10.5.2020

Ist Freiheit nicht auch die Freiheit der Corona-Maßnahmen-Skeptiker?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von ben granados
Bei Anti-Lockdown-Demos werden Menschen abgeführt. Eine Idee: Die Demonstranten sollten nicht nur das Grundgesetz hochhalten, sondern auch Drogen dealen, dann lässt die Berliner Polizei sie bestimmt in Ruhe. (Ja, das ist Sarkasmus – aber ist es unwahr?)
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»Ich stimme dir nicht zu, aber ich werde unverbindlich erklären, dass ich nicht dagegen bin, dass du es sagst.« – Natürlich haben Sie dieses Zitat wiedererkannt. Genauer: Es ist die Paraphrase einer Aussage, die immer wieder Voltaire zugeschrieben wird, doch es sollte sich nun herumgesprochen haben, dass es aus dem Buch »The Friends of Voltaire« stammt (siehe engl. Wikipedia), wo es Voltaires Einstellung bebildern sollte!

Jenes zugeschriebene Als-ob-Zitat schlägt im Original einen dramatischeren, lauteren Akkord an – es spricht davon, sein »Leben« zu »geben«. Ich bin aus mehr als einem Grund lieber vorsichtig!

Zwei Seelen

Einige von uns waren selbst und persönlich da, einige lesen davon. Wir erfahren, dass »Vegankoch Attila Hildmann von der Polizei abgeführt« wurde (welt.de, 9.5.2020). Zuvor waren seine Produkte de facto als Strafe für allzu abweichende Meinung (siehe auch »Wie nennt man es, wenn sie alle gleich schalten?« vom 5.12.2018) von großen Ketten aus dem Sortiment genommen worden (welt.de, 8.5.2020).

Dieser Tage wird viel vom »neuen Normal« gesprochen, welches jetzt und hiernach Einzug halten soll – und es wirkt zuverlässig wenig demokratisch (siehe etwa den Essay vom 7.5.2020). (Jemand sagte letztens: »Es ist die Dämmerung des dritten deutschen Sozialismus, gefällt es euch denn nicht?) – Zum »neuen Normal« gehört, dass die Produkte von Abweichlern wie selbstverständlich aus den Regalen entfernt werden (»Kauft nicht bei Andersdenkenden!«?!, siehe welt.de, 8.5.2020, aber auch »Das ZDF und die Lügenlawine« (16.10.2019)).

Faustens zwei Seelen wollten sich zeitweise – ach! – voneinander trennen, und auch ich höre in und aus mir heute zwei ganz unterschiedliche Bewertungen der Tageslage erklingen, konkret: der »Corona-Demos«. Ich war, bin und bleibe Mitglied der »Koalition der Vorsichtigen«. Das ist die eine Seele in mir, das vorsichtige Herz, das in meiner Brust schlägt.

Und dann ist da die andere Seele, das andere Herz, das für alle Menschen schlägt, die der Regierung widersprechen, die das Grundgesetz und die Freiheit hochhalten, die ihr Grundrecht auf öffentlichen Widerspruch ausleben, in Kauf nehmend, dass die deutsche Polizei ihnen das hochgehaltene Grundgesetz, das Grundrecht auf Demonstrationen und damit die Freiheit nehmen könnte.

Ja, ich bin der Meinung, dass die »Corona-Kritiker« falsch liegen, doch das meinte die SED-Führung und manche DDR-Bürger auch über die Demonstranten der Montagsdemos – und dass beide gegen eine Unfreiheit demonstrieren, die moralisch begründet eine Einschränkung der Freiheit für die »kleinen Leute« bedeutet, bei weitgehender Freiheit für die »gleicheren Tiere« (siehe auch: »Lasst euch nicht zum Affen machen!«), daran besteht kein Zweifel.

Virus-, keim- und meinungsfrei

Wenn jemand Ihnen für Ihr Auto etwa hundert Euro mehr bietet als Sie nach Marktwert erwarten dürften, dann wird dieses Angebot wohl verbindlich sein (wenn ich die Juristen richtig verstehe). Sollte er Ihnen allerdings eine Million Euro zu viel bieten, dann könnte ein Gericht im Streitfall vielleicht entscheiden, dass es sich offensichtlich um ein »Scherzangebot« handelte, dass es also nicht verbindlich ist. Es gilt wohl auch in der Gegenrichtung, etwa wenn einem ein gut erhaltenes Auto im Scherz für 15 Euro angeboten wird, denn auch das könnte als absurdes Scherzangebot gewertet werden, das man unter Umständen nicht bedienen muss (siehe dazu etwa lto.de, 21.6.2017) – (Generell: fragen Sie in all diesen Angelegenheiten einen Anwalt, nicht Ihren Lieblingsessayisten, der bebildert nur!)

Jenes Zitat von der Meinungsfreiheit des Anderen, die man mit dem Leben verteidigen wolle, selbst wenn man seine Meinung verdamme, es ist so übertrieben, dass es wie ein Scherzangebot klingt – und damit wertlos wird.

Ich habe zu oft gerade solche Leute sich auf dieses angebliche Voltaire-Zitat berufen hören, welche die Meinungsfreiheit des Andersdenkenden tatsächlich eher im negativen Sinne zu bevorzugen scheinen, also: Der virus-, keim- und meinungsfreie Bürger.

Ein klein wenig öffentlich

Ach, niemand fordert wirklich, dass du dein Leben dafür gibst, dass dieser oder jener seine Ideen zu Markte trägt. Nur ein klein wenig öffentlich zugeben, dass es okay ist, wenn auch solche Leute ihre Meinung sagen, deren Meinung sehr ungewöhnlich ist, wäre das zu viel erbeten?

Zu allen Zeiten haben einzelne Menschen versucht – gerade die Mächtigen unter den Zweibeinern – aus, sagen-wir-mal pragmatischen Gründen, die Dehnbarkeit der Worte und Begriffe bis kurz vorm Zerreißen und Untaugbarwerden auszutesten (nicht immer machten sie rechtzeitig Halt), und doch erleben wir heute eine neue Qualität der Wahrheitsmassage, betreten eine neue Ebene.

Der Begriff »Wahrheit« ist in öffentlicher Debatte heute praktisch losgelöst von dem, was wirklich geschah und geschieht. Wahrheit wird nicht durch Anschauung festgestellt und geprüft, sie wird verkündet und durchgesetzt. Wenn ein Außerirdischer auf unsere Erde käme und die Bedeutung von Begriffen anhand der tatsächlichen Verkündung der Worte rekonstruieren wollte, würde er für als »Wahrheit« definieren: ›Wahrheit‹ ist jene Erzählung über die Welt, welche die wirklich Mächtigen als Handlungs- und Moralprämisse für die Masse festlegen (wollen).

Wenn Regierung, Staatsfunk und ich in irgendeinem Punkt einer Meinung sind, dann betrachte ich das zunehmend als Un-, Zu- und Freakfall – doch ich werde auch nicht nur deshalb meine Meinung ändern. Zugleich und gerade deshalb: Wer der Regierung widerspricht, der wird immer ein Zuhause in meiner Seele haben – besonders wenn er dem ungerechten und zynischen Merkel-System widerspricht!

Die Freiheit stirbt in Deutschland. Die Werte der Demokratie werden stranguliert – und mancher wundert sich, wen die offiziellen Schützer der Verfassung ins Visier nehmen… und wen nicht. (Naive Frage: Wenn die Verfassungsschützer die Verfassung schützen, und EU-Politiker sich gegen das Verfassungsgericht stellen sollten, siehe welt.de, 9.5.2020, müsste der Verfassungsschutz nicht zuerst Frau von der Leyen ins Visier nehmen und dringend dem Land zum Brexit raten? Und: Wehe, es antwortet mir hier jemand mit »Zitronenfaltern«!) – Wer der Regierung grundsätzlich widerspricht, wird schon länger im Staatsfunk übelst beschimpft, als »Ratte« oder »Spinner« etwa (siehe Essay vom 7.5.2020). Wer der offiziellen Wahrheit widerspricht, der gilt heute ganz aktuell dann eben als »Corona-Skeptiker« oder »Corona-Leugner«. – Nun denn, es gilt, frei nach der Kommunistin Rosa Luxemburg: Freiheit ist heute auch die Freiheit der »Corona-Skeptiker«.

Ich bin weder Staatsfunker noch Politiker, ich will, dass meine Worte etwas bedeuten, und deshalb sage ich nicht, dass ich mein Leben dafür geben werde, damit jemand eine Meinung aussprechen kann, die ich verdamme.

Nein, mein Leben werde ich für deine Meinung nicht geben, ob ich sie richtig finde oder grundlegend falsch. Und doch: Wer der Regierung widerspricht – vor allem diesem moralisch abgewirtschaftetem Kasperletheater – für den wird immer ein Herz in meiner Brust schlagen!

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