Es ist nicht nur frustrierend.
Es ist nicht nur angsteinflößend.
Ob es aber überhaupt eine Krise ist, hängt davon ab, wen du als den Kranken und was als die Krankheit deutest. (Die Krise ist der entscheidende Punkt im Verlauf einer Krankheit.)
Dies ist nicht einmal ein Umbruch (und »nur« würde nicht funktionieren). Dies ist nicht eine Revolution. Sprich: nicht nur ein Richtungswechsel.
Dies ist ein Ebenenwechsel, eine neue Plattform, ein anderes Spiel.
Nicht hysterisch genug
Als wir in den Schulen die Kunst des Lesens und Schreibens lernten, lernten wir noch etwas anderes, auf einer Art pragmatischer Meta-Ebene. Wir lernten erstens, dass und wie Wörter und Sätze etwas bedeuten. Und wir lernten zweitens, dass Wörter und Sätze etwas in der Welt bewirken können.
Bedeutung ist die Verknüpfung eines Wortes mit den Gegenständen ebendieser Bedeutung. Wirkung ist die Kausalität zwischen Sprechakten wie »Ja, ich will« oder »Ich kaufe das« und den realweltlichen Konsequenzen.
All dieses Wissen über Worte, Bedeutung und Wirkung aber wird in diesen Tagen (und eigentlich: Jahren) plötzlich nutzlos.
Als ich 2024 über das »Selbstbestimmungsgesetz« schrieb, war der Titel des Essays ein Aufruf: »Verlasst Deutschland!«
Jenes absurde Gesetz bestimmte unter anderem, dass kriminelle Männer, die zu Haftstrafen verurteilt werden, sich kurzerhand zu »Frauen« erklären können. Dann werden sie ins Frauengefängnis gesperrt und die ganze Maßnahme wird, äh, interessanter. (Siehe in diesen Kontexten auch die Essays »Sven ist jetzt Marla Svenja« und »Lucy, ich und unser Eskimo-Baby«.)
Leider, leider, leider behielt ich mit der zunächst hysterisch klingenden Argumentation für das Verlassen von Deutschland recht. Ach, ich war womöglich nicht hysterisch genug.
Ihr letzter, wichtigster Befehl
Demokratie und Rechtsstaat, so meine damalige Argumentation, setzen voraus, dass Sprache etwas bedeutet.
Wenn qua Gesetz bestimmt wird, dass grundlegende Begriffe wie Frau und Mann nichts mehr bedeuten, wird Sprache insgesamt ausgehebelt. Es ist exakt das, wovor jene »2+2=5«-Metapher von George Orwell warnte: Wenn nur eine Wahrheit der Mathematik ausgehebelt wird, indem das Lügen in dieser einen Angelegenheit erzwungen wird, werden alle Wahrheiten aufgehoben – und damit die Sprache selbst.
In der letzten Woche wurde der aufmerksame Teil Deutschlands (also eine Minderheit) zum Zeugen einer kuriosen Selbstoffenbarung und anschließenden Leugnung der Realität selbst.
Der bekannte Unsere-Demokratie-Vorkämpfer Daniel Günther schien in der Staatsfunk-Talkshow Markus Lanz selbstbewusst zuzugeben, dass man jetzt ganz offen freie Medien zensieren will.
Das schien dreist und undemokratisch zu sein. Es klang exakt wie das, wovor wir einst im Geschichtsunterricht gewarnt wurden. Und es war exakt das, was wir von »Unsere Demokratie« erwarten. So weit wenig Neues.
Neu war, dass plötzlich sowohl der Lupenreine und die Propaganda behaupteten, es sei nicht gesagt worden, was gesagt worden war. (apollo-news.net, 16.01.2026)
Wir befinden uns (nach mancher Deutung: spätestens seit 2015) in einem Zustand, den George Orwell so beschrieb:
Die Partei befahl den Menschen, die Beweise ihrer Augen und Ohren zu verwerfen. Es war ihr letzter, wichtigster Befehl.
– George Orwell, 1984
Wir könnten ob dieser Angelegenheit amüsiert sein, insofern es zwar extra dreist, aber nicht wirklich neu ist. Doch das ist ein Detail, eine bestimmte Konsequenz, die einen mit Gandalf rufen lassen will: »Flieht, ihr Narren!«
In den Knochen
In »Unserer Demokratie« bedeuten und bewirken Worte nichts mehr, zumindest nicht im traditionellen Sinn von Bedeutung und Wirkung.
Früher traten Politiker wegen unglücklicher Formulierung zurück. Früher tat man zumindest, als gälte gleiches Recht für alle. All das ist aufgehoben.
Letzte Woche erst lasen wir vom Fall der »Aktivisten«, die Urkundenfälschung zum Nachteil der Opposition begingen (welt.de, 13.01.2026). Das Gericht verzichtete aber auf eine Strafe. Offiziell war dieses Verbrechen »Kunst«. Aber alle spüren in den Knochen, dass es die linientreue politische Richtung war, welche Recht und Gesetz die Wirkung nahm.
Worte bedeuten nichts mehr. Und sie haben keine Wirkung. (Außer Mächtige wollen, dass sie eine Wirkung haben, dann denkt man sich sogar die Worte aus. Siehe die Chemnitz-Lüge von Merkel oder die Remigrations-Lüge rund um jene Konferenz.)
Das große Problem ist aber nicht, was der Bedeutungsverlust von Worten heute bedeutet. Das Problemchen ist, was es bedeuten wird – in der nahen Zukunft.
Nämlich: Wenn Worte nichts mehr bedeuten, kannst du dich nicht verteidigen.
Mit neuen Regeln
Was in diesen Jahren anbricht, ist nicht ein Richtungswechsel, sondern ein Ebenenwechsel. Wir ändern nicht die Richtung innerhalb einer Ebene – wir wechseln die Ebene.
Die Bedeutung und Wirkung von Wörtern und Sätzen ist nicht mehr zuverlässig prognostizierbar. Worte werden zum Geräusch, wie Kampfschreie oder wie Tiergeräusche.
Du wirst angeklagt werden. In der Anklage scheint es, als würden Wörter etwas bedeuten. Das verführt dich, zur Verteidigung in Wörtern anzusetzen.
Es ist nicht angsteinflößend.
Es ist nicht frustrierend.
Es ist nur eine neue Ebene, mit neuen Spielregeln und neuen Verlierern – aber magischerweise wieder den alten Gewinnern.
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Der Essay Wer argumentiert, hat verloren von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ebenenwechsel/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
