Traditionen sind die Experimente, die funktionierten. Sozialisten (ob »Öko-« oder sonstwas) aber wollen sie schleifen – und das einzige Experiment wiederholen, das ständig scheitert.

Mögest du in interessanten Zeiten leben, so lautet ein verklausulierter Fluch. (Er wird den alten Chinesen zugeschrieben. Vermutlich ist er so chinesisch wie Chop Suey. Also nach allgemeiner Meinung tatsächlich amerikanisch, aber tatsächlich tatsächlich eben doch von chinesischem Geist.)

Ich schrieb 2021 über jenen Fluch. Der Essay hieß »Mögest du (nicht) in Sprichwörtern leben«.

Auch diese Wahrheit ist immer noch aktuell. Präziser: Ich meine, diese Wahrheit ist heute maximal aktuell, denn heute leben wir in dieser Zeit der Sprichwörter. Und wir betreten aktuell die nächste, weit brisantere Zeit – lasst mich erklären!

Es gibt einen Grund, warum Sprichwörter zu solchen wurden. Zum Beispiel: »Besser spät als nie« hat sich als Sprichwort etabliert, obwohl gewiss Fälle denkbar sind, in denen ein zu spät eingetretener Gewinn durch die Verspätung wertlos wird. Das eine ist die Regel, von welcher auszugehen sich bewährt hat; das andere ist die Ausnahme.

Bald nur noch wenig

Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: Traditionen sind die Experimente, die funktionierten. Nebenbei: Sozialisten wollen stets zuerst Traditionen auslöschen, und dafür reinstallieren sie dann das eine Experiment, das wieder und wieder in Leid und Elend mündet. Nebenbei zum Nebenbei: Es ist kein Zufall, dass »echte« (also: rituelle und organisierte) Satanisten sich zu westlichen Sozialisten hingezogen fühlen – und umgekehrt. (Aber nur zu westlichen Sozialisten. Das Böse kann nur verdrehen und zerstören – ist Sozialismus aber einmal umgesetzt, ist bald nur noch wenig zum Zerstören da.)

Ja, Traditionen sind die Experimente, die funktioniert haben. Und in ähnlichem Geist gilt: Sprichwörter sind Ratschläge für ein erfolgreiches Leben, gewonnen aus schmerzhaften Lektionen vorangegangener Generationen.

»Aus den Augen, aus dem Sinn«, »Viele Köche verderben den Brei«, »Ein Unglück kommt selten allein« oder »Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen«. Zu jedem dieser Sprichwörter sind leicht entsprechende Lebenslagen vorstellbar, in denen die Menschen die entsprechende Lektion lernten.

Weil die Lehren vergessen wurden

»In Sprichwörtern zu leben«, kann auch bedeuten, die schmerzhaften Erfahrungen der Vergangenheit zu wiederholen, weil die gezogenen Lehren vergessen wurden.

Heute, im frühen Jahr 2026, leben wir in Zeiten, in denen wichtige (teils: überlebenswichtige) Lehren der Vergangenheit vergessen wurden – und die Sprichwörter »aufs Neue gelebt« werden müssen. (Manche Verschwörungstheoretiker, vielleicht auch ich, vermuten: Wir leben in Zeiten, in denen gelehrte Lehren, wie die Vorsicht gegenüber Fremden, propagandistisch und mit geradezu gewaltsamer Gehirnwäsche abtrainiert werden.)

Doch wir leben am Anbruch eines weiteren Zeitalters. Und es hat mit Wahrscheinlich zu tun – und mit Unwahrscheinlichkeit.

Wir kennen ja alle das Prinzip der Wahrscheinlichkeit. (Versucht mal, Wahrscheinlichkeit zu definieren, aus dem Kopf – ohne das Internet oder eine KI zu fragen!)

Mit der jeweils größten Wahrscheinlichkeit

Eigentlich existiert Wahrscheinlichkeit ja gar nicht. Der Duden definiert sie als den »Grad der Möglichkeit des Eintretens bzw. der Voraussagbarkeit eines Ereignisses«.

Eine Wahrscheinlichkeit von 0,3 bedeutet, dass bei 10 Durchläufen des Kontextes das betreffende Ereignis drei Mal eintreten sollte – wenn alles »ideal« verläuft. »Idealerweise« ist die Wahrscheinlichkeit für jedes Ergebnis beim Wurf eines Würfels ein Sechstel.

Hier aber stehen wir an einem Punkt, an dem wir heute in einem Zustand kalkulierter Irrationalität fortfahren sollten.

Es hat sich für »vernünftige Menschen« bewährt, grundsätzlich von den Ereignissen mit der jeweils größten Eintrittswahrscheinlichkeit auszugehen.

Ein Unternehmer wird die Investition tätigen, die ihm mit der höchsten Wahrscheinlichkeit einen sicheren, zufriedenstellenden Gewinn einbringt. Ärzte sagen: »Think horse, not zebra.« Und so weiter.

Und auch sonst verloren

Philosophen beschreiben Wahrscheinlichkeiten schon mal mit »möglichen Welten«. Es war bislang für das Individuum vernünftig, davon auszugehen, dass man sich aktuell von allen möglichen Welten in der mit der höchsten Wahrscheinlichkeit befindet – und seine Handlungen derart auszurichten.

Spätestens heute, Anfang 2026, ist diese alte Vernunftregel aufgehoben.

Ich werde an dieser Stelle nicht all die Entwicklungen aufzählen, die darauf hinweisen, dass Deutschland und damit die EU auf den sozialen und ökonomischen Kollaps zusteuern. Ich werde zumindest heute nicht listen, wie außerdemokratische Kräfte in einigen europäischen Hauptstädten offen diktatorische Maßnahmen installieren. Das wurde (und wird noch) ausführlich dokumentiert. Wer weiß, der weiß. (Und wer nicht weiß, der ist vermutlich Tagesschau-Konsument und auch sonst verloren.)

Es scheint an diesem Punkt wahrscheinlicher, dass das System um uns her kollabiert (und dies zuerst vorübergehend hinter potemkinschen Dörfern aus Zensur und Propaganda verstecken will), als dass es das nicht tut.

Hochziehen – ohne Chance?

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich für Europa, zum Beispiel via USA, eine Rettung findet, fühlt sich geringer an, als die Wahrscheinlichkeit, dass sich keine Rettung findet. Berlin und Brüssel bilden ein verflochtenes Netz gegenseitiger Abhängigkeiten, und die wahren Strippenzieher haben den Kollaps vermutlich bereits in ihre persönliche Mathematik eingerechnet – wenn sie ihn nicht sogar aktiv etwa via De-Industrialisierung und Massenmigration forcieren.

Und doch bleibt dem Normalsterblichen auf diesen unteren Fluren der Titanic nur jenes Denken, das man »pragmatische Rechtfertigung der Wahrheit« nennt. (Zu dieser siehe den Essay »Auf dass sie sich aufreiben«.)

Wir müssen davon ausgehen, dass ein Ausweg existiert. Ja, es ist wahrscheinlicher, dass kein Ausweg existiert. Doch solange deine Finger an der Klippe klammern, ist es pragmatisch gerechtfertigt, davon auszugehen, dass du dich auch wieder hochziehen kannst.

Das Wunder, das noch kommen wird

Ich schrieb vor Jahren den Roman Warteraum 254. Ich zitierte dessen Epigramm zum Beispiel hier und hier.

Es lautet:

Wenn sie Informationen von dir fordern, genau dann stell dich dumm! Sag ihnen, dass du auf das Wunder wartest – das Wunder, das noch kommen wird.

– Leonard Cohen, Waiting For The Miracle

Die wahren Ursprünge des »chinesischen« Gerichts Chop Suey sind übrigens unklar. Eine der Legenden besagt, dass ein chinesischer Koch in San Francisco für eine Gruppe betrunkener Goldsucher irgendwas kochen musste. Um nicht verprügelt zu werden, warf er in den Wok zusammen, was er noch da hatte. Zásuì (杂碎) bedeutet übrigens »gemischte Übrigbleibsel«. Aus den Übrigbleibseln dessen, was einst gut war, neue Klassiker erschaffen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch das lehrt uns ein Sprichwort. Noch leben wir, also darf in und durch uns die Hoffnung leben. Die Hoffnung auf das Wunder, das kommen muss.

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Der Essay Solange deine Finger an der Klippe klammern von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/solange-deine-finger-an-der-klippe-klammern/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!