Ein lieber Mensch, mir wohlbekannt, teilte mir ausgerechnet gestern mit, dass er den Sommer nächstes Jahr gern in Frankreich verbringen wollte. Er legt gerade ein Französisch-Zertifikat nach dem anderen ab, und er hat Spaß an Oui und Bonjour.
Ich aber dachte bei mir: Frankreich ist ein zerbrechendes Land. Erst zerbricht es entlang der Trennlinie zwischen den Franzosen und Einwanderern. Und dann zerbricht es entlang einer weiteren Trennlinie.
Lasst mich erklären!
Spaziergänge an der Seine
Wir waren ja damals – früher – öfter in Paris. Auch mit den Kindern. Schön war sie, die Stadt. Spaziergänge an der Seine. Sich willig verlaufen und so Ecken entdecken. Herumlungern unterm Eiffelturm. Auf den Spuren von Le Fabuleux Destin d’Amélie Poulain und Midnight in Paris.
Temps perdu, verlorene Zeiten. Der Eiffelturm ist inzwischen mit Glaswänden abgeriegelt. Jean-Pierre Jeunet, der Regisseur der Fabelhaften Welt, will keinen zweiten Teil drehen, weil Paris heute »zu hässlich« ist (business-standard.com, 9.5.2019).
Es war ein Frankreich, bevor Notre Dame brannte (siehe auch den Essay »Der Brand der Kathedrale Notre-Dame de Paris am 15. April 2019«). Ein Frankreich, in dem noch nicht alle zwei Wochen eine Kirche verschwand (tribunechretienne.com, 24.2.2025).
Ein Krieg gegen Frankreich
Ich schreibe, dass jener Mensch »ausgerechnet gestern« die Idee äußerte, den kommenden Sommer in Frankreich verbringen zu wollen, weil just in der Nacht von gestern auf heute »junge Männer« (laut aktuellen Berichten vorwiegend Migranten aus Nordafrika) ein klein wenig Bürgerkrieg spielten (cnews.fr, 31.5.2026). Ein Krieg gegen Frankreich.
Flammen und Trümmer, immer wieder aufgepeitschte Männerhorden. @elonmusk, 31.05.2026 zeigt eines der Videos, und schreibt dazu lakonisch: »Problems in Paris«.
Andere Bilder zeigen etwa, wie eine Frau aus einem Auto gezerrt wird (@MarioNawfal, 31.05.2026). Und immer wieder brennende Fahrzeuge und »junge Männer«, die grundlos teure Scheiben einschlagen und Paris zerstören (@anandrajan706, 31.05.2026).
Warum tun die »jungen Männer« das?
Formeller Anlass war irgendein Fußballspiel.
Doch wir ahnen, dass die Motive andere sind. Da brennt ein anderes Feuer, das diese Feuer anzünden will.
In kältestem Hohn jubelt der regierende Ex-Banker:
Une nouvelle étoile brille sur Paris ! Bravo au PSG qui fait rêver toute l’Europe. La France est fière.
– @EmmanuelMacron, 30.05.2026
Das bedeutet übersetzt: »Ein neuer Stern erstrahlt über Paris! Glückwunsch an PSG, das ganz Europa zum Träumen bringt. Frankreich ist stolz.«
Man kann gar nicht anders, als an Nero zu denken, der fröhlich gefiedelt haben soll, während Rom brannte.
Remigration oder Existenz
Inzwischen wird weltweit offen ausgesprochen, dass Europa nur zwei Optionen hat: a) Remigration oder b) seine Existenz (als westliches Land) verspielen.
Zu den schrägsten der westlichen Schräglagen gehört: Das »Existenzrecht Israels« wird als Dogma gesetzt, und eine Kritik an den Kriegshandlungen dieses Staates wird bereits als Verstoß gegen dieses Dogma gewertet und soll bestraft werden. Derweil ist die blanke Existenz des christlichen Europas ganz konkret bedroht, stellenweise existiert es schlicht nicht mehr. Doch die Klage darüber wird von denselben Stellen bestraft.
Es ist ja nicht das erste Mal, dass es in Frankreich brennt. Es ist mehr so ein pulsierender Dauerzustand. 2023 schrieb ich:
In Frankreich »glimmt« es seit Jahren, immer wieder brechen Feuer aus. Macron verspricht, die Zuwanderung zu bremsen. Jetzt aber wirklich. – Problem: Kipppunkt ist womöglich überschritten, man müsste Jahrzehnte rückgängig machen. Wie soll das gehen?
– Essay 25.8.2023 – »Macron gegen mehr Zuwanderung«
Ja, der Kipppunkt war wohl tatsächlich 2023 bereits überschritten. Ohne Remigration im ganz großen Stil wird es nicht »wieder gut werden«. Nein, die jungen Männer, die Paris anzünden, werden nicht durch noch mehr Sozialmaßnahmen zu Gauloises-rauchenden, Voltaire-lesenden Flaneuren werden. Es ist ein Entweder-Oder.
Frage nach dem Nutzen
All dies wird mir bewusst, wenn die Idee vorgebracht wird, den kommenden Sommer in Frankreich zu verbringen.
Zu beachten dabei: Frankreich, nicht Paris.
Es ist ja durchaus realistisch, dass sich weit entfernt von Paris, in einer der reichen Städte im Süden etwa, auch in einem Jahr noch schöne Wochen verbringen lassen.
Doch es ist nicht (nur) die öffentliche Sicherheit, die mich davon abhält, in jubelnde Zustimmung zu verfallen. Mein Zögern ist pragmatisch.
Ich frage nach dem Nutzen.
Sicher, es weitet den Intellekt und »kommt gut an«, Französisch zu sprechen.
Sicher, es ist förderlich, französische Denker im Original zu lesen (und hoffentlich zu verstehen). Auch den ein oder anderen französischen Katholiken zu studieren, lohnt sich – ob nun über die Nachahmung oder übers Beharren.
Doch braucht es für jene oft erwähnte Zukunft wirklich Französisch?
Mehr gestorben als geboren
In Frankreich sind 2025 mehr Menschen gestorben, als neue Menschen geboren wurden (de.euronews.com, 13.2.2026). Umfragen bestätigen das Offensichtliche (wiwo.de, 23.1.2024): Selbst Menschen, die eigentlich eine Familie gründen wollen, sehen sich aufgrund der Lebenshaltungskosten und des Wohnungsmangels dazu nicht in der Lage. Und »gebildete« französische Frauen wollen außerdem Karriere machen, wobei ein Kind nur »stören« würde.
Warum sollte man also Lebenszeit investieren in die Sprache einer Nation, deren Städte niedergebrannt werden und deren Volk de facto ausgetauscht wird?
Welche heutigen Kulturleistungen Frankreichs formen die Welt? All die tollen Filme, Bücher und Philosophien sind von früher.
Ich weiß, Frankreich verfügt durchaus über technologische Entwicklungen. Nukleartechnik etwa. Flugzeugtechnik (Airbus), Raketentechnik (ArianeGroup) oder Waffen (z. B. Dassault Rafale). Und sogar ein KI-System namens Mistral, das zwar hinter US-KI-Anbietern wie Anthropic hinterherhinkt, dafür aber seine Daten eben in der EU behält. Außerdem wird in Frankreich an Quantum-Technologie (Pasqal, Quandela et al) geforscht, und darin ist man tatsächlich auf Weltniveau.
Alle diese Entwicklungen aber sind auf staatliche Unterstüzung angewiesen. Flugzeuge und Nukleartechnik kommen dem einfachen Bürger zugute. Entwicklungen wie Quantum-Computer dagegen haben das Potenzial, einige wenige Superreiche in noch mal ganz andere Dimensionen des Superreichtums zu katapultieren. (Funktionierende Quantencomputer könnten alle Verschlüsselungen der Welt mit Leichtigkeit knacken und vermutlich KI mit einem vierstelligen IQ hervorbringen.)
Diese technischen Entwicklungen sind den meisten Menschen weltweit aber nicht bewusst. Wenn Menschen über Frankreich denken, dann denken sie an Schaumwein, Kleidung und Handtaschen.
Denn das ist tatsächlich wahr: Frankreich verkauft weltweit begehrte Luxusgüter. LVMH etwa ist ein großer französischer Konzern für Luxusgüter, und sein Chef Bernard Arnault ist einer der reichsten Menschen des Planeten. Doch angelehnt an ein Argument von Alice Weidel: Wenn das Zusammennähen von Handtaschen das prominenteste Produkt eines Landes ist (soweit die überhaupt wirklich noch in Frankreich genäht werden), wie relevant sind das Land und seine Sprache wirklich für die Zukunft?
Ich weiß es nicht, ob jener liebe Mensch den nächsten Sommer wirklich in Frankreich verbringen wird. Zunächst ist ja dieser Sommer zu überstehen.
Superreich und bettelarm
Frankreich ist ein zerbrechendes Land. Wir sehen die Bilder vom Zerbrechen zwischen Franzosen und Einwanderern.
Die Franzosen in Frankreich werden erst verdrängt, von Paris aus, dann werden sie aussterben.
Ein je nach Perspektive dystopisches oder realistisches Szenario klingt so: Die eigentliche Trennlinie in Frankreich wird mittelfristig die zwischen superreich und bettelarm sein. Eine superreiche, französisch-globale Elite, die in bewachten Palästen wohnt. Und eine arme, bildungsferne Klasse, die nach erster Freiheit bald gezwungen wird, einfache Dienstleistungen durchzuführen.
Die Frage also, ob man sein Französisch vertiefen sollte, scheint mir tatsächlich eine größere, globale Frage zu sein: Auf welcher Seite welcher Trennlinien werde ich mich wiederfinden?
Werde ich realistischerweise mit den französischen Eliten zu tun haben oder doch eher mit der Bevölkerung? Für den ersten Fall empfiehlt sich vielleicht zuerst der Kurs »wie werde ich eingeweihter Milliardär in 30 Tagen«. Für den zweiten Fall aber nützt dir der Französischkurs eher wenig. Da braucht es eine Sprache mit mehr Gutturalen und weniger nasalen Vokalen.
Ein Fest fürs Leben
Ach ja, wir seufzen. Und mit Hemingway sagen wir: Wer das Glück hatte, als junger Mensch in Paris zu leben, dem bleibt diese Erinnerung ein Leben lang erhalten, egal, wohin er für den Rest seines Lebens geht, denn Paris ist ein Fest fürs Leben.
Vielleicht wäre es genauer zu sagen: Paris war ein Fest fürs Leben.
»We’ll always have Paris« – uns bleibt immer noch Paris, so sagt Rick im Film Casablanca, doch vergessen wir nicht, dass er von einer Erinnerung sprach.
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Der Essay Paris war ein Fest fürs Leben von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/paris-war-ein-fest-fuers-leben/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
