Der prototypische Satz der Juristen ist auch der nervigste Satz dieser Zunft – und zugleich einer der klügsten und nützlichsten Sätze überhaupt.
Jener mythische Satz lautet natürlich:
Es kommt darauf an.
– Juristen und andere kluge Leute
Das Nervige an diesem Satz ist zugleich das Lehrreiche daran.
Der Satz »Es kommt darauf an« ist üblicherweise eine Antwort; allerdings eine Antwort, welche schlicht eine andere, weit größere Frage aufwirft: Was ist es, worauf es ankommt?
»Alles Leben ist Problemlösen«, schrieb Karl Popper (ich schrieb 2021 darüber). Und um ein Problem zu lösen, muss man erst mal wissen, worauf es in der jeweiligen Sache ankommt. Sprich: Welche vorgeschlagene Lösung auch wirklich eine solche ist.
Ich persönlich habe ja großen Spaß an Es-kommt-darauf-an-Problemen, wenn ich statt Paragraphen eher Metaphysik verhandle. (Der Vollständigkeit halber: »Metaphysik« war für Popper eher ein Schimpfwort.)
Eines der wirksamsten Es-kommt-darauf-an-Probleme der Menschheitsgeschichte ist tatsächlich ein riesengroßes Es-kommt-darauf-an-Problem:
Was du nicht willst, das man dir tu, das füge keinem anderen zu.
– Als »Goldene Regel« bekannte Redeweise
In der Bibel wird diese Goldene Regel sogar zur Erfüllung des Gesetzes erhoben.
Alles nun, was ihr von den Menschen erwartet, das erweist auch ihr ihnen ebenso; denn darin besteht (die Erfüllung) des Gesetzes und der Propheten.
– Matthäus 7:12
Eine sarkastische Replik auf die Goldene Regel fragt, welche Handlungsweise diese Regel einem Masochisten nahelegt.
Soll der Masochist die Menschen quälen, weil das es ist, wovon er will, dass es ihm getan wird?
»Nein, natürlich nicht«, antworten wir. Dann erweitern wir die Regel derart, dass sie zuletzt die Verbindung zu uns selbst weitgehend trennt. Eher in Richtung eines Kantschen Imperativs, also Handeln im Geiste einer allgemeinen Regel.
Soll ich nun also den Mitmenschen so behandeln, wie ich selbst behandelt werden will oder nicht?
Die Antwort ist: Es kommt darauf an!
Es kommt darauf an, wie du selbst behandelt werden willst.
Wie sollst du also wollen, dass du selbst behandelt werden willst?
Im Naturzustand will ein Mensch allezeit »nett« behandelt werden, will schöne Lügen hören, will seine Lügen bestätigt bekommen und so weiter.
Nochmal also die Frage: Wie soll ich wollen, dass man mich behandelt?
Ich bin nicht klug genug und ich leide daran. Im Geist von Matthäus 7:12 erwarte ich also: Ich wünsche von meinen Mitmenschen (und damit: Lesern), dass sie mich so behandeln, dass ich klüger werde. Und ich will nicht allein sein, also wünsche ich mir, dass wir gemeinsam klüger werden.
So versuche ich auch meine Mitmenschen zu behandeln. Und wenn Mitmenschen nicht gemeinsam klüger werden wollen, wenn sich ihre Leben um sich selbst drehen, wenn sie nach meiner Ansicht ihre Zeit und ihre Chancen verschwenden, dann ist das deren gutes Recht – und es mein Recht, keinen Anteil daran zu haben.
Wie sollst du also konkret deinen Mitmenschen behandeln?
Es kommt darauf an.
Worauf kommt es an?
Es kommt darauf an, ob du genug darüber geforscht hast, wie du wirklich behandelt werden willst. Es kommt darauf an, wo ihr beide ankommen werdet, wenn eure Wünsche euch gewährt werden.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Es kommt darauf an von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/es-kommt-drauf-an/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
