13.03.2022

Geheimdienste und ihre Realität

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Edurne Tx
Was wir für »Realität« halten, ist zu oft das, was Tech-Konzerne uns als »Realität« präsentieren. Diese aber erhalten milliardenschwere Aufträge von der US-Regierung – oder stellen gleich deren Leute ein.
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Wir Menschen sind wunderbare Wesen in einer wunderbaren Welt, doch das wohl wunderlichste der Wunder ist, dass wir auf wunderbare Weise bis hierhin überlebt haben.

Es ist ein altes Dilemma, und es ist ein bekanntes Dilemma, doch wir haben es noch immer nicht überwunden: Unser Fühlen und unser Denken ist geschaffen für das Leben im Stamm, damals, in der Savanne. Unsere Technologie aber ist geeignet für weit, weit größere Dimensionen. Menschen haben die Welt vernetzt, und einige von uns träumen davon, zum Mars aufzubrechen, doch unsere Emotionen und unsere (spontane) Logik sind zu oft auf dem Stand von Mammutjägern.

Die Puzzleschneider

Ich sehe heute eine Reihe von Denkfehlern in Debatten, deren erster und grundlegendster wohl lautet: »Was ich als Realität wahrnehme, ist die Realität, denn ich habe es ja so wahrgenommen.«

Wir nehmen die Welt heute durch die Augen von Medienkonzernen wahr, immer aber durch die Filter von Unternehmen wie Facebook, Twitter, Alphabet (Google, YouTube), Meta (Facebook, Instagram), Apple, Microsoft und Amazon (Anbieter von Server-Rechenzeit).

Diese Firmen sind zum guten Teil eng mit der US-Regierung verknüpft und erhalten teils vom US-Verteidigungsministerium milliardenschwere Aufträge. Die Website bigtechsellswar.com listet die Milliarden-Aufträge diverser US-Ministerien an »Big Tech«, und notiert dazu die »Drehtür« zwischen US-Geheimdiensten und Social-Media-Firmen (bigtechsellswar.com/#yearbook).

Ein Beispiel: Sagt Ihnen »Jigsaw« etwas? Nicht? Oh. »Jigsaw« (wörtlich: Puzzle, oder auch Laubsäge) ist Googles Abteilung für Terror-Abwehr in Sozialen Medien (URL: jigsaw.google.com). Man will »threats to open societies« abwehren (den Code »open society« haben wir doch schon mal gehört…) und gegen »Desinformation« vorgehen (sprich: man will festlegen, was als »Wahrheit« gilt). Man sieht keine Ironie darin, gegen »Toxicity« vorzugehen (sprich: gegen böse Kommentare) – und zugleich gegen Zensur. Der Chef von Jigsaw ist ein Jared Cohen (siehe Wikipedia), der zuvor fürs US-Außenministerium arbeitete, aber auch für den Thinktank »Council on Foreign Relations« (siehe Wikipedia) – und ja, in deren Mitgliederverzeichnis finden sich viele der Namen, die man erwarten würde, und zwar nicht nur (teils superreiche) Einzelpersonen, sondern auch internationale Konzerne. (Man fragt sich ja bald, wie diese Gestalten vor lauter »Netzwerk-Knüpfen« überhaupt dazu kommen, irgendwas Produktives zu tun.)

Man könnte die Liste der »Drehtür-Effekte« zwischen US-Behörden und US-Tech-Konzernen eine Zeit fortsetzen. Der Sicherheitschef von Amazon kommt etwa vom FBI (Steve Pandelides, siehe LinkedIn), Microsofts Experte für »Homeland Security and Counterterrorism« (ja, sowas haben Tech-Konzerne heute) kommt vom »Department of Homeland Security« (siehe csis.org), und so weiter.

Das Clausewitz-Bonmot vom Krieg als Fortsetzung der Politik funktioniert offenbar auch in die umgekehrte Richtung: Wirtschaft ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen, hoffentlich humaneren Mitteln – und Medienbusiness ist eben auch nur Business.

Tschechen wissen

Bei Covid-19 argumentierte man noch mit angeblicher Sorge um Gesundheit, als man Informationen zensierte, welche den explodierenden Umsatz der impfenden Pharma-Konzerne ein klein weniger gigantisch ausfallen lassen könnte.

Beim Ukraine-Krieg wird aber von der demokratisch zweifelhaften EU und den vollständig außerdemokratischen Tech-Konzern eine Info-Glasglocke über westliche Zuschauer gestülpt.

Niemand aber wird durch diese Glasglocke »geschützt«, im Gegenteil: Facebook erlaubt nun (so etwa reuters.com, 11.3.2022) Aufrufe zur Gewalt gegen russische Soldaten in der Ukraine.

Als gebürtiger Tscheche findet sich die Wut auf russische Besatzer in meiner Familien-DNA – die älteren Semester meiner Verwandtschaft erinnern sich noch an die Panzer in den Straßen ihrer Heimatstadt. Die russische Denkweise – und der Gehorsam russischer Soldaten – der das damals möglich machte, macht auch heute den brutalen Einmarsch in der Ukraine möglich.

Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass das, was wir als »Realität« in Sachen Ukraine wahrnehmen, tendenziell eher das ist, was die EU (mit moralisch fragwürdigen Gestalten wie Frau von der Leyen an der Spitze) und US-Tech-Konzerne (mit nicht einmal geleugneten Verbindungen zu US-Behörden) uns als »Realität« präsentieren wollen.

(Frage am Rande: Wie sachlich wird man in westlichen Medien die Warnung Russlands diskutieren, dass Waffenlieferungen an und in die Ukraine die entsprechenden Konvois zu legitimen Zielen für die russische Armee machen werden – womit Russland auch eventuell Fahrzeuge aus NATO-Staaten angreifen könnte; siehe businessinsider.com, 12.3.2022.)

Quasi sich selbst

Die russische Armee hat die Ukraine angegriffen, man hat Ukrainer getötet und auch zivile Objekte bombardiert. Es wurde Leid und Zerstörung in Europa entfesselt, die wir im 21. Jahrhundert zumindest in Europa gebannt zu haben glaubten. So viel wissen wir, und im Kern bestreitet Putin das ja auch nicht.

Wir wissen aber leider auch, dass wir, der ach-so-moralische Westen, dem Kriegsherrn Putin schon in den ersten Tagen einen »Sieg« schenkten: Wir, »der Westen« wurden ein Stück weit wie er, indem wir zensierten und bestimmten, was »Realität« sein soll, und was nicht.

Die EU und Medienkonzerne mit Verbindungen zu westlichen Regierungen haben ohne politisch-demokratisches Verfahren beschlossen, »Desinformation« zu bekämpfen, ohne überprüfbare Kriterien dafür anzugeben, was genau »Desinformation« eigentlich ist.

Die erschreckend wirksame verfangende »rhetorische Logik« dieser Sperren lautet: »Wir sperren Desinformationen, und wer dagegen ist, weil angeblich der Begriff ›Desinformation‹ nicht präzise definierbar sei, der will offenbar Desinformationen verbreiten, und also ist er als ›der Feind‹ zu behandeln.«

Unsere »erlaubten« Nachrichtenquellen aber, aus denen wir unsere »Realität« ableiten, sie wirken bei näherem Hinsehen immer mehr wie Informations-Waffen gegen die jeweiligen Feinde bestimmter interessierter Kreise.

Es findet ein Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine statt – und die mit US-Ministerien und US-Behörden verbundenen Tech- und Medienkonzerne kämpfen auf der anderen Seite im Infokrieg – bis hin zur Genehmigung von Gewaltaufrufen. Dass du auf der guten Seite im Krieg kämpfst, ändert nichts an der Tatsache, dass du im Krieg kämpfst.

Nehmen wir aber an, die USA würden wieder einem Land mit Energiereserven plötzlich »die Demokratie bringen« wollen. Werden dann dieselben Medien die US-Sichtweise zensieren – also teils quasi sich selbst?! Ach, schon die Frage ist lächerlich.

Dein letzter Irrtum

Ja, wir Menschen sind wunderbare Wesen in einer wunderbaren Welt. Und ja, es erscheint mir eines der größten der Wunder, dass wir bis hierhin überlebt haben.

Wir dürfen und sollten zutiefst dankbar sein, dass alle Versuche der Menschheit, sich von diesem Planeten wieder auszuradieren, bislang misslangen. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass das so bleibt.

Ich halte unsere Denkfehler, als Individuen wie auch als Kollektiv, für ein echtes Überlebensrisiko, ärger als Klimaveränderung oder Pandemien.

Am Ende gewinnt die Realität, das ist wahr, wer aber meint, dass sein Bild der Realität in allen Punkten wahr ist und vielleicht sogar die ganze relevante Realität darstellt, begeht zuverlässig einen üblen Denkfehler.

Wirklich wissenschaftlich Denkende (also nicht etwa »Glaubt der Wissenschaft!«-Propagandisten) wissen, dass all unsere Erkenntnis nur vorläufig ist. Deine beste Wahrheit ist nur dein letzter Irrtum, mit so wenig Fehlern, wie dir heute möglich ist.

Wahrheiten werden nicht nur dadurch real, dass wir uns so sehr nach einer sicheren, letzten Wahrheit sehnen.

Oder, poetisch gesagt: Suche nach Wahrheit, als ob du sie finden könnest, doch wenn du meinst, sie gefunden zu haben, dann wisse, dass du dich sicher irrst – und suche mit doppelter Anstrengung weiter!

Weiterschreiben, Wegner!

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