Stell dir ein Haus vor, das am Anfang sehr klein war. Ein kleines Haus mit einem einzigen Zimmer, von einem großen Feld umgeben.
Eine Generation wohnte darin, dann die nächste Generation. Eine um die andere Generation baute an diesem, ihrem Haus. Man korrigierte dies, man reparierte jenes.
Und jede Generation baute ihre eigenen Erweiterungen. Ein neues Wohnzimmer als Anbau. Ein Wintergarten. Erst zusätzliche Zimmer für die Kinder, dann ein neuer Trakt für die Kinder der Kinder.
Die Zahl der Generationen, die am Haus bauten, ist so hoch, dass darüber nur Schätzungen existieren.
Einige der Generationen bauten nicht nur das Haus um, sondern führten währenddessen auch Krieg innerhalb der Familien. Die Gewinner dieser Kriege bauten danach stets auch die Geschichte um – die Geschichte des Hauses wie auch die Geschichte der Generationen. Dieses wurde abgerissen, jenes erweitert.
Ja, Spuren weisen heute darauf hin, dass es immer wieder Phasen gab, in denen mehr Teile des Hauses abgerissen als neu gebaut wurden, nur damit bald wieder umso mehr und umso schneller gebaut wurde.
Stell dir ab hier nun vor, dass das Haus in Prag steht, im Hradschin vielleicht. Stell dir vor, dass das Haus dir beschrieben wird in der Zeit um die Jahrhundertwende vor den ersten zwei großen Kriegen. Also ist es sehr, sehr groß.
Am Anfang, als das Haus überhaupt gebaut wurde, brauchte es kaum zehn Schritte, um einmal durchs Haus zu gehen. Im Durchschnitt dann, über die Jahrtausende, lässt sich sagen, dass die Zeit, die es braucht, von einem Ende des Hauses zum anderen zu gelangen, sich mit jeder Generation verdoppelte.
Aus zehn Schritten wurden zwanzig, dann vierzig und so weiter. Bald brauchte es eine Stunde, bald ein Jahr, bald viele Jahre, um zu Fuß vom einen Ende des Hauses zum anderen zu gelangen. Ja, zu jenem Zeitpunkt, in Prag, hatte schon lange niemand mehr das Haus in seiner Gänze abgeschritten.
Unter den Deutschen wurde sogar erzählt, dass es wiederum viele Generationen brauchen würde, die Architektur des von Generationen gebauten Hauses – und dazu die versammelte Anstrengung der Klügsten ganzer Generationen – zu verstehen.
Die Wenigen aber, die es zumindest versuchten, ein, zwei oder sogar drei Räume des Hauses abzugehen, und die dabei auch die Geschichte und architektonische Weisheit des Hauses zu studieren, berichteten von großem persönlichen Gewinn und Wachstum. Ja, diese Leute gelangten zu hohem Ansehen. Und so wurde es bald Mode, so zu tun, als hätte man das Haus studiert. (So viele Leute logen diesbezüglich, dass die Lügner und Simulanten bald bestimmten, wie die Gesellschaft sich das Innere des Hauses vorstellte.)
Und nun, schließlich, stellt euch vor, dass ein Mensch – du, dein Kind, dein Freund – die Gelegenheit hat, das Haus zu besuchen.
Stell dir vor, du stehst vor der Tür zu diesem Haus.
Du hast gehört, dass die Familien des Hauses teils gestorben sind, teils einfach nur ausgezogen. Dass das Haus teils verfällt, teils von Taugenichtsen und Verrückten besetzt ist.
Dennoch ergibt es sich, dass du vor diesem Haus stehst. Dem Haus, das nicht im physikalischen Sinne unendlich ist, aber unendlich darin, dass kein Mensch es absehbar allein durchschreiten wird.
Die Tür steht offen.
Ein altes Männlein gesellt sich zu dir und sagt: »Komm, lass mich dir das Haus erklären, bevor ich sterbe. Nicht viele von uns sind noch am Leben, die das Haus noch wirklich selbst erforscht haben. Und das Haus braucht auch etwas Hilfe, hier und da, damit es nicht kaputtgeht. Komm, es bleibt nicht viel Zeit, das Haus ist groß, doch du wirst größer mit ihm!«
Du aber siehst durch die offene Tür das erste und zweite Zimmer, und die Zimmer sind riesig, und du sagst zu dem Alten: »Ach, das ist mir zu anstrengend! Ich bin zu faul.«
Du drehst dich um und gehst fort.
Jeder Abend, jedes Wochenende
Das, liebe Leser, ist die Situation mit der alten Bildung in der Gegenwart.
Propaganda, Schulen und Stress durch Dauerkrisen reißen das Haus ein und sagen: »Es will ja ohnehin niemand dieses Haus studieren! Niemand will darin wohnen, niemand die Einrichtung pflegen oder gar neue Zimmer bauen.«
Um dich her lauter Leute, die die Zimmer nicht studierten.
Und du? (Und ich?!)
Jeder Abend und jedes Wochenende, die du anders als mit alter Weisheit verbringst, ist wie wenn du vor jener Tür stehst, mit den Schultern zuckst ob der notwendigen Mühe und dich abwendest.
Es ist unsere Entscheidung. Es ist deine Entscheidung. Jeden Tag aufs Neue.
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Der Essay Die die Zimmer nicht studierten von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/hausnummer-22/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
