Das Glas ist halb voll, sagt der Optimist. Das Glas ist halb leer, sagt der Pessimist. Wer hat recht? Sagen wir mal so: Es ist ein heißer Tag, du läufst ein Rennen, und du konkurrierst gegen Leute, die ein ganzes Glas tranken. Wer ist im Vorteil?

Für den Optimisten ist das Glas bekanntlich halb voll. Für den Pessimisten angeblich halb leer. (Sollten wir also von der Rohrschach-Füllhöhe sprechen? Vom Schrödingers Wasserstand?)

Die Realisten links und rechts des Midwit-Glockenscheitels wissen, dass natürlich beides der Fall ist. Es ist ja auch kein Widerspruch, wenn ein Igel oder ein Kaktus hübsch und pieksig zur gleichen Zeit sind. Der Pragmatiker schließlich prüft die Qualität des Wassers, um dann, je nach Ergebnis seiner Prüfung, das Glas auszutrinken, auszuschütten (oder günstig an einen Durstigen zu verkaufen), woraufhin sich dann alle einig sind, dass das Glas nun ganz leer ist. (Was beweist: Möglichkeit schafft Zwietracht, nur vollzogene Gier bringt jene Stabilität, welche wir als Einigkeit zu deuten bereit sind.)

Wenn kluge oder beratende Menschen uns vom Wasserglas und seinen zwei Deutungsmöglichkeiten berichten, dann wollen sie ja nicht nur erklären. Nein, das Bild vom hälftig gefüllten Glas ist Hilfsmittel einer moralischen Belehrung, einer Volkserziehung im Geist viel klügerer Zeiten.

Wir hören: »Sei der Optimist, sei nicht der Pessimist! Denn: Der Optimist ist bei identischer Sachlage glücklicher mit der Welt und seiner Rolle in ihr.«

»Es wäre doch viel besser um uns bestellt, wenn wir ein Volk von Optimisten wären«, so lautet die entsprechende These. Es ist ja auch, besonders bei sonst trüben Lichtverhältnissen, einleuchtend.

»Ein Volk ist glücklicher, wenn es optimistisch gelaunt ist, also seid Optimisten!«

Nehmen wir an, dass tatsächlich eine derart edle Motivation der Grund des staatlich empfohlenen Optimismus ist (und nicht finstre Motive) – ist es denn innerhalb der eigenen Prämissen schlüssig?

Teuflisches Detail

»Der Teufel steckt im Detail«, so sagen wir, und es bedeutet: Der Teufel ist ein Verderber, und eine kleine, unbedachte Lücke im schönsten Gedankengebäude kann (und wird also) ebendieses einstürzen lassen. Das Unbedachte im Detail kann unser Traumschloss verderben.

Das ist die erste Gefahr des Optimisten: Es ist qua Definition eine Beschränkung der eigenen Perspektive, dass potenziell ungünstige Details nicht gesehen werden. Die Idee »Nation, glücklich durch Optimismus« aber leidet an mehr als nur diesem einen teuflischen Detail!

Auf Fleisch und Brot zu zeigen

Wir sollen angeblich Optimisten sein, um glücklich zu sein. Wir sind aber einsam, nicht blöd: Wir ahnen, dass man uns auf diese Weise ruhighalten will.

Wer unglücklich ist, so lässt die Propaganda uns spüren, der soll sich dafür schämen. Selbst schuld! Schande! Hast dich wohl nicht angestrengt, optimistisch genug zu sein, und jetzt machst du uns allen die Laune kaputt!

Aber, nein: Lasst uns annehmen, die Politiker und Journalisten seien seit ihrem Tanzball auf dem Brocken alle darin einig, uns nimmermehr hinter die Harzer Fichte locken zu wollen, und sie seien ja Teil jener Kraft, die stets das Gute will und regelmäßig g’nug ’s auch schafft.

Selbst wenn sie das Glück der Menschen wollten – Glück durch Optimismus! –, so ergäben sich weitere, größere wie kleinere Probleme.

Asket (mit Magenknurren)

Zu den kleineren Problemen mit dem Glück zählt tatsächlich, dass Menschen sich uneins sind (sogar mit sich selbst), was Glück überhaupt ist!

Selbst wenn wir, und zwar mit gutem Recht, auf diese oder jene Situation zeigen (spielende Kinder und so weiter) und sagen: »Das ist Glück!«, haben wir dennoch nur Beispiele relevanter Situationen aufgezeigt, nicht das Glück erklärt.

Es ist wie auf Schnitzel und Brot zu zeigen, und dann zu sagen: »Das ist Sattsein!«

So etwas mag poetisch sein, aber nicht im sachlichen, humorlosen Sinne richtig. (Im Poetischen aber ist alles und sein Gegenteil richtig; ein Asket wird mit Magenknurren auf einen leeren Tisch zeigen und behaupten, das sei Sattsein. Und irgendwer wird dazu bedächtig nicken und dem Hungernden heimlich ein gekochtes Ei zustecken.)

Gleich zwei

Nehmen wir aber an, des Arguments halber, wir könnten definieren, was Glück ist, selbst dann wäre es denkmöglich, dass unterschiedliche Menschen sich in unterschiedlichen äußeren wie inneren Konstellationen als glücklich beschreiben. (Ich vermute, dass sie irren. Einer kann ja behaupten, Schnaps sei gesund für ihn. Er kann das wirklich glauben, doch wahr wird diese Annahme dadurch nicht, wie fest sein Glaube an das Schwankende auch sein mag.)

Nehmen wir für den Augenblick weiter an (und aus selbsttherapeutischen Gründen gern auch darüber hinaus), es sei möglich, das Glück definitorisch zu erfassen.

Sogar wenn jeder Mensch wirklich eine eigene Art des Glücklichseins hätte, und doch im Prinzip vom selben Glück redete, wodurch dann eine Moral des »meisten Glücks der meisten Leute« greifbar würde: Selbst und gerade dann enthielte die Idee vom Volk der Optimisten als Volk der Glücklichen gleich zwei Denkfehler, einer tödlicher als der andere.

Um die Wette

Das Glas als halb voll zu sehen bedeutet schlicht, das Fehlen der fehlenden Hälfte zu ignorieren.

Stell dir aber vor, es ist ein heißer, sonniger Tag und du willst ein Wettrennen laufen. Du hast schon vor dem Rennen großen Durst und willst deinen Durst stillen, doch dein Glas ist exakt zur Hälfte gefüllt.

»Es ist halb voll!«, so spricht du dir Optimismus zu.

Die eiskalte Realität dieses sonnenheißen Tages ist jedoch: Deine Konkurrenz hatte ein ganz volles Glas zu trinken. Du wirst durstig ins Rennen gehen, wie viel Optimismus du dir auch in die Seelenvenen spritzt.

Und doch nicht das Ärgste

Merkel erhob »Wir schaffen das« zur politischen Leitlinie, zum Staatsoptimismus. Das bedeutet: Die Kanzlerin forderte dazu auf, alle Gefahren unkontrollierter Masseneinwanderung zu ignorieren, also »optimistisch« zu sein. Damit beschädigte sie Deutschland auf Jahrzehnte und Generationen hinaus, und zwar im gesellschaftlichen Wettbewerb mit Nationen, die das Ignorieren dieser Gefahren (sprich: den realitätsverweigernden Einwanderungsoptimismus) eben nicht zur moralischen Pflicht erhoben hatten. (Ähnlich mit der Energie- und Industriepolitik.)

Ja, es ist verheerend. Doch auch Realitätsblindheit ist nicht das ärgste der Probleme einer auf kollektive gute Laune gestützten Gesellschaftspolitik, so viel Leid solcher Zwangsoptimismus und solche Hurra-wir-schaffen-das-Politik auch herbeiführen können (und also werden).

Das ärgste Problem optimistischer und zuerst am Glück orientierter Politik ist, dass der Mensch schlicht nicht auf Glück hin konstruiert ist.

Dass du ängstlich bist

Die Evolution als Mittel der Schöpfung »will«, dass wir fruchtbar sind – nicht glücklich, zufrieden, genügsam.

Die Evolution »will«, dass du nach Glück suchst – nicht, dass du es auch findest.

Die Evolution will, dass du unzufrieden bist, dass du ängstlich bist, dass du dich fortpflanzt, dass du dich absicherst gegen Gefahr. (Und ein ordentlicher Teil der Gefahr, gegen die dich abzusichern dir angeboren ist, rührt ironischerweise von anderen Organismen her, die von denselben evolutionären Prinzipien getrieben sind wie du.)

Das schließlich, liebe lesende Freunde, ist die Stelle, an der es politisch wird, an der es endlich gegen die Feinde des Guten geht!

Ihr wisst: Seit ich schreibe, versuche ich den Graben zu vermessen, der die Menschen teilt. »Eine Brücke über den großen Graben« wollte ich einst bauen, doch bald lag vor mir: »Der neue Graben«.

Heute also hiermit ein neuer Versuch der Vermessung!

… dann das Glück

Die einen leiten ihre Werte und politischen Ideen aus ihren wackeligen, unmöglichen evolutionären Vorstellungen von Glück ab. Die anderen bauen ihr Glück und ihre politischen Konzepte auf ihren Werten auf. Erst die Werte, dann das Glück – und das hat erst mal nichts mit deiner Deutung des Wasserstand zu tun.

Wohl dem, der Werte hat, die größer als seine Launen und privaten Erkenntnisse sind, wie auch immer er die Füllhöhe im Glas deutet. Wer sein Glück auf Werte baut und nicht andersherum, der und nur der hat eine Chance auf Glück jenseits von Evolution und linken Spinnereien.

Die einen glauben, sie wüssten, was Glück ist, und meinen damit psychologische und andere Befriedigung. Die anderen beginnen mit Werten und bauen darauf ein Glück, das Launen, Neurosen und die Wankelmütigkeit der Menschen übersteht.

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Der Essay Schrödingers Wasserglas von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/schroedingers-wasserglas/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!