Das Jahr 2025 endet und – das will ich gestehen – die Theorie des Akzelerationismus wird attraktiver. Ich weiß nur nicht, ob dessen aktive oder passive Form attraktiv wird – lasst mich erklären!
Akzeleration bedeutet Beschleunigung. Der Akzelerationismus (ich schrieb etwa im Text »Frankreich, jetzt noch schneller« darüber) ist jene Theorie, wonach notwendige Veränderung nur nach Kollaps oder Implosion möglich ist, weshalb ebendiese zu begrüßen bzw. sogar zu beschleunigen seien.
Interessanterweise sind sowohl bei radikalen Marxisten als auch bei denkenden Kapitalisten akzelerationistische Ansätze zu finden. Der PayPal-Gang um Musk und Thiel etwa wird Akzelerationismus nachgesagt, wobei sie wohl eher techno-libertär sind, doch mit akzelerationistischen Ideen wie denen von Curtis Yarvin flirten. (Yarvins neuer Blog ist graymirror.substack.com.)
Ja, es ist eine schreckliche Theorie, dieser Akzelerationismus. Der notwendige Kollaps, der vor der notwendigen Totalveränderung eintreten wird/soll, wird/würde viel menschliches Leid bewirken.
Und doch erwische ich mich zuletzt öfter bei akzelerationistischen Ideen. Etwa als ich »Warum ich für Brosius-Gersdorf als Verfassungsrichterin bin« schrieb. Und die Äußerungen jener Dame seitdem bestätigen täglich neu meine Ahnung, dass sie als Verfassungsrichterin den Systemkollaps beschleunigen würde.
Nein, ich bin kein Tech-Milliardär oder kommunistischer Revoluzzer, der die ohnehin absehbaren Entwicklungen aktiv beschleunigen könnte.
Ich bin ein Essayist, der beschreibt, wie und wohin seiner Einschätzung nach die heute sichtbaren Linien morgen weiter verlaufen werden. Und dann überlege ich, welche Geisteshaltung (und wenn möglich auch: Handlung) sich angesichts des absehbaren Linienverlaufs anbietet.
Ich habe weder den Wunsch noch die Mittel, den Weg zu Kollaps und Implosion zu beschleunigen. Ich kann im Essay festhalten, was meine Gedanken sind, wenn andere den Kollaps herbeiführen. Und dann kann ich zumindest meinen Geist darauf einstellen.
Verstehensverstopfungen
Ein Marker für den nahenden gesellschaftlichen Kollaps ist die öffentlich ohne Scham ausgelebte Dummheit.
Ein Beispiel von vielen: Hadmut Danisch schreibt aktuell über »Die Verstehensverstopfungen des Hape Kerkeling«. Der ehemalige Komiker meldet sich zu Wort, er ist gegen die AfD. Aber irgendwie auch gegen islamischen Schwulenhass, wenn ich das richtig verstehe. Aber vermutlich ist er es auch wieder nicht. Denn da ist nichts zu verstehen. Es ist Gedankensalat, milieulinkes Durcheinander. Und es wird sehr ernsthaft interviewt und in verschiedenen Zeitungen berichtet.
Danisch diagnostiziert »Verstehensverstopfung«. Ich denke an jenes Bonmot, wonach du einen Mann nicht dazu bringen kannst, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, es nicht zu verstehen.
Ich aber diagnostiziere »frei- und mutwillige Dummheit«. Dummheit nicht als Eigenschaft von Menschen, sondern als Denkmethode. Wie ich im Essay »Es gibt kein Recht auf Dummheit« darlege, verstehe ich »Dummheit« als Nichtbedenken von Zusammenhängen. Auch ein intelligenter, gebildeter Mensch kann dumm denken, wenn er aus psychologischen, pragmatischen oder anderen Gründen relevante Zusammenhänge und Kausalitäten ignoriert.
Ein Land aber, in dem die Dummheit (also das Ignorieren von Zusammenhängen) alle öffentlichen Debatten durchdringt und als moralisch geboten gilt, während die Klugheit (also das Kennen und Bedenken von Zusammenhängen) als unmoralisch gilt, in dem klug zu sprechen von Staats wegen verfolgt und bestraft wird – so ein Land wird kollabieren.
Nein, ich wünsche und wollte den Kollaps wahrlich nicht. Und doch erwische ich mich bei dem verbotenen Gedanken: »Möge der Kollaps nur recht bald kommen, auf dass wir frei durchatmen und neu beginnen können.«
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