19.01.2023

Vorwort, oder: Ob früher alles besser war

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Craig Stevenson
War die Gesellschaft früher moralischer als heute? Waren Politiker anständiger, die Lehrer klüger und die Kinder braver? Eine solche Theorie hat Lücken – und doch wird man dieses nagende Gefühl nicht los.
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Ob ich ein Buch zu Ende geschrieben habe, wie jüngst jenes Buch übers Loslassen, oder einen der bislang tausendfünfhundertvierundachtzig Essays, und wenn die lieben und geschätzten Korrektoren fertig sind mit ihrer Arbeit und/oder ihren Nerven, dann stelle ich in mir immer wieder eine innere Verschiebung fest, ein Versetzen der Zielpfosten, eine Uminterpretation des zu Erreichenden, fast schon ein Betrug, den ich an mir selbst begehe.

Nämlich: Wann immer ich etwas zu schreiben ansetze, gleich welcher Länge, so beabsichtige ich das Thema doch angemessen zu behandeln, wenn nicht gar erschöpfend, mindestens aber befriedigend.

Und dann, wenn ich mein jeweiliges Werk für vollbracht erkläre und mich auch, zwar nicht vom Vater im Himmel, aber doch von allen guten Geistern verlassen fühle, bemächtigt sich statt dieser ein durchaus nerviger Geist meiner, und er zischt mir jene Wahrheit zu: »Du wolltest das Thema endgültig verhandeln! Ha, du Narr! Allerhöchstens das Vorwort hast du geschrieben, nein: das Vorwort zum Vorwort, und auch das nicht besonders gut!«

Nun denn, sei es drum. »Embrace it!«, sagen die Amerikaner, das bedeutet wörtlich: »Umarme es!«, doch gemeint ist wohl: »Gestehe dir deine Schwächen ein, und lass sie dann zu neuen Stärken werden!«

Diese bisherigen Zeilen dürfen also gern als Vorwort zum Vorwort gelesen werden, denn, ja, ab hier schreibe ich ein Vorwort, den Einstieg zu einem Buch, der sich fürs Erste selbst genug sein soll! (Hätte ich sogar einen griffigen Titel, würde ich ihn noch nicht verraten – man will sich ja Optionen offen halten!)

Das Motto

Mit dem Zitat am Anfang eines Buches, auch »Motto« genannt (siehe Wikipedia), will der Autor sich und sein Werk in der Geschichte menschlichen Denkens verankern und positionieren – womöglich in der Hoffnung, etwas jener fremden Klugheit würde auf ihn und sein Werk übergehen.

Der Autor will aber auch mit dem zitierten Motto die richtige Stimmung setzen, die den Leser auf das Folgende einstimmen. Er will den Leser »inspirieren«, und vielleicht implizieren, dass dieses Zitat ihn selbst zum Schreiben des Buches inspirierte – und manchmal, so habe ich gehört, stimmt das sogar!

Nun denn, hier endlich das Zitat zu unserem Vorwort!

Ale to je tím, že nic už nad lidma není! Ani Bůh, ani mýtus, ani alegorie, ani symbol. (Bohumil Hrabal, Ostře sledované vlaky)

Hach, Moment – was ist das für ein Buchstabensalat! Nun, das ist Tschechisch, womit der sonst begeistert deutschsprachige Autor einen Aspekt seiner eigenen »Verankerung« zu Protokoll gibt.

Zu Deutsch lauten diese Worte, von mir frei übersetzt:

Aber das liegt daran, dass über den Menschen nichts mehr ist! Kein Gott, kein Mythos, keine Allegorie, kein Symbol. (Bohumil Hrabal, Titel wörtlich übersetzt: »Scharf überwachte Züge«)

Hach, ein echtes Zitat, das sich der Autor noch selbst »erlesen« hat.

Was danach wohl kommt? Vielleicht verrät das Vorwort mehr!

Das Vorwort

»Das hätte es früher nicht gegeben!«, so klagt mancher heute, oder auch: »Die Menschen haben keine Moral mehr!«

Sicher, es gab dunkle Zeiten in der Geschichte. In der Schule wurden sie nicht müde, uns davon zu berichten. Aber dazwischen und danach (und sogar währenddessen im Untergrund!) war »es« besser – oder nicht?

Ach, wir ahnen, dass auf diese Weise schon vor hundert und tausend und noch mehr Jahren geklagt wurde.

Ob die Welt früher tatsächlich moralischer war als heute? Wenn eine jede Generation meint, dass es früher moralischer zuging, müsste etwa in der Antike die Welt einem hochmoralischen Konvent geglichen haben.

Aber nein! Die Orgien der Römer sind legendär, deren Niedergang auch, und schon bei Platon und Aristoteles lesen wir von moralischen Mängeln der Jugend.

Es erscheint denkbar unwahrscheinlich, dass die Welt früher arg moralischer war als heute – und doch war etwas anders.

Politiker, die früher schamvoll zurückgetreten wären, machen heute große Karriere – und Journalisten diffamieren jene als unmoralisch, die den Großen ihre Unmoral vorwerfen.

Es »geschieht nichts Neues unter der Sonne« erklärt die Bibel in Prediger 1, Vers 9, auch die Klage über Unmoral.

Und doch sind heute einige Dinge anders.

Internet und sogenannte »Soziale Medien« hatten uns einst das »globale Dorf« versprochen. Was wir aber nicht bedachten: In einem Dorf weiß jeder alles über jeden anderen – und also weiß ein jeder, wie unmoralisch wir alle sind.

Politiker können offen unmoralisch sein, können sich »nicht erinnern«, was sie taten, oder wichtige Nachrichten löschen, sodass keiner ihre Deals nachvollziehen kann, und das alles können sie praktisch offen tun, denn sie wissen, dass wir de facto die Hoffnung auf Anstand aufgegeben haben.

Gleichzeitig wird dem Bürger unter Androhung sozialer Ächtung und wirtschaftlicher Vernichtung ein täglich neu inszeniertes Moralschauspiel abverlangt, von dem doch jeder Beteiligte weiß, dass es lächerlich, inkohärent und verlogen ist.

Die Idee von Moral als sowohl öffentliche als auch tief im Wesen des Menschen verankerte Verantwortung wurde durch Zynismus und Zwecktheater ersetzt.

Und doch, trotz oder gerade wegen alledem spüren so viele von uns das, was man einst Gewissen nannte. Wir spüren eine Sehnsucht nach einem Zustand, der moralisch besser war.

Und trotz der logischen Unmöglichkeit lässt sich kaum leugnen, dass wir die Idee einer gewissenhafteren Zeit mit der Vergangenheit verbinden.

Wonach sehnen wir uns also wirklich »zurück«?

Dieses Buch beginnt mit der These, dass wir uns tatsächlich nach Moral zurücksehnen, doch die sentimentale Sehnsucht bezieht sich zum wesentlichen Teil weniger auf eine gesellschaftliche Situation an einem konkreten Punkt der Geschichte, als vielmehr auf eine Zeit in unserem eigenen Leben, als wir an »die Moral« glaubten – und als wir glaubten, dass auch andere Menschen doch ähnlich fühlen könnten und also müssten wie wir.

Ich will uns also Mut machen – konkret: Mut zur moralischen Sentimentalität in eigener Sache.

Es gab eine Zeit, da haben Sie daran geglaubt, dass »gut« und »böse« etwas bedeuten, dass es ein richtiges Verhalten gibt und ein falsches – und dass dies auch für andere Menschen gilt. Wie sonst sollte Zusammenleben funktionieren?

Lassen Sie uns den Mut zur Moral in einer unmoralischen Zeit wagen!

Nein, wir müssen nicht Heilige werden, oder gar Märtyrer, doch eine Angelegenheit haben diese ehrwürdigen Gesellschaften erkannt: Es liegt Glück darin, seinem Gewissen und der eigenen Moral zu folgen, auch wenn die Welt um einen her gerade nicht mitziehen will.

»Zurück in die Zukunft«, so ist eine großartige Filmtrilogie betitelt. Wir wollen zurück zur Überzeugung, dass Anstand und Moral möglich sind, und derart hoffend wollen wir zumindest unser eigenes Handeln und also unsere eigene Zukunft formen.

Nein, früher war nicht alles besser, doch früher war mehr Hoffnung, und gewiss mehr Glaube ans Gute.

Ja, lassen Sie uns zum Glauben ans Gute zurückkehren, ein jeder für sich – und doch nicht allein!

Gemeinsam geschrieben

Soweit also, liebe Leser, der erste Entwurf des Vorworts eines künftigen Buches über die Rückkehr zur Moral.

Ab jetzt könnte jemand Kapitel für Kapitel anhand öffentlich bekannter Beispiele erarbeiten, wo uns allen die Moral verloren ging, und dann mit konkreten Ideen etwas Mut machen, den Glauben ans Gute für sich wiederzuentdecken.

Jedoch, vielleicht genügt für einige von Ihnen ja bereits dieser Entwurf eines Vorworts, und Sie übernehmen selbst ab hier – ganz praktisch! Vielleicht haben wir hier tatsächlich gerade gemeinsam »ein Buch geschrieben«!

Nehmen Sie das Vorwort samt Einstiegszitat, und schreiben Sie Ihr eigenes Buch zu Ende, wie Sie für sich dem Zynismus der Zeit trotzen und »das Richtige« tun.

Und natürlich dürfen Sie über dieses »Buch« dann Ihren eigenen Namen als Autor setzen – es ist immerhin Ihr Leben!

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