Der Process von Franz Kafka beginnt bekanntlich so: »Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.«
Ich habe jene Kafka-Geschichte schon 2019 zitiert, im Essay »Welche Regeln gelten denn – und für wen?«. Und wer den Process je las, der fragt sich natürlich bis zum Schluss: Wer war es, der diesen Josef K. verleumdet hat?! Wer hat ihn angezeigt, zur Vernichtung freigegeben?
Nun, im Jahre 2026 ist die Frage dank des Verfassungsschutzes wohl beantwortet, einer Behörde des Innenministeriums. Und die Antwort lautet wohl: Niemand.
Niemand hat diesen Josef K. verleumdet – mit Betonung auf »diesen«.
Lasst mich erklären!
Sogar im Ausland
Es gibt Wahrheiten, die auszusprechen dir in Deutschland üble Strafen einbringt.
Zur aktiven Medienkompetenz in »Unserer Demokratie« gehört, durch die verminte Landschaft erlaubter und verbotener Wahrheit navigieren zu können. Zu wissen, welche Wahrheit dir morgendliche Polizeibesuche einbringt, und welche eindeutige Lüge als Gesslerhut gefahrlos verweigert werden kann.
Viele Deutsche sind von Propaganda und als »Aufklärung« verkleidetem Narzissmus derart verbogen, dass sie tatsächlich glauben (oder glauben wollen), was die Propaganda ihnen zu glauben vorgibt. Doch nicht alle!
Einer der häufigsten Sätze, den der denkende Deutsche hört (bevor er dann doch ganz ausgestoßen wird), lautet: »Du hast ja recht, aber das kann man so nicht sagen!«
Ein Teil der Deutschen weiß, dass es Lügen sind. Ein Teil der Deutschen verfügt eigentlich über genügend geistige Werkzeuge, um zu erkennen, dass das alles nicht gut enden kann. Doch diese Leute »halten den Kopf unten«.
»Als sie den AfD-Leuten das Haus durchsuchten, habe ich geschwiegen«, sagen sich die Kopf-unten-Halter, »denn ich war kein AfD-Leut. Als sie dem rechten Shitposter das Konto sperrten …« und so weiter.
Das Problemchen am Kopf-unten-Halten in Deutschland ist, dass wenn der Staat es sich zur Gewohnheit macht, Andersdenkende ohne Anklage und Verfahren zu vernichten, es zu »Fehlern« kommen kann.
Auch eines realen Menschen
Eine aktuelle Meldung erklärt die uralte Kafka-Frage, wer es war, der Josef K. verleumdet hatte.
Wir lesen bei apollo-news.net, 05.03.2026: »Das Bundesamt für Verfassungsschutz ließ zwei Jahre lang die falsche Frau beobachten – man verwechselte sie wegen ihres Namens. Die zu Unrecht beobachtete Frau verlor deswegen ihren Job.«
Wir erfahren, dass es eine Dating-Plattform namens »White Date« gegeben haben soll. Die richtete sich an Weiße, die sich mit Weißen zwecks Partnerschaft und Fortpflanzung treffen wollen. Das ist natürlich »rechtsextrem« und »verfassungsfeindlich.« (Ich verzichte hier auf die Debatte, warum derselbe Inhalt für jede andersfarbige Gruppe außer Weißen unproblematisch wäre und vermutlich sogar vom Staat gefördert würde.)
Also muss die Betreiberin dieser Plattform ohne Anklage und Verfahren wirtschaftlich und sozial vernichtet werden. So läuft das in »Unserer Demokratie«
Die Betreiberin dieser Plattform hatte sich aber offenbar ein Pseudonym zugelegt, welches auch der Name einer realen Person war.
Die sehr intelligenten und kompetenten Mitarbeiter des Verfassungsschutzes stellten fest, dass eine Person dieses Namens als Assistentin der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) beschäftigt war.
Also tat man, was man in »Unserer Demokratie« eben tut, wenn ein Mensch nach amateurhafter Suche in den Fokus des Verfassungsschutzes gerät: Man informierte den Arbeitgeber über den Verdacht des »Rechtsseins«.
Auf der Website der HWR hwr-berlin.de lesen wir Misshandlungen der deutschen Sprache wie »Studierende« (gemeint: Student, nicht Menschen, die just in diesem Moment studieren) und »Lehrendenportal«. Die HWR ist auf »Bluesky« vertreten (hwrberlin.bsky.social), einer Plattform, die wirklich super bemüht ist, den toxischen Hass bei sich auszumerzen (@bluesky, 04.03.2026); mit der freien Rede auf X fremdelt die HWR wohl eher (@HWR_Berlin).
Wir wissen also, wie die HWR auf die Meldung durch den Verfassungsschutz reagierte: Man stellte sich mutig vor die Mitarbeiterin und verteidigte ihr Recht auf freie Meinung.
Hahaha – nein. Natürlich nicht: Man kündigte der Dame.
Ohne Anklage. Ohne Untersuchung. Ohne Verfahren.
Ein Staat, in dem eine offen parteipolitisch agierende Behörde ohne Verfahren via Telefonanruf einen beliebigen Bürger wirtschaftlich vernichten kann, ist weder rechtsstaatlich noch demokratisch noch freiheitlich.
Als aber klar wurde, dass alles nur eine Verwechslung war, da war der Arbeitsplatz der Verleumdeten leider, leider schon neu besetzt (so jungewelt.de, 06.03.2026). Aus meinem Umgang mit Linken könnte ich mir aber sehr gut vorstellen, dass man trotz der nun offensichtlichen Verwechslung lieber nichts mit der Person zu tun haben will. »Irgendwas wird da schon dran sein«, werden sich manche Linke denken, denn Linke denken nicht durchgängig mit den rationalen Gebieten ihres Gehirns (siehe u.a. scientificamerican.com, 26.10.2020).
Wenn ohnehin
Der bloße Verdacht »rechter« Meinung – in diesem Fall sogar basierend auf bloßer (und vermeintlicher) Namensgleichheit – ist in »Unserer Demokratie« Grund genug, einen Menschen ökonomisch zu vernichten.
Wer also hatte Josef K. verleumdet? Womöglich: niemand.
Josef K. hatte tatsächlich nichts Böses getan und niemand hatte ihn »verleumdet«. Es war bloß eine »unglückliche Verwechslung«.
Die Duckmäuser aber, die den Kopf einziehen und den Mund halten, während Andersdenkenden das Haus durchsucht und das Konto gesperrt wird, die meinen, damit in Sicherheit vor »Unserer Demokratie« zu sein. Sie irren.
In »Unserer Demokratie« werden Menschen bestraft, gedemütigt oder sogar wirtschaftlich vernichtet, weil sie eine verbotene Meinung haben. Doch glaube nicht, dass du sicher bist, nur weil du den Kopf einziehst.
Wenn du sowieso bestraft und vernichtet werden kannst, als ob du eine verbotene Meinung hättest, dann halte doch dein Gewissen rein und sage die Wahrheit schon jetzt.
Nein, sage nicht die Meinung der betreffenden Personen mit der Dating-Website oder die Meinung irgendeiner anderen Person. Sage deine Meinung.
Was hätte Josef K. getan, wenn er gewusst hätte, dass er ohnehin verhaftet werden kann?
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Verfassungsschutz vs. Josef K. von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/verfassungsschutz-vs-josef-k/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
