Es ziemt sich bekanntlich nicht, den Überbringer einer Botschaft für deren Inhalt zu bestrafen. Die einen sagen, weil so etwas zu tun ungerecht wäre (von dir dem Boten gegenüber). Die anderen sagen: Weil es diesen Kanal für weitere Botschaften verschließt (wie Käse den Magen).
Was aber, wenn der Bote eine Strafe verdient? Was, wenn der Botschafter selbst die Botschaft ist? Oder immerhin eine Botschaft? Und damit definitiv ein eigenes Problem, wenn nicht sogar Teil eines größeren, »gesamten« Problems?
Ach, selbst dann, so sage ich, kann es sehr gut sein, dass eine angemessene Behandlung des Boten ja doch nicht hilft. Es wäre ein Auspeitschen des Meeres. (Was übrigens auch der Name ist, den ich in einem Anflug sentimentaler Ironie dem ambitioniertesten der Leserbeiträge gab.)
»(dpa) Hinweis: Dieser Artikel«
Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni mahnte kürzlich, dass der EU »geopolitische Bedeutungslosigkeit« »droht«.
Ich las es bei Tichys Einblick, einem freien Nachrichtenmedium, dessen Macher ich sehr schätze, deren Ballast an digitaler Werbung rund um die Artikel jedoch regelmäßig meinen Browser und/oder meine Leselust einfrieren lässt. Da lässt das Medium mich unmittelbar und stellvertretend spüren, wie eine solche Nachricht auch sonst im Info-Lärm unterzugehen pflegt.
Ich suchte also nach der entsprechenden Nachricht im sonstigen Internet.
Erst fand ich das Befürchtete.
Dann betrachtete ich das Befürchtete, und ich sah, darüber, darum und darin: Schlimmeres.
Nur die Vorhölle
Das Befürchtete (also was man zu finden erwartet, wenn auch ohne Vorfreude) war im Kern zunächst eine Agenturmeldung.
Zur »Wahrheit« gehört: Die Journalisten etwa bei Die Zeit müssen auswählen, worüber sie schreiben. Man kann nicht über alles schreiben, man kann nicht alles selbst recherchieren.
Der moderne Journalismus kauft kleinere Themen schon mal ein. Als Jahrespaket mit ebenso vielen wie beliebigen unablässig aufs Hirn einprasselnden Einzelnachrichten.
Bei zeit.de, 27.8.2025 erscheint dann auch die in vielen Medien ähnlich zu findende Schlagzeile »Meloni: EU steuert auf geopolitische Bedeutungslosigkeit zu«. Dazu der brave Hinweis: »Quelle: dpa«. (Wir haben geklickt, Werbung wurde geschaltet, Journalismus erledigt.)
Für Nebensächlichkeiten wie die drohende Bedeutungslosigkeit der EU haben die Qualitätsjournalisten der ZEIT leider keine Zeit, das überlassen sie der Agentur.
Journalisten sind ja Menschen, auf ihre eigene, spezielle Weise. Und damit ihre Inhalte rüberkommen, müssen sie eben über Themen schreiben, von denen sie wirklich bewegt sind. Menschen, wie gesagt.
Zum Beispiel dies, wichtiger als der Untergang Europas: »Es lebe der Sonnenschluck« (zeit.de, 6.9.2025), offenbar ein Plädoyer für die Normalisierung des Alkoholkonsums tagsüber. (Hinweis an die verantwortlichen Journalisten: Nein, weder Aperol-Spritz noch Negroni machen dich zum Hunter S. Thompson. Versuch es mit Rum. In San Juan, Puerto Rico. Und führe dann Tagebuch darüber. Aber retten wirst auch du dich nicht.)
Zu zwei Stichpunkten
Der Mensch ist alt, die Zeiten sind neu. Es könnte schlimmer kommen als Agenturmeldungen, und so sollen wir uns an Meldungen informieren, die von Robotern »überarbeitet« wurden: die KI-Meldungen.
Ich fand genau diese Meldung über Meloni auch bei upday.com. Dort klingt sie extra mechanisch heruntergerattert und mit etwas versehen, was deren Roboter wohl für nützliche Zusatz-Informationen halten. Unter dem Artikel steht immerhin: »(dpa) Hinweis: Dieser Artikel wurde mithilfe von Künstlicher Intelligenz überarbeitet.«
Bei eulerpool.com, 27.08.2025 wird dieselbe Meldung offenbar von KI zu zwei Stichpunkten zusammengefasst:
Giorgia Meloni kritisiert die EU wegen ihrer geopolitischen Schwäche. Sie fordert, dass die EU sich auf ihre ureigenen Werte besinnen müsse (eulerpool.com, 27.08.2025, wohl KI)
Derartige Zusammenfassungen von Artikeln durch KI erinnern mich an jenes Woody-Allen-Zitat über das früher mal modische Schnell-Lesen: »Ich habe einen Speed-Reading-Kurs besucht und habe Krieg und Frieden in zwanzig Minuten gelesen. Es geht irgenwie um Russland.«
Wie Erstklässler zur Einschulung
Nun habe ich also die verschiedenen Botschafter dieser Nachricht in essayistischen Worten ausgepeitscht. Wenn es auch wenig half, so hat es doch Spaß gemacht (hochtrabend: es war kathartisch), wie ich auch hoffe, dass Xerxes einst Spaß hatte, als er laut Herodot den Hellespont auspeitschen ließ, zur Strafe, weil der Brückenbau dort einfach nicht gelingen wollte.
Für den Fall aber, dass Sie, liebe Leser, sich rechtfertigen müssen für die Zeit, die Sie mit diesem Essay verbrachten (etwa weil Sie die Leserbeiträge als Fachliteratur bei der Steuer absetzen), lassen Sie mich noch schnell die eigentliche Botschaft auseinandernehmen.
Meloni sagt, der EU »drohe« der Bedeutungsverlust. Ob der EU das nun »droht«, oder ob.es bereits eingetreten ist, das ließ sich kürzlich beobachten, als Merz, von der Leyen & Co. im Stuhlkreis vor Trump saßen, wie Erstklässler zur Einschulung.
Die Financial Times titelte dazu: »Europa verkauft seine Seele an Trump« (ft.com, 25.8.2025). (Übrigens: Es ist ein auch in Deutschland zu beobachtender kognitiver Drahtseilakt von geradezu artistischer Dimension, Trump für einen Trottel zu halten und zugleich darüber zu schimpfen, wie Trump aufs Gewiefteste die Welt neu den USA unterwirft.)
Als Regierungschefin jedoch gemäßigter
Eine spannende codierte Offenbarung trägt jene Meldung als eine Art »heimliche Nutzlast« in ihrem Schluss. Es wird, ob im Original oder nach KI-Überarbeitung, darauf hingewiesen, dass Meloni im Wahlkampf »mit EU-skeptischen Positionen« auffiel, sich »als Regierungschefin jedoch gemäßigter gezeigt« hat (upday.com).
Es klingt mir wie ein Code für: »Hahaha, es war wieder alles gelogen. Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass das System tatsächlich eine echte Systemkritikerin an die Macht lassen würde?«
Tatsächlich scheint es, dass Ursula von der Leyens wüstes Schimpfen auf Meloni vor der Wahl tatsächlich nur perfider Wahlkampf für diese war. (Und ja, auch ich bin wohl darauf hereingefallen: »Stolze Italiener«)
Auch nach Melonis Amtsantritt strömen weiter Tausende »junge Männer« nach Italien; siehe dazu auch den Essay »Frauen sind nicht die besseren Menschen«. Meloni wirkt auf mich wie ein italienischer Söder: Rechts blinken, heimatverbunden reden – doch tatsächlich links abbiegen, den Blick fest auf den totalen Globalismus gerichtet.
Wenn also Meloni von drohendem Bedeutungsverlust und Rückkehr zu europäischen Werten redet, dann bedeutet es – nichts.
(Man beginnt, jenen ZEIT-Journalisten zu verstehen und ihn um seine Recherche zu beneiden. Bezahlte das eigentlich die Redaktion?)
Irgendwie muss man ja
Das aber, liebe Leser, waren meine essayistischen Gedanken, notiert am Morgen des siebten September im Jahr des Herrn Zweitausendfünfundzwanzig.
Mich ärgert es tatsächlich, dass ohnehin latent seelenlose Agenturmeldungen nun verpackt werden in noch seelenlosere KI-Überarbeitung. (Wer hätte gedacht, dass seelenlos noch zu steigern wäre?)
Wenn ich nun darüber nachsinne, kann ich aber verstehen, dass Journalisten sich gar nicht erst die Mühe machen wollten, die Meloni-Phrasen persönlich zu bearbeiten. Es gibt wirklich Wichtigeres. (Zum Beispiel, sich über das Wie der Botschaft zu amüsieren.)
Ich für meinen Teil veröffentliche jetzt diese Zeilen und gehe dann in die Kirche. Ich werde es euch aber ausdrücklich nicht übelnehmen, wenn ihr an diesem Sonntag dem Vorbild jenes Qualitätsjournalisten folgt und euch ausnahmsweise dem Day Drinking hingebt.
Bitte zürnt dem Überbringer dieser Botschaften nicht zu arg. Irgendwie muss man ja den Tag überleben.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Bedeutungslos, aber fröhlich durch den Tag von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/mehr-illusionen-sagen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
