13.2.2021

Geisterfahrerin braucht Gas

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Maksym Sirman
Das Leben fühlt sich an, als wären wir Fahrgäste bei einer Geisterfahrerin, und übers Autoradio wird uns versichert: Das ist alternativlos! Richtig zu fahren ist unanständig!
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Um ein Volk zu verstehen ist es hilfreich, jene Worte seiner Sprache zu studieren, die als unübersetzbar gelten, und hier insbesondere jene, die es bis nach Übersee schafften, ja, die wie Jägermeister und die Knackwurst beinahe populärer als in ihrer Urheimat sind.

Damals, als wir noch Kulturvolk waren, damals verbreiteten sich die deutschen Unübersetzbaren weltweit – selbstredend auf Deutsch. Die Amerikaner kennen etwa sehr gut die deutsche Schadenfreude, das Fernweh und natürlich das Wunderkind. Manche Begriffe gibt es zwar konzeptuell auch anderswo, doch die deutsche Variante war derart überzeugend, dass man die deutschen Wörter einfach übernahm, wie die Knackwurst und den Kindergarten – womit wir fast schon bei der Politik des Tages wären!

Conductor Kamikaze

Zur Beschreibung der diversen verrückten Sonderwege der deutschen Politik bietet sich der unübersetzbare Begriff Geisterfahrer gut an (und natürlich der Witz mit der bekannten Pointe: »…einer? Tausende!«).

In anderen Sprachen wird das Konzept des Geisterfahrers eher in mehreren Wörtern konkret umschrieben. In Tschechien nennen sie Geisterfahrer aus naheliegenden Gründen auch flapsig »dárci orgánů«, was Organspender heißt (der Begriff wird aber auch für Motorradfahrer angewandt – die Tschechen haben ihren eigenen Humor). Extra schillernd ist eine spanische Variante: »conductor kamikaze«.

Die Kamikazepiloten wiederum waren japanische Spezialsoldaten, die sich für den Angriff auf feindliche Kriegsschiffe selbst opferten. Man könnte denken, dass die Piloten durch Folter oder üble Manipulation zu ihren Taten bewegt wurden, doch tatsächlich waren es wohl meist Freiwillige, die ihr Leben fürs Vaterland gaben.

Indem die Kamikaze-Piloten das ultimative Opfer brachten, hofften sie, die Niederlage noch abwenden zu können. (Hier, via Wikipedia, ein Foto junger Kamikaze-Flieger mit süßem Welpen, kurz vorm Einsatz im Mai 1945.)

Es mag uns heute fremd und fern erscheinen, sein Leben derart direkt für eine Sache zu opfern, von der man ja selbst wenig Nutzen davonträgt. Jedoch, es sei uns versichert: Jenen Piloten würde es fremd erscheinen, dass und wie man es nicht tun kann.

Für den Übergang Gas

Die deutsche Umweltministerin sagte im Deutschen Bundestag aktuell dies:

Wir wollen aus der Kohleverstromung aussteigen, und wir wollen aus der Nutzung von Atomstrom aussteigen. Wir werden die Atomkraftwerke abschalten. Das heißt aber: Wir brauchen für den Übergang Gas. (@spdbt, 11.2.2021)

Zur Energiepolitik der deutschen Regierung lässt sich schon länger keine Debatte führen, die »Debatte« genannt werden könnte. Eine nicht-sinnlose Debatte setzt immer eine grundsätzliche Einigung auf ein gewisses Prämissenfundament voraus. Etwa darauf, dass man gemeinsam überleben will, auch wirtschaftlich. Oder darauf, dass ein Atom-Ausstieg, der einfach nur Atomstrom von teils älteren Kernkraftwerken hinter der Grenze einkauft, kein Ausstieg ist, sondern eher ein Atom-Outsourcing. Oder darauf, dass es nicht recht zusammenpasst, den großen Weltmoralisten zu geben, während man sich unnötig (!) in Situationen begibt, die dazu führen werden, dass man immer weiter und immer mehr Geld an diktatur-ähnliche Staaten überweisen könnte.

Mit einem Kamikaze-Piloten würde ich nicht über Lebenspläne und Angst diskutieren (»Angst« ist ein angeblich sehr deutsches Wort), und auch nicht übers Bausparen (ebenfalls ein nur-deutsches Wort, das aber in der »Nullzins-Politik« der Euro-Ära auch für Deutsche einen eher nostalgischen als aktuellen Klang annimmt).

An ihrem Schnitzel

Nun sind die Deutschen heute nicht in der Situation, dass ein Geisterfahrer auf sie zu fliegt – es ist anders: Deutschland wirkt international immer mehr selbst wie der Geisterfahrer. Jungkommunistin Merkel sitzt am Steuer, ihre willigen Helfer in Politik und Presse treten mit aufs (russische) Gas – und die Deutschen sitzen als Passagiere mit drin – und die anderen Autofahrer auf der großen Autobahn überlegen, wie sie von der deutschen Verstimmung profitieren können.

Warum wird die deutsche Kamikazefahrerin nicht abgewählt? Nun, die meisten Passagiere sind damit beschäftigt, sich am Sitz festzuklammern. So ein Sturzflug kann ziemlich ruppig sein! Außerdem werden ja noch regelmäßig und gratis diverse Delikatessen ausgeteilt! Über die Lautsprecher und Bildschirme hören die Passagiere, während sie nervös an ihrem Schnitzel kauen, dass alles in Ordnung sei, dies sei der beste Flug aller Zeiten, und außerdem sei diese Geisterfahrt erstens moralisch und zweitens alternativlos. (Jemand hat geniest, und wir sagen: Gesundheit! Mögen Sie einen Schnaps?)

In die weite Welt

Meine Hoffnung und Zuversicht ist ja, dass, was auch immer das Schicksal des deutschen Geisterfahrers sein wird, doch die Schönheit der Begriffe erhalten bleiben möge – und damit die Begriffe – und damit die in den Begriffen eincodierte Weisheit. Ein Mensch kann sterben, während seine Schönheit in dieser oder jener Form erhalten bleibt. Wenn aber die Schönheit eines Begriffes bleibt, dann ist damit ja auch der Begriff erhalten geblieben – und andersherum!

Ja, dies scheint mir eine perfekte Zeit für gute deutsche Wörter zu sein! Man muss sie doch lieben, diese Begriffe, die es aus gutem Grund in die weite Welt hinaus geschafft haben. In diesem Essay habe ich sie jeweils kursiv gesetzt!

Die Welt betrachtet heute unseren Blitzkrieg gegen uns selbst, und sie tut es mit teils nicht-nur-heimlicher Schadenfreude. Man fragt sich, was für eine Weltanschauung es ist, von der die einstige Nation des Bildungsromans so kaputt gemacht wurde, welcher Zeitgeist?

Wo ist sie geblieben, die so vielgerühmte Aufklärung? Verboten! – Wir brauchen keine doofe Aufklärung, wir haben Problembewusstsein.

Statt Sauerkraut und Bratwurst essen die Krauts jetzt Müsli und Quark, und ihr Geist arbeitet sich längst nicht mehr am Welträtsel ab.

Oder ists der Rosenkavalier?

Wo einst stolz Rechtsstaat und Realpolitik herrschten, da raunt es heute wieder von Berufsverboten – und neuer Völkerwanderung. Statt Gründerzeit und Kulturgeschichte allerorten nur Wahneinfall und Witzelsucht.

Wir Lumpenproletariat sind fürwahr die Passagiere im Fahrzeug einer Geisterfahrerin.

Sturm und Drang, sie fehlen beide. Wo ist er, der Heldentenor? Kein großes Ideal mehr. Die Hausfrau hockt im Angstloch, und Katzenjammer ist bald das neue Leitmotiv der Gesellschaft. Was für eine Gestalt geben wir ab?

Von Horizont her klingt uns eine Nachtmusik – oder ists der Rosenkavalier? Über die Schwelle unseres Plattenbaus ist soeben ein Pudel ins Zimmer getreten, und was bringt er uns? Selbstverständlich Weltschmerz.

Wer kein Dummkopf ist, wird bald Realpolitik in eigener Sache treiben müssen.

Und, liebe Leser, fürs letzte international verwendete deutsche Wort in diesem Essay: Wir sind im Zugzwang.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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