alle kommt niemand von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/deutscher-atlas/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!