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Wer kämpft, wird verwundet werden, selbst wenn er siegreich ist. Das gilt für »richtige« und blutige Kämpfe (also Krieg in Nahost, Gesamtschule in NRW usw.), und es gilt für die Kämpfe der Seele. Wie viele Narben tragt ihr an euch herum?

Die schlechte Nachricht ist, dass keiner hier ohne Wunden rauskommt. Die gute Nachricht ist, dass das für einige ein buchstäblicher Segen sein wird. – Lasst mich erklären!

Aufmerksamen Lesern, mit Freude am Gedanken, doch zugleich mit leider nur kursorischem Bibelwissen, fiel im gestrigen Essay etwas auf, das wie ein Fehler meinerseits aussah.

Ich schrieb über Josef, den Sohn des Jakob. Und dann zitierte ich die Bibel, wo der Vater Israel ebendiesen Josef »mehr als alle seine Söhne« liebte. Und dieser Israel ließ für Josef »einen bunten Rock machen«.

Wovon und von wem reden wir also? Von Jakob oder von Israel?

Die Antwort ist zu finden in einer bildstarken Szene, an die ich in den letzten Tagen immer wieder denken muss. Ihr findet sie beschrieben in Genesis 32:25–31.

Die sehr knappe Vorgeschichte: Jakob wollte seinen Bruder Esau besänftigen, also machte er sich zu diesem auf, inklusive seiner Herden, seiner Kinder und seiner beiden Frauen. Als sie den Fluss überqueren mussten, schickte er sie alle voraus, inklusive aller seiner Besitztümer, und blieb allein zurück.

Hard Cut

Wir kennen nicht Jakobs Motivation, allein zurückzubleiben, doch wir kennen den höheren Zweck.

Der biblische Bericht setzt hier etwas, was man beim Film einen hard cut nennen würde. Eben passierte noch das eine, und plötzlich passiert das andere:

Er nahm sie und ließ sie den Fluss überqueren. Dann schaffte er alles hinüber, was ihm sonst noch gehörte. Als er allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. (Genesis 32:24-25)

Die beiden kämpfen. Während des Kampfes wird Jakob von jenem Mann auf die Hüfte geschlagen, und Jakobs Hüftgelenk ist ab da verrenkt. Und doch wird Jakob zum Sieger.

Wenn du mich nicht

Gegen Morgen scheint jener Mann aufzugeben, und er sagt zu Jakob: »Lass mich los, denn die Morgenröte ist heraufgekommen!«

Jakob aber antwortet: »Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.«

Als wäre das eine normale, erwartbare Forderung in so einer Situation, stellt der fremde Kämpfer eine klärende Frage: »Wie heißt du?«

»Jakob«, antwortet Jakob.

Dann sagt jener Nächtliche, auch sich selbst erklärend: »Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel – Gottesstreiter –, denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gesiegt.«

Um höhere und tiefere Wahrheit

Das erklärt, wie Josef der Sohn von Jakob sein kann, aber dessen Vater Israel ihm einen tollen bunten Mantel schenkt.

Was aber bedeutet die berühmte nächtliche Szene?

Die Szene beginnt damit, dass Jakob allein ist. Wir Menschen kommen wirklich nicht gut mit Einsamkeit klar. Das Problem ist, dass Abgeschiedenheit und Alleinsein zugleich Voraussetzung dafür sind, höhere und tiefere Wahrheit – sprich: Gott – zu finden.

Jakobs nächtlicher Kampf aber darf als Sinnbild fürs Gebet gelesen werden. Nicht für jenes wichtige, aber eben doch stressfreie Gebet etwa vorm Essen. (»Herr, segne uns und diese Gaben, die wir von deiner Güte nun empfangen …«)

Eher das Gebet des Verzweifelten, dessen Kinder seit drei Tagen keine wirklich nahrhafte Speise mehr hatten. Oder das Ringen mit Sinn und Existenz jenes Gläubigen, der schon vor dem äußeren Eintritt in die Einsamkeit im Innern einsam war.

Jener ominöse nächtliche Kämpfer war Gott in der Gestalt eines Engels. Und Gott erlaubte Jakob tatsächlich, eine Bedingung zu stellen, unter der Jakob sein »Gebet« für den Augenblick abbrechen würde: »Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.«

Um ein modernes Wort

Der Segen Gottes aber beginnt damit, dass Jakob einen neuen Namen erhält, der laut jenen Versen für »Gottesstreiter« steht.

Jakob erhält einen neuen Namen. Er ist nun Israel. (Was nicht bedeutet, dass er nicht Jakob wäre. Er erhält, um ein modernes Wort zu gebrauchen, eine neue Identität – und anders als die Freizeit-Identitäten heutzutage, ist diese Identität tatsächlich metaphysisch.)

Im Ringen um inneren Frieden wird das Leben dir eine Wunde schlagen – einen Hüftschaden verpassen. Ja, oft genug sind es böse oder blinde Menschen, die uns »gegen die Hüfte« schlagen. Doch es ist keine Strafe, sondern ist ein Zeichen. Deine Wunden und Narben sind Mahnmale an deinem Körper – oder an der Seele.

Ja, wir sind die, welche in der Schwäche, in der Wunde und Unterlegenheit keine Schmach sehen.

»Wenn ihr auf die stoßt, die ungläubig sind, so haut (ihnen) auf den Nacken; und wenn ihr sie schließlich siegreich niedergekämpft habt, dann schnürt ihre Fesseln fest«, so heißt es in Sure 47:4. Paulus schreibt: »Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.« (2. Korinther 12:10b).

Hüftschaden und die Rechnung

Man beachte die Selbstverständlichkeit, mit der Jakob den Hüftschaden hinnimmt und nur ein Anliegen hat: gesegnet zu werden.

Die Geschichte von Jakobs nächtlichem Kampf am Ufer des Jabbok aber enthält eine Lehre für alle Menschen, nicht nur für die Gläubigen!

Ja, wer nicht mit »Gott« ringt, der wird auf jeden Fall mit dem Schicksal hadern, ringen, kämpfen. Und ähnlich allein wird er sich bisweilen fühlen. Einige von ihnen werden einen Hüftschaden davontragen.

Aber viel mehr als den Hüftschaden und die Rechnung des Psychotherapeuten oder der örtlichen Kneipe wird er von seinem Ringen mit dem Schicksal nicht haben. Keinen Segen, nicht einmal eine gute Story.

Nur vielleicht ein Humpeln.

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