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Wie oft kann die Hoffnung wiedergeboren werden? Wie häufig kann ein Mensch sich neu erfinden? Ach, es wäre ein Anfang, wenn der Mensch sich nur ein einziges Mal auch wirklich fände. (Das Gefundene könnte ihn – und sein Umfeld – heftig verunsichern.)

Manch einer stirbt mit 20 oder 30, wird aber erst mit 70 oder 80 begraben – so habe ich gehört.

Nein, wir behandeln hier nicht verrottende Körper. Im Gegenteil: Mancher, der ein Leben lang innerlich tot ist, kann durchaus gut duften. Er oder sie kann sogar nett anzuschauen sein. Er kann – und wird wahrscheinlich – eine super Karriere machen. Er kann zu Ansehen gelangen (vor allem bei anderen Frühtoten). Und wenn er dann später tatsächlich begraben wird, wird man für ihn einen Grabstein mit seinen äußeren Lebensdaten aufstellen. (Wobei, in der heutigen Zeit, in der nichts mehr etwas bedeutet, verbrennen wir einander lieber. Wenn die Toten wirklich tot sind, wofür braucht es Grabsteine?)

Jung zu sterben und alt begraben zu werden, das bedeutet: Mancher gibt viel zu früh auf, was Seele und Leben und Menschsein ausmacht. Er funktioniert. Zombie mit Steuernummer. (Oder wie Kraftwerk einst sangen – siehe YouTube: »Wir sind die Roboter.« – Der Begriff Robot als arbeitende Menschmaschine stammt bekanntlich vom tschechisch-slawischen Wort robot, also Arbeit. Erfunden hat’s Josef Čapek, also ein Tscheche, doch systematisiert haben es Deutsche und später Amerikaner. Ähnlich wie Protestantismus. Beides gelangt in diesen Jahrzehnten an sein Limit. Beides wird auf sein Original zurückgeführt. Beim dem einen liegt das Original in der ins Heute greifenden Vergangenheit. Renaissance der Wiedergeburt. Panem nostrum, bestenfalls quotidianum. Alte Form statt Wiederform. Und bei dem anderen beginnt heute die Zukunft. Die Zukunft, die so lange beschworen wurde, dass die Beschwörung den Retro-Futurismus gebar. Der Menschroboter, immer nur ein Interimsroboter gewesen, endlich vom Roboterroboter ersetzt. Denn, wie Josefs Bruder schrieb: »Práce se nesmí zastavit« – die Arbeit darf nicht stillstehen.)

Ist’s aber möglich, dem frühen Tod von der Schippe zu springen?

Ja, ’s ist möglich. Und es wurde erfolgreich getan von mehr als einem Sterblichen. Und ’s ist auch nicht zu kompliziert. Die Schwierigkeit liegt in der Ablenkung, der Verführung, den Lügen.

Nicht das Versprechen der Erkenntnis von Gut und Böse war zwingend die Lüge der Schlange, sondern: »Ihr werdet keinesfalls des Todes sterben«; siehe 1. Mose 3:4.

Frage einen Menschen: Was würdest du sagen, wenn du ein weiser Mann wärst, ein Philosoph, ein Selbstloser? Frage dich selbst und überrasche dich mit deiner Antwort. Der Mensch weiß, was das Richtige ist (was »zu tun ist«), solange ein Funken Leben in ihm ist.

Auch das lässt uns mit 20 oder 30 Jahren sterben: dass wir das Richtige wissen, doch ebendieses Wissen in uns abtöten.

Die andere Ursache jenes Frühtodes aber klingt zunächst paradox: Wir sterben früh, weil wir am Leben festhalten wollten.

»Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren«, so heißt es in Lukas 9:24.

Schaut euch um, schaut euch die Frühtoten an: Allesamt halten sie »am Leben fest«. Die einen essen gesünder als gesund. Die anderen treiben dreimal pro Woche Sport. Die einen saufen und nennen es Frohsinn. Die anderen pflegen die Art von »Freundschaften«, in denen einer dem anderen sagt, was er hören will. Und so weiter.

All diesen ist gemeinsam, dass sie ihr »Leben« ohne etwas Größeres »leben« wollen.

Ja, der Vers Lukas 9:24 geht weiter. Jesus sagt: »Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.«

Diese Art der »Rettung« ist historisch durchaus bewährt, seit knapp 2000 Jahren. Es ist auch die hier empfohlene Art der Vermeidung des erwähnten Frühtodes. Und doch ist es die Hingabe und Selbstaufgabe zugunsten eines Größeren, die dem Leben das Leben gibt.

Der Künstler, der sein Leben der Kunst hingibt, klar. Der Arzt, der sein Leben für die Heilung von Kranken hingibt. Die Mutter, die ihr Leben dem Muttersein hingibt. Vielleicht auch der Nachbar, der nicht für sich lebt, sondern zum Wohl der Nachbarschaft.

Wie also verhindern wir, im Alter von 20 oder 30 Jahren zu sterben und bis zum körperlichen Tod als steuerzahlender, spaßsuchender Zombie zu verbringen? Ich sage: Verhindere deinen frühen Tod, indem du dein Ego früh sterben lässt.

Dies ist mein erster Essay im Jahr 2026. Ich lade euch ein, mit mir als Leitspruch für das neue Jahr zu probieren: Töte dein Ego, um zu leben!

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Der Essay Und’s ist auch nicht zu kompliziert von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/um-zu-leben/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!