Vor dem Treffen mit dem US-Präsidenten prahlte Merz, was er Trump alles sagen würde. Und danach verbreitet er Fotos, die Merz als Welterklärer zeigen. Nur dazwischen, beim tatsächlichen Treffen mit dem POTUS, war Merz ganz zahm. Woran erinnert euch das?

Die PR-Leute des Bundeskanzlers haben ein Foto veröffentlicht. Das Foto hat das Zeug für Deutschland teuer zu werden. Das Foto ist verräterisch und anklagend zugleich. (Foto: @bundeskanzler, 03.03.2026)

Zum Foto schrieben sie noch Polit-Blabla, etwa: »Washington weiß: Auf europäischer Seite ist eine Grenze erreicht.« – Das irritiert mich etwas, denn ich meine mich zu erinnern, dass laut Olaf-Scholz-Doktrin »keine roten Linien« mehr existieren. Sei’s drum, das Foto ist spannender. Und es soll offenbar die eigentliche PR-Botschaft sein.

Endlich mal die Weltläufte

Das Foto: Zwei Männer stehen in einem langen, überdachten Korridor des Weißen Hauses. Der Mann rechts ist Merz. Er ist größer (gemeint: Körperhöhe). Er gestikuliert mit der rechten Hand in Richtung seines Gegenübers. Die linke Hand steckt in der Hosentasche. Was die linke Hand dort tut, das zeigt das Foto nicht.

Der Mann links — Trump — steht still, hält die Arme an seiner Seite.

Trump hört wohl zu.

Trump macht sich so seine Gedanken.

Welche Gedanken sich Trump dabei macht, auch das zeigt das Foto nicht. Und vielleicht ist es besser so. Trumps Gedanken beim Anblick des gestikulierenden Merz könnten Teile der Bevölkerung verunsichern.

Wir ahnen aber, was der PR-bewusste Trump sich später denken wird, wenn er mitbekommt, dass das deutsche Bundeskanzleramt dieses Bild verbreitet, als hätte Merz dem Trump endlich mal die Weltläufte erklärt.

Geigen vor, schweigen bei

Die aktuelle Merz-Trump-Interaktion ist ein tragikomischer Drei-Akter. Beim CDU-Parteitag kurz zuvor hatte Merz verkündet, was er dem Trump alles geigen würde. Nach dem Treffen mit Trump verbreiteten Merz’ Leute via Foto, wie Merz dem Trump die Meinung geigte.

Beim tatsächlichen Treffen aber, als Merz im Sessel neben Trump saß, hielt er die Beine brav überschlagen und nickte höflich. (Auch als Merz-Genosse Sanchez von Papa Trump aus der Ferne angeraunzt wurde.)

Plötzlich ganz still

Über bayerische Politiker wird schon mal gesagt: »A Hund is a schon!«

Es ist anerkennend gemeint. Es soll bedeuten: Dieser Politiker ist gerissen und geschickt.

Ich sage ausdrücklich nicht über Merz, dass er »a Hund« ist. Schon weil der Typ von Hund, der mir einfiele, eher der kleine Kläffer wäre, der den großen Hund nur so anbellt, wenn wegen Glastür, Kette oder Zaun die größte Gefahr darin besteht, dass der große Hund zurückbellt – nichts Schlimmeres. Schnauze an Schnauze aber ist der kleine Kläffer plötzlich ganz still.

Was hast du verdient?

Jede Zeit und jedes Volk haben genau die Politiker, die sie verdienen. (Bisweilen haben sie bessere Politiker als sie verdienen; und wenn ihnen das später bewusst wird, verzeihen sie das diesen Besseren nie.)

Deutschland hat die Politiker, welche die wahlrelevante Mehrheit verdient. Und die wahlrelevante Mehrheit findet gar nichts daran, privat den starken Mann zu markieren, vor dem Chef aber dann den Schwanz einzuziehen. »Ein Mann ganz wie wir«, so denken die Mitbürger – und liegen damit vermutlich richtig. (Lang ist’s her, dass wir an Politiker höhere Ansprüche stellten als an uns gewöhnliche Gehwegpassagiere.)

Du aber meinst, du persönlich hast bessere Politiker verdient? Nun, ich höre dich, und was du wirklich sagen willst: Du hast bessere Mitbürger verdient.

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