Es ist ein Skandal! So etwas gehört sich einfach nicht im Bundestag. Lasst mich Luft holen, meine Empörung in den Griff bekommen, und dann die Sachlage ruhig schildern.
Ach, lasst es mich wörtlich zitieren, sonst glaubt es ja doch keiner:
Pfui!
– Heidi Reichinnek (umbenannte SED), am 6.11.2025 im Bundestag; S. 4226 im Protokoll
Leider, leider häufen sich diese Skandale zuletzt.
Wenige Wochen zuvor wurde im Bundestag dies ausgesprochen:
Pfui!
– Katalin Gennburg (umbenannte SED), am 9.10.2025 im Bundestag; S. 3252 im Protokoll
Ich verstehe, liebe lesende Freunde, wenn euch an dieser Stelle die Hände zittern vor entrüsteter Wut, wenn euch der Mund ganz trocken wird vor wütender Entrüstung.
Jedoch, ich bin der Wahrheit verpflichtet. Deshalb gleich das nächste Zitat:
Pfui!
– Bettina Hagedorn (Partei, die Hitlers Ausweisung verhinderte), am 26.9.2025 im Bundestag; S. 3094 im Protokoll
Mehr Beispiele dieses Schreckens wären nicht zu ertragen. Außerdem sind drei Beispiele lustiger als zwei oder vier (»Rule of Three«)).
Tatsächlich könnte ich euch vermutlich Hunderte dieser »Skandale« vorlegen. Und dass ich das kann, zeigt offenbar die inhärente Lächerlichkeit der »Unsere Demokratie«.
Wer in den Dokumenten auf bundestag.de nach dem Stichwort »Pfui« sucht, kommt auf 1.624 Fundstellen (Stand 17.11.2025). Probiert es selbst, die URL ist: bundestag.de/services/suche?suchbegriff=Pfui
Viele Dokumente werden in zwei verschiedenen Formaten ausgespielt (PDF und XML), und doch ist davon auszugehen, dass die Zahl der Fundstellen in den Hunderten liegt.
Hunderte Male wurde im Bundestag »Pfui!« gesagt. Immer wieder von Linken, immer wieder ungetadelt.
Ich erteile Ihnen jetzt einen Ordnungsruf
Ich erwähnte hier aber bislang nur die Fundstellen Zwei bis Vier.
Die erste Fundstelle zum Wort »Pfui« ist anders. Sehr anders. Die erste Fundstelle, sprich: das am 17.11.2025 neueste Dokument, ist vom 13. November 2025 (S. 4635 im Protokoll).
Am 13. November 2025 war es ein AfD-Abgeordneter, der »Pfui!« sagte.
Die regierende Vizepräsidentin an dem Tag war Andrea Lindholz von der CSU. Und auch Frau Lindholz schritt ein:
Herr Kollege Gottschalk, ich erteile Ihnen jetzt einen Ordnungsruf für die Verwendung des Wortes „pfui“. Denn das ist unparlamentarisches Verhalten.
– Andrea Lindholz, im Bundestag am 13. November 2025 (S. 4635 im Protokoll)
Dieser »Ordnungsruf« ist nicht nur in der Sache schräg. Er ist nicht nur latent entlarvend – wurden doch Hunderte anderer »Pfui«-Rufe von den »Guten« nicht geahndet. Dieser »Ordnungsruf« ist nach meinem Geschmack auch auf bittere Weise ironisch (im angelsächsischen Sinn von »ironic«).
Es empfiehlt sich, den Kontext dieses »Pfui!« von Kay Gottschalk zu lesen, oder auch im Video zu sehen.
Das Thema dieses Tagesordnungspunktes ist die Drangsalierung von Oppositionellen und kritischen Bloggern in Deutschland, indem diesen Andersdenkenden die Konten gekündigt werden. Kay Gottschalk zieht völlig richtig die thematische Parallele etwa zur NS-Zeit, als Andersdenkende auch durch solche Schikane unterdrückt wurden.
Der zweite, gleich folgende Ordnungsruf wird dann auch dafür erteilt, dass Gottschalk »eine Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus vorgenommen« habe.
Das ist natürlich sachlich betrachtet eher Humbug. Doch es erinnert an eine häufige linke Taktik in der Unsere-Demokratie-Rhetorik.
Behörden und Funktionäre der »Unsere Demokratie« agieren selbst totalitär im Stil von NS-Zeit oder DDR. Und sie setzen unentwegt den politischen Gegner mit der NSDAP gleich. Weist man aber öffentlich darauf hin, dass tatsächlich sie, »die Guten«, es sind, deren Maßnahmen stellenweise den anti-demokratischen Maßnahmen jener Zeit ähneln, dann werfen sie vor, man habe eine »Gleichsetzung« vorgenommen. (Logik: Wer feststellt, dass Dackel vier Beine haben, und Pferde auch, der hat damit Dackel und Pferde »gleichgesetzt«.)
Die Vizepräsidentin hat, so meine ich, in der Ausübung ihres Amtes unversehens die Demokratie lächerlich gemacht. Für inzwischen verbitterte Bürger sah es aber leider nach »Unsere Demokratie« aus.
Ich habe nicht geprüft, ob es in keinem der vorherigen »Pfui«-Fälle vielleicht auch einen Ordnungsruf gab. Zumindest in den drei Fällen zuvor war es nicht der Fall. Und am selben Tag, in derselben Sitzung, ging es für meinen Geschmack noch deutlich härter zu – allerdings von »den Guten« aus.
Punkt, an dem es hier nicht mehr schön ist
Die bittere Ironie dieses kuriosen Ordnungsrufs ist ja: In einer Rede über die wenig rechtsstaatliche Behandlung der Opposition in Deutschland hat die Vizepräsidentin die Opposition offen nach spontanen und grob unfairen Regeln behandelt.
Der AfD-Abgeordnete Gottschalk entgegnet kühl: »Das nehme ich dann zur Kenntnis.«
Statt aber ihr Verhalten zu reflektieren, scheint sich die Vizepräsidentin in einen gerechten Zorn zu steigern.
»Ich finde das alles hier nicht mehr lustig!«, klagt sie zwischendurch. Im Anschluss an die wichtige Rede liefert sie, wie ein TV-Kommentator nach einem Fußballspiel, einen Kommentar ab. Darin klagt sie: »Es ist jetzt der Punkt, an dem es hier nicht mehr schön ist heute Abend.«
Damit aber liefert die CSU-Politikerin so spontan wie vermutlich unabsichtlich insgesamt eine Diagnose, was die Altparteien wirklich an der AfD stört. Die AfD zeigt ihnen auf, wie wenig demokratisch die Etablierten tatsächlich sind.
Politik ist für die Etablierten »lustig«. Da stört es doch sehr, wenn die nervige Opposition den Ernst der Lage anprangert.
Politik soll – für die Altparteien und ihre Funktionäre – »schön« sein. Zeigt aber jemand auf, wie wenig »schön« die Situation insgesamt wirklich ist, dann hagelt es bald Ordnungsrufe.
Die »Debatte« um die Kontokündigungen geht weiter. Ich schreibe »Debatte« in Anführungszeichen, denn nach der grund-demokratischen Mahnung folgen zumeist plumpe, vulgäre Beschimpfungen der Opposition. Und es folgen Unwahrheiten, unter anderem über angebliche Verbindungen zum Terrorismus (wohlgemerkt: der AfD, nicht der Grünen oder Linken).
Jemand weist darauf hin, dass die Sparkasse jedem Kunden ein Konto eröffnen muss, und von den Grünen wird dazwischengerufen: »Aber auch bei der Sparkasse nur in Euro und nicht in Rubel!« – Mit Debatte hat es alles wenig zu tun, doch Ordnungsrufe gibt es – wenig überraschend – keine.
Nein, der Zustand der Demokratie in Deutschland ist wirklich weder lustig noch schön. Aber in ihrer unfreiwilligen Ironie und Selbstentlarvung ist »Unsere Demokratie« tatsächlich bisweilen auf bittere Weise amüsant.
»Lache, wenn du dich nicht zu weinen traust«, so schrieb ich 2019. Ich würde mich ja durchaus zu weinen trauen, wenn ich dafür die Energie hätte.
Ich sage: Freunde, wenn es nicht einmal mehr zum Lachen reicht, dann rufe einfach nur laut: »Pfui!«
Was aber dann passiert, nachdem du laut »Pfui!« gerufen hast, das könnte dir tatsächlich neuen Anlass geben, mal wieder etwas zu lachen.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Einige Pfui sind gleicher von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/pfui/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
