Ich hatte, wie man so sagt, zu tun. Ich habe, unter anderem, gearbeitet, hart. Habe an mir arbeiten lassen. Bin alle Sünden losgeworden und darf jetzt Brot essen.
Einiges ging mir durch den Kopf. Gedanken, die ich mit euch teilen wollte.
Ich dachte an einen früheren Bekannten zurück. Oder sollte ich sagen: einen Bekannten von früher. Um einen bekannten Liedtitel zu zitieren: »Someone that I used to know« – etwa: »jemand, den ich zu kennen pflegte«.
Jener frühere Bekannte hatte mir vor Jahren die wildesten Verschwörungstheorien erzählt. Abgedrehte Erklärungen, verbotene Zusammenhänge. Dazu komplett durchgeknallte Vorhersagen. Ich werde sie hier nicht wiederholen; ich habe weder Zeit noch Geld genug für die Folgen solchen Leichtsinns.
Dann brach der Kontakt ab. Ich weiß nicht, was der frühere Bekannte heute tut. Hoffentlich geht es ihm gut.
Ich weiß nur, dass er nicht mehr der Welt von seinen scheinbar an Wahnsinn grenzenden Theorien erzählt. Zumindest nicht ganz so laut.
Schade eigentlich.
Denn: Es waren die aktuellen, heutigen Nachrichten, die mich in diesen arbeitsvollen Tagen an jenen Bekannten von damals denken ließen.
Denn: Erschreckend viele seiner damals »wahnsinnigen« Erklärungen ergeben heute plötzlich Sinn. Und mehr als gar keine seiner Vorhersagen trafen ein.
Es stellt sich heraus: Der wahnsinnige Prophet war gar nicht wahnsinnig – er hatte sehr normal vorhergesehen, dass uns wahnsinnige Zeiten bevorstanden.
Ich frage mich, ob ich ihn heute ausfindig machen soll. Was aber sollte ich ihm sagen? Hey, die wahnsinnigen Erklärungen, für die wir dich belächelten, sie waren gar nicht so wahnsinnig!
Ich ahne, was er mir antworten würde. Er warnte uns ja nicht, um Applaus zu bekommen. Er warnte uns in der Hoffnung, dass die Menschen, rechtzeitig gewarnt, ihr Schicksal drehen können.
Darin lag er dann doch sehr falsch. (Ähnlich wie ich falsch lag, als ich etwas arg optimistisch darin war, zu meinen, dass die Menschen vor Manipulation ihrer Moral bewahrt würden, wenn man ihnen nur erklärte, wie ihre ethischen Gefühle funktionieren – eher wird man einen Blinden durch Erklärung der Optik das Sehen lehren.)
Nein, ich werde ihn heute nicht aufsuchen. Erst wenn mir einfällt, was ich sagen soll. Ich sollte erst die Bücher studieren, die er mir zu lesen auftrug – und die seitdem mehr oder weniger geduldig auf mich warten.
Ich will jenen normalen Seher wahnsinniger Zeiten würdigen, indem ich ihn bemühe, meine Arbeit mit noch mehr Mühe und Sorgfalt anzugehen.
Mehr vom Wichtigen, weniger vom Vergänglichen. Dazu täglich Brot.
Weiterschreiben, Wegner!
Das Schreiben dieser Essays ist nur mit Ihrer Unterstützung möglich. Werden und bleiben Sie Teil meiner Arbeit!
Bitte wählen Sie Ihren freiwilligen Leserbeitrag:
Der Essay Ein früherer Bekannter von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ein-frueherer-bekannter/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
