Ich bin nicht schlau, und ich weiß es. Und doch gelange ich bisweilen zu besseren Entscheidungen als die sogenannten Schlauen.
Dass ich dies sage, ist nicht (nur) eitle Bescheidenheit. Ich erkläre eine Methode.
Lasst mich dies bitte erklären, beginnend mit der Vorbereitung der verwendeten Begriffe!
Schlau nenne ich einen Menschen, der schnell zu klugen und richtigen Schlüssen gelangt.
Richtig soll hier ein anderes Wort für wahr sein. Eine wahre Aussage ist weiterhin eine, die mit den tatsächlichen Fakten der Welt korrespondiert. (Auf Deutsch: Es ist wirklich so, wie man sagt, dass es ist.)
Klug nenne ich hier Absichten und Entscheidungen, die absichtsvoll und tatsächlich zum Erfolg führen. (Also weder die gute Absicht allein noch der blinde Glückstreffer sind in diesem Sinne klug.)
Alles zusammen: Ein schlauer Mensch ist einer, der schnell zu klugen Schlüssen gelangt.
Ein Beispiel: Wenn eine Firma einen Menschen losschickt, um Verhandlungen in ihrem Namen zu führen, wird das (hoffentlich) ein schlauer Mensch sein, damit er schnell Entscheidungen trifft, die zum tatsächlichen und absehbaren Erfolg der Firma führen.
Wenn sofort und schnell entschieden werden muss, dann ist es von sehr konkretem Vorteil, schlau zu sein. Und dazu natürlich gut informiert. Mindestens schlauer und besser informiert als die Verhandler der gegnerischen Partei.
Ich aber bin nicht schlau, und ich weiß es. Ich habe diese oder jene Stärke, aber besonders schlau zu sein gehört nicht dazu.
Ich weiß das.
Und weil ich das weiß, nehme ich mir Zeit, bevor ich etwas entscheide.
Zum Beispiel: Ich finde heraus, was (echte) Autoritäten zu diesen oder jenen Fragen gesagt haben – und worauf ihre (vermeintliche) Autorität basiert.
Ich suche nach Widersprüchen. Ich suche nach einfacheren Erklärungen und ähnlichen früheren Begebenheiten.
Auch ich versuche, zu klugen Schlüssen zu gelangen. Doch ich muss es eben langsam tun.
So aber kann es passieren, dass ich zu ganz anderen Entscheidungen gelange als Leute, die zweifellos »schlau« sind. Manchmal sogar zu klügeren!
Wie kann das sein?
Vergleichen wir einmal das Schlausein mit den Fähigkeiten eines Sportlers.
Dieser Essayist wird jedes Wettrennen gegen einen trainierten Athleten krachend verlieren – doch nur solange wir uns am selben Ziel messen.
Ja, der Athlet wird die Hundert-Meter-Strecke weit schneller laufen als ich.
Ja, wenn wir statt der Entfernung die Zeit limitieren sollten, dann wird der Athlet in derselben Zeit viel weiter gelangen als ich. Also: Metaphorisch gesprochen ist der Athlet schlauer als ich.
Stellen wir uns aber vor, dass der Athlet fürs Laufen nur 30 Sekunden erhält, ich aber 30 Minuten – ich werde ihn besiegen! Ich werde »erfolgreicher« sein als der schnellste Mann der Welt!
Zeigt mir den schnellsten Mann der Welt, und ich verspreche euch, dass ich in einer halben Stunde weiter laufen kann, als er in einer halben Minute – wetten?
»So ein Wettrennen wäre aber absurd!«, so werdet ihr sagen. Und halb hättet ihr recht …
… aber eben nur halb.
Es ist ja »nur« ein Vergleich, eine Metapher gewissermaßen.
Wir befinden uns täglich mit all unseren Mitmenschen im Wettbewerb um die richtige Schlussfolgerung aus den Prämissen unserer Zeit. Was bedeuten die Nachrichten und Ereignisse? Welches ist der wirklich kluge Schluss?
Was ist wahr? Was ist gut? Was ist klug?
Deine Mitmenschen mögen schlau sein, und einige sind schlauer als du. Und einige sind weniger schlau als du. (Aber nicht alle!)
Praktisch alle Autofahrer halten sich bekanntlich für bessere Fahrer als die anderen – statistisch ist das offensichtlich eine Unmöglichkeit. Ähnlich aber verhält es sich mit der Schlauheit.
Die biologisch bedingte Normalverteilung der Schlauheit, oft übel verschlimmbessert durch »Bildung«, ist natürlich der erste Faktor für Unterschiede in diesen praktischen Denkerfolgen. Verheerender als die gottgegebenen Unterschiede aber sind die menschengegebenen Denkfehler, die einen Menschen dazu bringen, sich ganz fälschlicherweise für schlau zu halten.
Ein Mensch kommt sich schlau vor, wenn er meint, schnell zu klugen Schlüssen zu gelangen.
Die Dämonen in der Propaganda wissen um diese Eigenschaft des Menschen, also geben sie ihm die notwendigen Irrtümer an die Hand, um sich für schlau zu halten – doch sich damit tatsächlich selbst zu schaden.
Im Buch Die Entdeckung der Langsamkeit schreibt Sten Nadolny über den Kapitän und Polarforscher John Franklin. Auch er war langsam und also wenig schlau in diesem Sinne. Franklin brauchte zwanzig Sekunden, um zu entscheiden, was andere in zwei entschieden – und er erreichte, was keiner vor ihm erreicht hatte. Das gibt mir Hoffnung.
Ein Mensch, den ich eigentlich für langsam gehalten hatte, gab mir mal seinen Text zum Gegenlesen und Kritisieren. Halb aus Mitleid stimmte ich zu – und ich war geschockt! Der Text war weit besser als meine üblichen Texte!
Ich verstand: Der Leser sieht ja nicht, wie angestrengt der Autor über jede einzelne Zeile grübelte – oder wie oft er den Text neu schrieb.
Für den Leser folgt ja eine Zeile sofort auf die andere, wie viele Stunden, Tage … oder Jahrzehnte zwischen zwei Zeilen lagen. (Und wenn der Autor professionell und bescheiden genug ist, wird er ja manchen mäandernden Gedanken streichen, bis der Leser ihn für den schlauesten der Schlauköpfe hält, leichtfüßig von Einsicht zu Metapher zu Bonmot eilend.)
Das ist vielleicht der wahre Grund, warum Schreiber eben Schreiber sind: weil sie zwar Freude an klugen Gedanken haben, doch für den öffentlichen Vortrag ebendieser schlicht zu langsam sind. Ein Bissiger könnte mutmaßen: Schreiber sind die Schildkröten, die gern schnell wie Hasen wären, doch die Beine geben es einfach nicht her, also gehen sie eben mit ihrem eigenen Tempo zum Ziel, Zeile für Zeile.
Das ist, warum mancher Prominente sich seine Bücher oder Doktorarbeiten von Ghostwritern schreiben lässt: weil der Prominente in Besprechungen und verschwörerischen Treffen schlau ist (= schnell für ihn nützliche Entscheidungen trifft) – doch wenn er seine Gedanken aufschreibt, diese bei nüchternem Lesen alles andere als klug entlarvt werden.
Ich finde mich langsam damit ab, dass es ist, wie es ist. Nein, lasst mich diesen Gedanken »spontan« und also »schlau« korrigieren, sprich: klug werden lassen. Ich lerne dankbar dafür zu sein, dass meine Unschlauheit mich zwingt, langsam und umso gründlicher klug zu werden.
Ach, wie sehr wäre uns geholfen, wenn wir nur lernten, oft und ehrlich genug »Deo Gratias« zu sagen – »Danke, Gott«.
Danke »für diesen guten Morgen« und so weiter, klar, »für jeden neuen Tag« ebenso. Aber Danke auch für meine mangelnde Schlauheit. Denn sie zwingt mich zur langsamen und also hoffentlich gründlicheren Klugheit.
Ich entdecke hier ja gar nicht die Langsamkeit aufs Neue – ich buchstabiere nur nach, was längst gesagt wurde!
Jakobus der Gerechte mahnt:
Wisset, meine geliebten Brüder: es sei [aber] jeder Mensch schnell (bereit) zum Hören, langsam zum Reden und langsam zum Zorn
Man beachte: Wir sollen bereit sein, durchaus schnell zu hören. Wenn dein Mitmensch ein offenes Herz und Ohr braucht, hast du da zu sein – sofort.
Langsam sollen wir aber zum Reden sein! Wenn Jakobus ein elftes Gebot schreiben würde, könnte es vielleicht lauten: Du sollst nicht schlau sein.
Doch, liebe Leser, ob ihr schnell oder langsam lest, achtet auf den letzten Schritt der heiligen Langsamkeit: langsam zum Zorn.
Langsam zum Reden zu sein, weniger schlau zu sein, es ist ein Gebot. Es ist ein Gebot, sich für weniger schlau zu halten.
Wer aber lernt, seine Zunge im Griff zu halten, weniger »schlau« zu sein, der ist bereit für den nächsten Schritt: seine Gefühle im Griff zu haben, besonders die zerstörerischen.
Nein, ich bin nicht schlau. (Was mich leider wahrlich nicht immer daran hindert, langsam zum Reden zu sein – man seufzt.)
Ich arbeite noch daran, langsam zum Zorn zu sein, langsam auch zur Verzweiflung – und schneller in der Empathie.
Ja, schneller zum Mitgefühl und langsamer zur Egomanie, und im Zweifel lieber nichts sagen.
Das – und nicht die Schlauheit – wäre Grund zur Dankbarkeit.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Du sollst nicht schlau sein von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/nicht-schlau/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
