Habt ihr schon mal als einziger richtig gelegen, hattet aber nichts davon? Es ist frustrierend – doch eine gute Übung. Die innere Kraft, dem Verstand zu folgen, während die anderen mit der Masse mitlaufen, wird dir irgendwann das Leben retten.

Ich habe nicht darauf gewettet, ich erhalte keinen Preis dafür, und bald bin ich des Rechthabens müde. Nein, lasst mich präzisieren: Ich bin des folgenlosen Rechthabens müde.

Lasst mich ein Beispiel vorlegen. Vielleicht lernen wir ja dazu, wenn wir es erst auf- und dann herunterbrechen.

Vergangenen Oktober schrieb ich einen Essay, der hieß: »Ihr sucht (fast) alle am falschen Ort!«

Bei YouTube gab ich dem (etwas hektischen Video) den Titel: »Warum wird in der Ukraine WIRKLICH Krieg geführt?«

Ich berichtete von einer Rede des Herrn Selenskyj: »Er sprach von Bodenschätzen. Und von westlichen Investitionen zum Heben dieser. Namentlich von Uran, Titan, Lithium und Graphit.«

Ich erklärte: »Lithium-Ionen-Batterien sind die Hauptenergiequelle für viele tragbare Geräte, Elektrofahrzeuge und Speicher für ›erneuerbare‹ Energie. Mit dem zunehmenden Einsatz KI-gesteuerter mobiler Systeme wird auch der Bedarf an Lithium steigen.«

Meine These jenes Artikels war, dass wer meint, es ginge beim Ukraine-Krieg zuerst und nur um irgendwelche Nicht-Nato-Versprechen, zu sehr in komfortablen, alten Denkmustern festhängt. (Ich erzählte auch jenes bekannte Gleichnis von dem Betrunkenen, der seinen Hausschlüssel sucht. Er sucht aber unter der Straßenlaterne, weil es dort so schön hell ist – und nicht im dunklen Gebüsch, wo er den Schlüssel tatsächlich verloren hatte.)

Zum Beispiel Lithium

Überhaupt scheint gerade Lithium extra begehrt zu sein. Im Video vom 19. Juni 2025 notierte ich die Koinzidenz von Israels Angriff auf den Iran und den dortigen Lithiumvorkommen.

Meine These ist, dass die Jagd nach der ersten Künstlichen Super-Intelligenz heute die Kriege und sonstigen Eroberungen antreibt. Eine universelle KI, die auch nur 1 Prozent klüger als ein Mensch ist und weitere KIs entwickeln kann, wird bald zu 100-mal klügeren KIs führen. Eine solche KI als Waffe entspräche einer Atombombe gegen eine Wasserpistole. Und für die Maschinen, auf denen die neuen KIs trainiert werden, braucht es Mineralien, die seltener verteilt sind als Energie. Zum Beispiel Lithium.

(Lithium wird vor allem für die Herstellung von Batterien verwendet. Nicht nur mobile Geräte brauchen Lithiumbatterien! Auch Rechenzentren, insbesondere solche für das Training großer KI-Modelle, wie sie von Google, OpenAI, Facebook, xAI und so weiter betrieben werden, benötigen eine unterbrechungsfreie Stromversorgung, da selbst kurze Stromausfälle teure und zeitraubende Rückschläge verursachen können. Also werden die Systeme mit leistungsfähigen Batteriespeichern abgesichert – oft auf Lithiumbasis –, um Stromausfälle zu überbrücken.)

Noch einige Jahre ins Land

Ganz aktuell aber stieß ich auf zwei spannende Meldungen zum Lithium. Die eine las ich bei den Freien Denkern, und sie überraschte mich etwas.

»Russland und kein Lithium?« wird bei Peds Ansichten gefragt.

Der Text erklärt im Detail, warum das eigentlich sehr rohstoffreiche Russland auf Lithium von außerhalb angewiesen ist.

Zwar existiert durchaus auch Lithium in Russlands Erde, und zwar in Form vieler Millionen Tonnen Lithiumerz. Doch die Förderung ist nicht einfach. Ped schreibt: »In Murmansk wird derzeit die riesige Kolmozerskoje-Mine erschlossen und soll bereits 2026 in Betrieb gehen.« »Bis aber der russische Bedarf an Lithium gedeckt werden kann, werden noch einige Jahre ins Land gehen.«

Und Ped schreibt im Fazit: »Russland hat erkannt, dass es in ein Problem beim derzeit strategischen Rohstoff Lithium hineinzulaufen droht — und es hat reagiert.«

Was Reaktion ist

Wenn Ped schreibt, dass Russland »reagiert« hat, meint er die Förderung des Lithium.

Ich wage die These, dass Russland noch auf eine weniger friedliche Weise auf den bedrohlichen Mangel »reagiert« hat.

Ebenfalls ganz aktuell stieß ich auf eine Meldung von vor drei Wochen. reuters.com, 26.6.2025 titelt: »Russland erobert ostukrainisches Dorf in der Nähe eines Lithiumvorkommens, so ein russischer Sprecher«.

defence-blog.com, 27.6.2025 berichtet: »Laut einem Bericht der Zeitung Le Figaro haben russische Streitkräfte ein lithiumreiches Gebiet nahe dem Dorf Schewtschenko in der ukrainischen Region Donezk, nur drei Kilometer von der Grenze zur Region Dnipropetrowsk entfernt, eingenommen. Das eroberte Gebiet erstreckt sich über rund 40 Hektar und beherbergt eines der vielversprechendsten Lithiumvorkommen Europas – eine Ressource, die aufgrund ihrer wachsenden Bedeutung im Energie- und Verteidigungssektor oft als ›weißes Gold‹ bezeichnet wird.«

Ja, es ist etwas ermüdend, richtigzuliegen und doch nichts damit geändert zu haben. Ist die Befreiung von Illusionen denn ein Wert an sich?

Und dann doch anders

Zum »Glück« weist die Entwicklung mit konkret diesem Lithiumvorkommen noch ein interessantes Detail auf – sonst wäre das Rechthaben geradezu langweilig.

nytimes.com, 27.6.2025 titelt: »Russland beschlagnahmt wichtiges Lithiumfeld im Kampf um den Mineralien-Deal zwischen den USA und der Ukraine«.

Moment mal! Über diesen Deal habe ich im Februar geschrieben und das auch als Video aufgenommen. »USA machen Deals, aber wir derweil …«, so lautete der Titel. Und in der Einleitung stellte ich fest: »Die USA dealen weiter schlau mit der Ukraine, sichern sich wichtige Rohstoffe – Deutschland findet das ›egoistisch‹«.

Es läuft gerade ohnehin nicht wirklich rund im politischen Hause Trump. Und zumindest betreffs dieses Lithiumvorkommens steht Russland gerade besser da.

Jenen geistigen Muskel

Was aber haben wir aus all dem gelernt? Was haben wir gewonnen?

Nein, wir haben nichts »gewonnen«, schon weil weder du noch ich in die Lithiumförderung investiert haben. Und es ist auch weiterhin nicht einfach, sich auf die Zeit danach vorzubereiten, denn schon heute sind es nicht mehr nur Menschen, welche die langen Linien in den Sand der Geschichte zeichnen.

Ich versuche mich davon zu überzeugen, dass Wissen ein Wert an sich ist. Vor allem aber haben wir jenen geistigen Muskel trainiert, der dem Menschen die Kraft gibt, als einziger eine Meinung vertreten zu haben.

In dieser Angelegenheit ist es für dich und mich folgenlos, ob wir zu den wahren Motivationen des Ukrainekrieges diese oder jene Deutung anwenden. Und doch ist es eine gute Übung, als einziger eine Meinung zu vertreten. In anderen Angelegenheiten kann und wird genau dieser Mut lebensrettend sein.

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Der Essay Eine Übung im Rechthaben (bitte nachmachen!) von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/uebung-im-rechthaben/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!