10.4.2020

Gefangene bei offener Tür

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Guilherme Veloso
Wer einreist, muss jetzt in Quarantäne. Nicht in Klinik oder so, sondern daheim. Außer, er hat einen »triftigen Grund«. Zum Beispiel eine Hochzeit. Oder weil er als Pendler eh viel reist. – Worum geht es wirklich?!
woman riding cruiser motorcycle during golden hour
Facebook
Twitter
WhatsApp
E-Mail

Im surrealen Film »El ángel exterminador« (von Luis Buñuel, 1962, deutscher Titel: »Der Würgeengel«) feiert eine Gruppe feiner Leute eine Party, doch als es Zeit wäre, zu gehen, sieht man sich nicht in der Lage, den Raum zu verlassen.

Die Türen sind eigentlich weit offen, die Fenster ebenso, und wir sehen es. Eigentlich könnten die Menschen ja einfach aus dem Raum gehen – ja, man müsste meinen, dass sie geradezu echte Mühe aufwenden müssten, um nicht aus den offenen Türen zu gehen, dafür versuchen sie später durch die Mauer zu brechen, und sie sehen sich schlicht dazu nicht in der Lage, was sie dann auch debattieren, wie höhere Kreise es gern tun.

Ein Mann stirbt. Ein Paar begeht Selbstmord. Lämmer laufen umher. Das Verhalten der eben-noch-feinen Gäste wird animalisch. Der Raum wird zu dem, was man im Deutschen wohl »Saustall« nennen würde – und noch immer sehen die eben-noch-zivilisierten Damen und Herren sich nicht in der Lage, einfach hinauszugehen.

Amtshilfe für das Gesundheitsamt

Deutschland leidet, länger schon, an einer »Grenzschwäche«, die ohne einen potentiell anzüglichen Rückgriff auf Vokabular aus der Psychopathologie kaum noch zu erklären ist. Ein Land mit weltweit einmaliger »Grenzschwäche« ist in Zeiten der Pandemie ein interessantes Anschauungsobjekt für die Außenstehenden – für die Menschen aber, die in dem Land leben, könnte »interessant« die falsche Vokabel sein.

Nachdem wochenlang Menschen aus den Infektions-Hotspots des Planeten ohne die einfachste Gesundheitskontrolle nach Deutschland einreisen durften (vermutlich wollte man nicht »rassistisch« sein, sprich: wollte nicht irgendwelche Lobbys verärgern), soll nun auch für Deutschland gelten, dass Einreisende aus dem Ausland in Quarantäne zu gehen haben (siehe etwa tagesschau.de, 10.4.2020).

»Quarantäne« und »Einreisende«, das klingt ernsthaft und umfassend – man sollte aber (nicht?!) genauer hinschauen!

Bei »Quarantäne« könnte man an Kliniken und sterile Räume, an Überwachung, Betreuung und Personal denken, oder nicht? Immerhin handelt es sich doch um eine Pandemie, durch welche derzeit auch in Deutschland in einigen Altersheimen ganze Flure neu zur Vermietung stehen könnten. Immerhin handelt es sich um den Krieg eines Virus mit noch gar nicht absehbarem wirtschaftlichen Kollateralschaden. Wie viele Quarantäne-Kliniken werden also für die ankommende Passagiere geöffnet? Worin besteht also diese »Quarantäne«?

Erlauben Sie mir, den deutschen Staatsfunk zu zitieren:

»Als Amtshilfe für das Gesundheitsamt händigen wir seit null Uhr allen einreisenden Passagieren ein Infoblatt aus«, sagte der Sprecher der Flughafen-Bundespolizei, Reza Ahmari. »Darauf steht, dass sie sich direkt in häusliche Quarantäne begeben und bei ihrem örtlichen Gesundheitsamt melden müssen.« (tagesschau.de, 10.4.2020)

Ein Zyniker würde eventuell süffisant kommentieren: »Man kann kaum bestreiten, dass die Deutschen pazifistischer geworden sind! Einst haben sie ›seit 5 Uhr 45 zurückgeschossen‹, jetzt wird nur noch ›seit null Uhr allen einreisenden Passagieren ein Infoblatt‹ ausgehändigt.« (Randnotiz: Ich bin kein Zyniker und würde solche satirischen Scherze nimmer nicht nie sagen. Staatsfunk-Satire lehrt uns zudem, dass Satire sich immer nur gegen Abweichler und andersdenkende Bürger zu richten hat, eher nicht gegen vorherrschende Denkweisen, die »die da oben« sie lehren.)

Na gut, dann geht derjenige halt noch schnell einkaufen, vielleicht mit dem Hund Gassi, stellt sich beim Gesundheitsamt in die Schlange und meldet sich dort, und schließlich zieht er sich daheim in die wohlverdiente Quarantäne zurück — doch was, wenn er es nicht tut?

Wir erfahren:

Die Verordnung tritt am Karfreitag in Kraft. Bei Verstößen drohen Bußgelder zwischen 150 und 10.000 Euro. (ndr.de, 9.4.2020)

Wir könnten ja fragen: Wer kontrolliert es?

Doch wir könnten auch fragen: Aus zahlreichen Ecken Deutschlands erfahren wir, dass sich Gläubige zum Gebet versammelten, wurden die auch mit Bußgeldern belegt?

Also nicht die Katholiken, die bleiben auch Karfreitag daheim. (Nebenbei scheinen die Kirchen gerade belegen zu wollen, dass sie überflüssig sind, »nicht-essentiell«. Ich nehme an, die Milliarden-Einnahmen der Wohlfahrtskonzerne sprudeln weiter, auch wenn deren PR-Abteilung mit den schönen Orgeln vorübergehend an Heizkosten und Oblaten spart.)

Gelten die Bußgelder wirklich für alle Bürger gleich? Welche Bußgelder erhielten etwa die 200 Gläubigen vor der Moschee in Wuppertal, (derwesten.de, 8.4.2020), die Gläubigen in Berlin (focus.de, 7.4.2020), die in Duisburg (Essay vom 6.4.2020)?

Ich weiß es nicht, welche Bußgelder jene Gläubigen auferlegt bekamen. Wir wissen aber immerhin, dass verschiedene Eisdielenbesitzer an Bußgeldern in Höhe mehrerer Tausend Euro zu schlecken haben (siehe etwa Speyer: welt.de, 6.4.2020, Rastatt, badisches-tagblat.de, 7.4.2020). Aktuell bereitet man sich in Sachsen darauf vor, »Quarantäne-Verweigerer« weg zu sperren (mdr.de, 10.4.2020) – ausgerechnet in psychiatrischen Kliniken. Hach, fühlt sich fast schon so an »wie früher« – ich bin gespannt, wer wirklich weggesperrt wird.

Hochzeiten und Ähnliches

Doch seien wir optimistisch, und glauben wir daran, dass alle Einreisenden sich an die Befehle des Infoblatts halten, dass alles fein kontrolliert wird und die strenge Hand des Rechtsstaats seit heute bei allen gleich und gerecht zugreift – betrachten wir einmal die Ausnahmen!

Die Regelungen gelten, unter anderem, nicht für »Spezialisten«, so lesen wir.

Nun, wen meinen die Behörden mit »Spezialisten«? Medizinisches Personal etwa, dass sich vielleicht selbst zu schützen und zu testen weiß?

Ja, das auch, aber nicht nur jenes. Gemeint sind etwa: Erntehelfer.

Es ist nun wahrlich nichts Verwerfliches daran, als Erntehelfer zu arbeiten. Aber: Es geht doch nicht um »Verwerflichkeit«, sondern um Schutz der Bevölkerung – oder nicht?!

Aus den Armenhäusern Europas reisen Menschen an, um als Erntehelfer wieder zu Einkommen zu kommen – und für die sollen jetzt die Quarantäneregeln nicht gelten?

Auch Berufskraftfahrer sind ausgenommen, oder Pendler, die zum Beispiel zur Schule fahren. De facto: Wer besonders häufig hin und her reist, also ein höheres Risiko darstellt, ist von Schutzmaßnahmen ausgenommen?! Man muss, so heißt es, einen »triftigen Reisegrund« haben (so waz.de, 10.4.2020). Und dazu zählen – und dann wird es geradezu makaber – etwa »Beerdigungen, Hochzeiten und Ähnliches«.

Spätestens wenn für Hochzeiten (gilt es eigentlich auch für »Hochzeitskorsos«?), also für Veranstaltungen mit mehreren Generationen und hohem Infektionsrisiko, die Quarantäne-Regeln aufgehoben werden, fragt man sich als mitdenkender Bürger: Geht es wirklich um den Schutz der Bevölkerung – oder geht es (wieder?) um »moralische« Sortierung? Sind »die da oben« überhaupt noch in der Lage, das zu unterscheiden?

»Freude, dass es endlich losgeht«

Nein, nicht alle Aktivitäten in Deutschland werden dieser Tage vollständig heruntergefahren. Wir lesen:

[Die] Freude, dass es endlich losgeht, ist bei Ehmahdi Ousrout vom Vorstand des Moschee-Vereins riesig. »Jetzt werden wir endlich ein unübersehbarer Teil der Stadt und der Gesellschaft.« (rp-online.de, 9.4.2020)

Schön, dass auch heute noch Menschen sich freuen können. Nein, es geht nicht um eine Klinik oder ein Forschungszentrum. Es geht um den ersten Spatenstich für eine weitere Moschee, diesmal mit marokkanischem Hintergrund. Die endgültige Finanzierung ist wohl unklar, aber der Bürgermeister von Monheim ist guter Dinge.

2-Meter-Abstand, wie Welpen

Mancher von uns fühlt sich heute gefangen. Man könnte sich in Zeiten der Ausgangssperre an Rilkes Panther erinnert fühlen: »… als ob es tausend Stäbe gäbe, und hinter tausend Stäben keine Welt…« (Ich habe übrigens aktuell den Panther von Rainer Maria Rilke selbst aufgesprochen; Sie können es in meinem neuen Podcast hören, etwa via Spotify oder YouTube. Im Text »Bleibt wütend!« habe ich das Gedicht ausführlicher besprochen.)

Und doch sind nicht die Ausgangsbeschränkungen, die Quarantäne, die (nicht nur) moralische Verpflichtung, daheim zu bleiben, unsere eigentliche Gefangenschaft – vielleicht sind sie nur die Folgen einer anderen Gefangenschaft.

Kurze Testfrage: Würden Sie lieber gesund in einer echten Gefängniszelle sitzen, mit allen Büchern, Filmen und Musikstücken der Welt, oder wären Sie lieber krank, aber eben draußen, und würden ihr Leben lang keinen geistigen Input bekommen, außer Werbeanzeigen und Talkshows? – Nein, keine der beiden möglichen Antworten ist völlig selbstverständlich, die Frage ist ja auch einigermaßen konstruiert, und doch wird deutlich: Auch diese »Gefangenschaft« findet zum guten Teil in unserem Kopf statt.

Nicht die Ausgangsbeschränkungen sind unsere eigentliche Gefangenschaft – die Dummheit, innerhalb derer sie stattfinden, sind nicht minder schmerzhafte Ketten.

Ein Leser berichtet mir von den Szenen in seinem Supermarkt, wo die Leute draußen brav im 2-Meter-Abstand warten, nur um dann übereinander in den Verkaufsraum zu stürzen wie Hundewelpen bei der Fütterung, wo sie sich, noch immer, aufs Toilettenpapier stürzen, als würde dem Ruhrgebiet die Ruhr und nicht eine besonders fiese Grippe drohen.

Wenn wir heute Gefangene sind, dann zuerst die Gefangenen der Dummheit – und als Ego-Stütze dürfen wir dazusagen: Man kann auch sehr wohl Gefangener der Dummheit seiner Mitmenschen sein.

Waren Sie mal bei einem geselligen Beisammensein der einzige Nüchterne? War es nicht auch eine Form von Gefangenschaft, die an den eingeschränkten kognitiven und sonstigen Fähigkeiten der anderen lag – so in etwa fühlt sich die öffentliche Debatte heute manchmal an, nur ganz ohne die Hoffnung, dass ein schlichter Schlaf die Mitmenschen wieder ausnüchtern lässt. Wie tausend Stäbe, und dahinter: nochmal tausend Stäbe.

Schnell, hektisch

Buñuels Film »Der Würgeengel« endet nicht im Raum, den die einst feinen Leute nicht verlassen zu können meinen – der Film endet in einer Kirche. Manches surreale Kunstwerk ist deutlicher und klarer in seiner Aussage als wenn man diese im üblichen Subjekt-Prädikat-Objekt-Satz transportiert hätte. Die Gefangenschaft der feinen Leute ist eine geistige, gedachte, eine Gefangenschaft in Gedanken – wie heute.

Nicht alle im Würgeengel sehen sich außerstande, den Raum zu verlassen. Zu Beginn des Filmes verlässt ein guter Teil der Dienerschaft den Festraum, schnell, hektisch, wie in böser Vorahnung.

Wer sich heute nicht in »freiwillige Gefangenschaft« begibt, wer es wagt, sich nicht zum Gefangenen der Dogmen des Tages zu erklären (welche ja gern das Gegenteil der gestrigen Dogmen sein können), wer es wagt, aus dem tatsächlich eben doch offenen Denkraum heraus zu eilen wie die Diener im Film, der gilt als ein Niedriger, ein Abweichler; dass und wenn er überhaupt dienen darf, auch das gilt ihm als Ehre (die »widerlichen Guten« sind ja auch heute schnell mit ihren Kampagnen, mit denen sie Andersdenkende ruinieren sollen, so dass der Freie nicht einmal »Diener« sein darf) – und wenn der Freie nicht freiwillig schnell seinen Mantel überzieht und die Gefangenschaft des Konsensraums verlässt, wird man ihm, äh, »helfen«.

Die feinen Leute im Raum aber werden schrittweise wahnsinnig, sie nehmen sich das Leben oder sterben einfach so, und all das scheint ihnen der Selbstbefreiung aus der inneren Gefangenschaft, dem Herausgehen durch die offene Tür, vorzuziehen zu sein.

Aus dem Netze ziehen

Heute, am Tag an dem ich diesen Text schreibe, ist Karfreitag. Zum ersten Mal seit der Pest-Epidemie des 14. Jahrhunderts, so heißt es, ist die Grabeskirche in Jerusalem geschlossen (foxnews.com, 30.3.2020), wieder wegen einer Seuche.

Man liest zu Karfreitag traditionell Psalm 31, ein Gebet, und darin heißt es:

Du wollest mich aus dem Netze ziehen, das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke. (Psalm 31:5)

Die Angst vor einem Virus lässt uns heute zu Gefangenen werden – wie jede Angst (und wie jede Angst kann auch diese potentiell das eigene Leben retten). Können wir uns, ob Gläubige oder Heidenkinder, »aus dem Netze« befreien? Finden wir die Stärke?

Ein alter Witz erzählt: »Ich wäre lieber reich als weise! Den reichen Dummkopf schmerzt seine Dummheit nicht, den armen Weisen schmerzt seine Armut aber durchaus!« – In ähnlichem Geiste: Man kann Gefangener seiner Dummheit sein, doch schmerzhaft werden erst die Folgen der Dummheit, nicht die Dummheitsgefangenschaft selbst. (Und der gewiefte Dummkopf, der Gutmensch und der Grüne etwa, versteht sich oft trefflich darauf, die Folgen seiner selbstgewählten Dummheit den Schwächeren und Wehrlosen aufzubürden.)

Wir werden heute zu Gefangenen des Virus, und wenn wir nichts dagegen tun, werden wir Gefangene der Dummheit bleiben, der eigenen Dummheit wie auch der Dummheit der Anderen.

Ich wünsche uns heute natürlich Klugheit. Denen-da-oben wünsche ich, dass sie noch schneller lernen (etwas Lernfähigkeit haben sie ja bereits bewiesen).

Den freiwilligen Dummen wünsche ich, dass sie bald metaphorisch auf die Nase fallen, aber nur so zärtlich, dass die Kratzer schnell und vollständig verheilen, und sie endlich klug werden – und sich dann doch trauen, aus ihrem Kopfgefängnis herauszugehen.

Den Zeitgenossen, die an der Dummheit anderer Leute leiden (und wer hält sich nicht für so einen Zeitgenossen?!), wünsche ich Geduld und eine dicke Haut. Den Christen wünsche ich, trotz und bei allem, ein würdiges, tiefes Osterfest.

Uns allen aber wünsche ich, auch weiterhin, genug Kraft, am Wahnsinn nicht wahnsinnig zu werden.

»Weiterschreiben, Wegner!«

Diese Texte (bei /liste/ finden Sie hunderte weitere Texte!) und der Betrieb dieser Website sind nur mit Ihrer freiwilligen Unterstützung möglich. Es geht einfach und schnell via Kreditkarte oder PayPal – und schon jetzt: Dankeschön!

Jahresbeitrag(entspricht 1€ pro Woche) 52€

Mit Freunden teilen

Facebook
Twitter
WhatsApp
E-Mail

Dushan anziehen

alle Designs: /merch/ →

Wegner verstehen

Alles, was ich schreibe, basiert auf einer bestimmten Philosophie, den Relevanten Strukturen. In diesem Buch erkläre ich Ihnen, wie ich denke.

Gefangene bei offener Tür

Darf ich Sie via E-Mail darauf hinweisen, wenn ich einen neuen Text schreibe? (Via Mailchimp, gratis und jederzeit mit 1 Klick abbestellbar – probieren Sie es einfach aus!)