21.01.2023

Hungerbrot und falsche Erdbeeren

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten
Als auch bei uns Krieg war, aßen wir Hungerbrot. Heute essen wir Joghurt mit Erdbeeraroma. Beides ist teilweise fake, aus demselben Grund! Wofür könnte das eine Metapher sein? (Ein Experiment für Zwischen-den-Zeilen-Leser.)
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Als Hunger herrschte, damals, im Großen Krieg und im Zweiten, da tat man Sägespäne ins Brot, und man nannte es »Hungerbrot«.

Bei welcher Tätigkeit jedoch fielen all diese Sägespäne an? Beim Bau von Särgen kann es wohl kaum sein, denn wer nahm sich damals, im Krieg, schon Zeit für sowas?

Im Krieg, da hob man ein Loch aus und warf den Leichnam hinein, und dann noch einen, und so weiter, dann etwas Kalk drauf, damit es nicht so stank, und dann gerade so viel Erde, dass die Hunde die Toten nicht gleich wieder ausgraben.

Bei welcher Holzarbeit also fielen so viele Sägespäne an? Beim Bau von Baracken für die Soldaten? Oder beim Bau von Galgen für die Deserteure? Oder beim Bau von Bunkern, oder von Kulissen, die den Feind verwirren sollten?

Ach, es ist ja alles nicht schön, was immer in Kriegszeiten getan wird, so dass Sägespäne dabei anfallen. Und diese Sägespäne füllen dann das Brot auf, weil für Weizen kein Geld mehr da ist, und für Roggen auch nicht.

Wie gut, dass heute kein Krieg mehr ist. Moment! Ich vergaß fast: Nebenan ist durchaus Krieg. Essen wir also wieder Sägespäne?

Wir essen Desserts, in denen Erdbeeraroma drin ist, und das hat mit Sägespänen zu tun – oder nicht?

Übermütig überspringend

Ich bin recht sicher, dass den meisten von Ihnen, liebe Leser, bis zum ersten Teil dieses Satzes, also bis jetzt (zumindest beim ersten Lesen – Sie werden dies eventuell gleich nochmal lesen, dann gilt das natürlich nicht mehr), dass Ihnen also bis hierhin nicht aktiv und vordergründig bewusst ist (respektive: war), dass in Deutschland ein »Bundesministerium für Bildung und Forschung« aktiv ist.

Klar, jetzt ist Ihnen das wieder bewusst, aber bis eben hätte niemand der regulären Leser hier – womöglich nicht einmal alle Angestellten jenes Ministeriums – auf die Bitte, spontan drei Ministerien zu benennen, ebendieses mit aufgezählt. Jedoch, es existiert, und es tut irgendwas, und es verbrät dabei ein Budget von aktuell 21,5 Milliarden Euro jährlich (laut bmbf.de, 25.11.2022).

Unter den wertvollen Produkten des »BMBF« findet sich eine Broschüre mit dem Titel »Weiße Biotechnologie – Chancen für eine biobasierte Wirtschaft« (PDF via bmbf.de, 2015).

Das »Weiß« steht hier übrigens für die Biotechnologie in der Industrie. Es gibt auch die »rote«, die steht für medizinische Anwendungen, die »goldene« für Bio-Informatik, und einen Regenbogen weiterer Farben – und schließlich die »schwarze«, die steht für Biotechnologie im Krieg.

In dieser Broschüre über weiße Biotechnologie lesen wir also:

So werden zahlreiche Geschmacksstoffe mit Hilfe von Mikroorganismen produziert. Erdbeeraroma wird beispielsweise mittels Pilzen gewonnen, die auf Sägespänen wachsen. (bmbf.de, 2015: »Weiße Biotechnologie«, S. 23)

Das Erdbeeraroma ist also nicht aus Sägespänen gemacht, sondern mittels Pilzen, die auf diesen Spänen wachsen. Und es handelt sich wohl ebenfalls um die Umgehung eines Mangels, ein »Hungeraroma« quasi, denn irgendwer sagte mal, dass gar nicht so viele Erdbeeren existieren, wie viel es überall Erdbeeraroma braucht.

Nun doch getan

Und wenn Ihnen all das zu makaber schmecken sollte, dann seien Sie bitte froh, dass ich nicht das »Blutbrot« erwähnte (was ich damit nun doch getan habe).

»Blutbrot« war Brot, das man mit Blut strecken wollte, und zwar dem Blut, das beim Schlachten der Tiere anfiel – bis man feststellte, dass erstens die Leute nicht einmal in der Not sowas essen wollen, und zweitens im Krieg auch das Schlachten – zumindest das der Tiere – weniger wird.

Wir können heute froh sein, dass zwar womöglich in unserem Joghurt die Produkte irgendwelcher auf Sägespänen wachsenden Pilze drin sind, aber immerhin im deutschen Brot wirklich nur Brot drin ist, gutes deutsches Brot – und alle Leser im außerdeutschen Ausland seufzen an dieser Stelle wehmütig.

Liebe heimliche Kunden

Ja, ich hungere in diesen Tagen, und ich mische mir – und damit Ihnen – etwas geistiges Brot aus den Sägespänen alter Gedankengebäude. Der Essayist von heute ist doch ein intellektueller Schwarzmarkthändler – oder nutzlos.

Und dann merke ich mit jedem Bissen meines selbst gebackenen Hungerbrotes etwas fürwahr merkwürdiges: Diese aromatisierten Sägespäne, die ich Ihnen hier vorbacke, sie schmecken mir bald besser als das Fake-Brot, das uns von den Autoritäten als das tägliche gereicht wird.

In diesem Geiste also, liebe heimliche Kunden des intellektuellen Schwarzmarkts, liebe Zwischen-den-Zeilen-Leser und Sich-dran-Versucher: Wohl bekomm’s!

Und, was meinen Sie?

Besprechen Sie diesen Text mit mir in den Kommentaren auf YouTube – ich freue mich, Ihre Meinung zu erfahren!

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