»Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land ererben.« – Es ist eines jener Versprechen, da denkt man sich: Was hat das bitteschön mit der Realität zu tun? Die Trickser, Lügner und Gewissenlosen sind es, die sich den Staat zur Beute machen!

Im Buch Talking Points beschrieb ich einen rhetorischen Trick, den ich »heiligen Widerspruch« nannte.

Politiker sagen schon mal Dinge, die ganz offensichtlich widersinnig sind. Über Migrationspolitik, über Energiepolitik, über soziale Entwicklungen und Ideologien. (Nein, es ist kein Zufall, dass wir hier an linke Positionen denken. Was man heute politisch links nennt, ist tatsächlich das Primat der Emotionalität über die Rationalität.)

Bei einer ganz bestimmten Klientel allerdings finden Politiker mit ihrem »heiligen Widerspruch« Anklang. Es scheint, dass viele Menschen ein Bedürfnis danach haben, die Komplexität und Absurdität ihrer erlebten Realität in heiligen Widersprüchen wiederzufinden.

Es ist womöglich kein Zufall, dass die Zielgruppe gewisser »christlicher« Aktionsgruppen mehr nach linksgrüner Ideologie als nach Gott zu dürsten scheint. Diese Leute erfüllen sich ihr Bedürfnis nach Mysterium aus sehr irdischen Quellen, und dafür gibt es deutlich mehr Schulterklopfen im Jetzt und Hier.

Als Gegensatz zu all den fake-heiligen Widersprüchen in Politik und Propaganda wollen wir uns einmal einen echten der heiligen Widersprüche vor Augen führen. Dieser heilige Widerspruch hat die Form eines Versprechens, aber eigentlich ist er eine Aufforderung. Mehr noch: ein moralisches Gesetz.

Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land ererben.

Matthäus 5:5

Nicht nur auf den ersten Blick scheint das im Widerspruch zu unserer gesamten Lebenserfahrung zu stehen.

Gehört »das Land« denn nicht den Gewissenlosen und Aggressiven, den Schlingeln und Lügnern?

Sind »die Sanftmütigen« denn nicht zuverlässig die Dummen, die am Ende die Zeche zahlen?

Ob in deutschen Innenstädten, ob in Firmen oder auf Behörden – wo soll das denn gelten, dass »die Sanftmütigen« »das Land ererben«?

»Was unmöglich ist, kann man doch nicht versprechen«, so sagen manche Leute an dieser Stelle und winken lässig ab.

Der Rest von uns aber spürt in den Knochen, dass hierin eine wichtige Wahrheit liegt, ein höherer Wert. Also haben wir es mit einem echten heiligen Widerspruch zu tun.

Ist es wirklich dieses Land, das »die Sanftmütigen« ererben werden? Und wie weit soll die »Sanftmut« gehen?

Ist jenes »Land« eschatologisch gemeint, also eine zukünftige Erde?

Und ist mit »ererben« überhaupt politische Macht gemeint? Bedenkt: Wenn man »die Sanftmütigen« großzügig mit »Christentum« gleichsetzt, so steht doch fest, dass westlich-christliche Kultur die moderne Welt geformt hat – und dass sogar jene, die Christen zutiefst hassen, doch unter Christen leben wollen.

Tatsächlich ist das Versprechen aus Jesu Bergpredigt ein Zitat aus Psalm 37:

Nur noch ein Weilchen, so wird der Frevler nicht mehr sein, und siehst du dich um nach seiner Stätte, so ist er nicht mehr da; die stillen Dulder aber werden das Land besitzen und sich freun an der Fülle des Friedens.

– Psalmen 37:10-11

Da klingt das Versprechen deutlich deutlicher: »der Frevler wird nicht mehr sein«.

Ich sehe es noch nicht. Die Frevler mit ihren Lügen, ihrem Hass und ihrer Hetze – sie sind weiterhin an der Macht, machen sich weiter Staat und Bürger zur Beute. Die stillen Dulder aber werden ausgelacht – und die Sanftmütigen werden als Faschisten beschimpft.

»Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land ererben.« – es ist wahrlich ein riesengroßes Versprechen. Im Abgleich mit unserer Lebenserfahrung ist es ein heiliger Widerspruch.

Will man dieses Versprechen aber schon heute erleben, so könnte helfen, »das Land« als Seelenleben zu deuten.

Wer ohne Wut durchs Land geht, wer dem Hass und den Lügen der Propaganda eben nicht mit Wut und Schimpfen begegnet, der könnte zu innerem Frieden gelangen – bis es sich für ihn anfühlt, als hätte er »das Land ererbt«.

Wer in gefährlichen Zeiten inneren Frieden findet, für den ist wohl tatsächlich jenes andere Land schon jetzt da.

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Der Essay Nur noch ein Weilchen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/die-sanftmuetigen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!