Verbrechen sind verboten – das war schon immer so. Wofür also Waffenverbotszonen? Und warum werden in England sogar »runde Küchenmesser« gefordert? Weil es leichter ist, Objekte zu verbieten, als jenes Denken zu ändern, das Menschen zum Zustechen bewegt.

Die Idee ist nicht neu, doch sie drängt sich dieser Tage aufs Neue auf: Lasst uns endlich alle Verbrechen verbieten!

Ja, sicher, eine solche Idee wäre absurd. Verbrechen sind Verbrechen, weil sie eben bereits verboten sind.

Verbrechensverbote müssen durchgesetzt werden. Wie sie aber durchgesetzt werden, das hängt ganz wesentlich von den potenziellen Verbrechern ab.

Bei manchen Menschen ist Gewissen alles, was es braucht, um gesetzestreues Verhalten zu motivieren. Wir sprachen letztens (im Essay »Typisch menschlich, das Gute ebenso«) von »VertrauensGesellschaften«, wo etwa Bauern ihre Güter unbewacht am Straßenrand anbieten können, Bezahlung Ehrensache.

Auf dem anderen Ende der Skala existieren aber wohl auch Charaktere, die würden nicht einmal durch die angedrohte Todesstrafe von ihrer Tat abgehalten.

Das sind die Gedanken, die sich in meinem Kopf in Position bringen, wenn ich vom typisch deutschen Versuch höre, Waffenverbotszonen einzurichten.

Junge Männer betätigten sich in ihrer Freizeit als Hobbychirurgen und führen gratis Bauchöffnungen durch. Die Regierung und ihre Behörden finden das doof, denn manche Spontan-Patienten und deren Familien wählen anschließend die Opposition (welche dadurch »rechtsextrem« ist, dass sie unlizensierte Hobbychirurgen außer Landes bringen will).

Um solche ungenehmigten Bürgerbehandlungen zu unterbinden, haben die deutschen Behörden die spektakuläre Idee entwickelt, das Mitführen der chirurgischen Werkzeuge zu verbieten.

Man richtete Waffenverbotszonen ein, in denen das Mitführen zum Beispiel von Messern verboten ist.

Damit sollte das Problem gelöst sein, oder?

Nun, im Essay »Haben Sie von Stuttgart gehört?« stellte ich bereits im Jahr 2022 fest: »In Stuttgart haben sie eine Waffenverbotszone, und ja, die Zahl der Messerdelikte steigt dort.«

Manchmal fasst man sich als Bürger an den Kopf, auch um diesen davon abzuhalten, vor lauter Geschütteltwerden abzufallen. Jene Meldung war ja nicht der einzige solche Fall.

Erst im Februar dieses Jahres lasen wir diese bemerkenswerte Schlagzeile: »Zahlreiche Messer-Attacken in Berlins Waffenverbotszonen!« (bz-berlin.de, 14.2.2026)

Im Artikel selbst dann:

In Berlins Waffen- und Messerverbotszonen kam es zu 76 Messer-Attacken – und sogar zu mehreren Fällen von Schusswaffen-Einsatz.

bz-berlin.de, 14.2.2026

Zur vollen Transparenz gehört natürlich auch, dass diese Waffenverbotszonen einen praktischen beabsichtigten Nebeneffekt für die Arbeit der Polizei haben: In diesen Zonen darf die Polizei das Gepäck der Passanten nach Waffen durchsuchen.

Am häufigsten überprüften Beamte das Verbot am Weddinger Leopoldplatz – insgesamt 3.366 Mal. Dort wurden bis zum 2. Februar 110 Messer beschlagnahmt.

bz-berlin.de, 14.2.2026

Und ja, die Polizei hat auch tatsächlich viele Messer aus Jackentaschen und Rucksäcken heraus beschlagnahmt.

Funktioniert die Waffenverbotszone also wie gedacht, trotz gelegentlicher Messerverbrechen?

Jein. (Oder wie mein Sohn Leo neuerdings sagt, auf Englisch: »Yesn’t.«)

Rambo-Messer und Gewissen

Als Kinder und Jugendliche hatten wir Taschenmesser und als es in Mode war, trugen wir die heute verbotenen »Rambo-Messer«. Wir schnitten damit Stöcke und überlebten. Manchmal war am Messer ein Kompass angebracht und an der Lederscheide eine Extratasche mit Angelschnur und Angelhaken. Wir waren uns sicher, dass wir derart ausgestattet bestimmt auch in der Wildnis überleben würden.

Doch trotz aller martialischen Ausstattung war die größte Angst unserer Eltern, dass wir uns selbst in die Finger schneiden könnten. Niemand befürchtete ernsthaft, dass wir einander abstechen würden. Und wirklich niemand käme auf die Idee, dass wir losziehen würden, um nachts vorm Bahnhof auf Fremde einzustechen.

Für uns brauchte es keine Waffenverbotszonen.

Warum?

Nun, was für Schusswaffen gesagt wird, gilt ähnlich wohl auch für Messer: Nicht Messer erstechen Menschen, sondern Menschen erstechen Menschen – mit Messern.

Abgerundete Kinderscheren

Im »toleranten« Großbritannien werden immer so laute wie ernsthaft gemeinte Kampagnen für abgerundete Küchenmesser gefahren. In allen britischen Küchen soll das Messer-Äquivalent zu Kinderscheren eingeführt werden – um tödliche Messerstechereien zu verhindern. Als ein Beispiel von vielen: Eine Professorin an der De Montfort University in Leicester setzte durch, dass auf dem gesamten Uni-Gelände nur noch Messer ohne scharfe Spitze verwendet werden (dmu.ac.uk, 19.1.2026). Es wird bestimmt dagegen helfen, dass Gender-Studenten einander abstechen, wenn sie gerade streiten, wie viele Pronomen auf einer abgerundeten Messerspitze Platz haben – so könnte man halb-sarkastisch denken, und man läge halb falsch.

Ja, bisweilen will ich mir wirklich an den Kopf fassen, damit dieser vor lauter Kopfschütteln nicht abfällt. Oder ich will mir den Kopf zusammenhalten, damit er bei all der Absurdität nicht explodiert.

Menschen mit der Neigung, ihre Mitmenschen abzustechen, werden dies tun, ob Küchenmesser nun eine Spitze haben oder nicht. Wenn du ihnen das Messer nimmst, werden sie eben mit Stöcken zustechen. Sollen wir alle Gabeln verbieten? Stricknadeln und Schraubenzieher, wenn diese »spitz« sind?

Das Problem liegt woanders

Ich weiß, Messer zu verbieten ist einfach. Zumindest intellektuell einfach.

Doch man will nur deshalb spitze Messer abschaffen, weil man ratlos vor der Aufgabe steht, das »abzuschaffen«, was Menschen einander abstechen lässt.

Obwohl man einräumt, dass sich Aggressionskontrolle nicht anordnen lässt, und dass immer wieder Stechende auch Zugereiste sind, will man dennoch nicht effektiv verhindern, dass Zugereiste mit mangelhafter Aggressionskontrolle gar nicht erst »zureisen«.

Nein, wir können Verbrechen nicht verbieten, denn sie sind schon verboten – das Problem liegt woanders.

Das Problem liegt in uns. Oder genauer: Das praktische Problem liegt in den Köpfen der Leute, die nicht wahrhaben wollen, was in den Köpfen gewisser Leute vorgeht.

Wir können nicht Verbrechen verbieten. Aber uns selbst sollten wir die Blindheit verbieten, denn am Ende gewinnt immer die Realität.

Wirklich immer.

’s ist kompliziert

Nur wenige Wochen nach dem Beginn der Rundmesser-Kampagne in Leicester wurde an genau dieser Universität ein Student erstochen. Der mutmaßliche Täter ist inzwischen verhaftet, sein Opfer ist tot.

Eine der an diesem Fall beteiligten Personen heißt Khaleed Oladipo. Die andere heißt Harper Dennis.

Anhand der Namen: Wer ist der mutmaßliche Täter? Wer das tote Opfer?

Falsch.

Andersrum.

(leicester.news, 13.2.2026)

Das Leben ist kompliziert.

Nein, wir wissen nicht, was in den Köpfen von Menschen wirklich vorgeht.

E-Mail-Abo

Einmal die Woche (immer Sonntag früh) bekommen Sie eine automatische Zusammenfassung aller Postings der letzten Woche. (Gratis, jederzeit abbestellbar.)

Der Essay Lasst uns endlich alle Verbrechen verbieten! von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/verbrechen-sind-verbrechen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!