26.03.2021

Das Containerschiff steckt fest

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Matin Tavazoei
Das riesige Schiff, das sich im Sueskanal festgefahren hat, es erinnert mich an Deutschland. Ein Unterschied: Die, die es zu retten versuchen, werden nicht als »Rechte« oder »Verschwörungstheoretiker« beschimpft.
silhouette of ship on sea during sunset
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»400-Meter-Frachter rammt Hadag-Fähre – Wie konnte das passieren?«, so titelte und fragte man am 11.2.2019 bei bild.de.

Eines der größten Containerschiffe der Welt, das 400-Meter-Containerschiff »Ever Given« war in Hamburg vom Kurs abgekommen, hatte eine Fähre sowie den Hamburger Anleger Blankenese gerammt. Mögliche Ursache der Kollision waren Windböen – offiziell gemessen wurde allerdings »nur« Windstärke 6. An Bord der Fähre, die in bis zu 45 Grad Schräglage geriet, waren zu dem Zeitpunkt »nur« der Kapitän und ein weiteres Crewmitglied, die aber erlitten, so bild.de, »einen schweren Schock«.

Derselbe Superfrachter ist dieser Tage nun wieder in den Nachrichten, und wieder ist er vom Kurs abgekommen – und diesmal ist der Schaden größer als »nur« eine Hamburger Fähre – diesmal ist der Schaden global.

(Vorabnotiz: Das Schiff heißt »Ever Given«, auch wenn man auf den Fotos sieht, dass auf dem Schiffsrumpf in riesigen Lettern »EVERGREEN« steht – der Betreiber der Schiffes ist die »Evergreen Marine Corporation«, evergreen-marine.com; siehe auch insider.com, 15.3.2021.)

Am Dienstag, dem 23. März 2021, um 7:40 Uhr Ortszeit, lief die Ever Given im Sueskanal auf Grund; die Ursache war nach Angabe der Betreiber wohl wieder starker Wind (evergreen-marine.com, 26.3.2021 (PDF): »Gusting winds of 30 knots caused the container ship to deviate from its course, suspectedly leading to the grounding«, zu Deutsch: »Böige Winde um 30 Knoten ließen das Containerschiff von seinem Kurs abweichen und auf Grund laufen«).

Die Ever Given liegt nun quer im Sueskanal (für ein Luftbild siehe welt.de, 24.3.2021) – und blockiert den Kanal für alle anderen Schiffe.

Nun passiert es alle paar Tage, das irgendwo auf der Welt ein Schiff auf Grund läuft, doch dies ist nicht »irgendwo«. Der im Jahr 1869 eröffnete, heute knapp 200 Kilometer lange Sueskanal (siehe Wikipedia) zwischen den ägyptischen Hafenstädten Port Said und Port Taufiq erlaubt es Schiffen, bei der Fahrt vom Indischen Ozean zum Atlantik die lange (und nicht nur wettertechnisch immer wieder gefährliche) Fahrt um Afrika herum zu vermeiden, also Tausende Kilometer und über eine Woche auf See weniger.

Und nun ist der Sueskanal eben komplett blockiert – und damit 12% der weltweiten maritimen Güterschifffahrt (cnbc.com, 25.11.2021).

Aktuell (Stand Freitag 26.3.2021) bereitet sich ein Team des holländischen Schiffshavarie-Bergungs-Spezialisten Smit Salvage (smit.com) vor, die »Ever Given« aus ihrer verkeilten Position herauszuholen (tradewindnews.com, 25.3.2021) – die aktuelle Position sehen wir übrigens bei vesselfinder.com.

Es wird aktuell gewarnt, dass es Wochen dauern könnte, bis die Ever Given geborgen ist (tradewindnews.com, 25.3.2021). Den Bergungsprofis stehen verschiedene, teils sehr aufwändige (sprich: teure) Methoden und Werkzeuge zur Verfügung, vom Leeren der Tanks über Tauchteams bis zu riesigen Kränen und Lasthubschraubern, welche Container von Bord schaffen könnten.

Die Herzen des weltweiten Publikums hat allerdings bereits heute ein kleiner ägyptischer Bagger gewonnen, der versuchte, die Spitze des verkeilten Schiffes freizugeben.

Weil Witz-Websites heute nicht weniger seriös als manche Nachrichtenseite sind, können wir zur Illustration auch 9GAG zitieren: »Just keep digging!« – Wir sehen das Bild eines eigentlich ganz formidablen Baggers, der im Vergleich zum riesigen Schiff verschwindend klein wirkt, und doch tapfer bemüht ist, die Spitze des Riesen aus dem Dreck zu befreien.

»These two guys and their digger are currently trying to save global trade«, hieß es, mit Foto eines anderen Baggers, bei 9gag.com; zu Deutsch etwa: »Diese Beiden und ihr Bagger versuchen gerade, den Welthandel zu retten.«

Ich hätte nicht gedacht, dass ich Empathie für eine Baumaschine empfinden könnte, doch heute, das gestehe ich gern, heute fühle ich, was dieser (nur im Vergleich zum maritimen Superriesen) »kleine« Bagger fühlt, wenn er recht hilflos bemüht ist, ein verkeiltes Containerschiff wieder freizubekommen – und all das in der Hoffnung, dass bald die »richtigen« Profis ankommen und übernehmen – und mit dieser hilflosen Hoffnung wären wir natürlich bei den Nachrichten des Tages!

Mein nicht-flimmerndes Herz

Ich betrachte die Nachrichtenlage, und nach dem blockierten Sueskanal und dem kleinen Bagger springt mir eine weitere Metapher in Geist und Finger. (Einen Nutzen muss das Chaos doch haben!)

Die Nachrichtenlage in Deutschland lässt mich an einen bestimmten Moment meines Zivildienstes denken. Ich war damals tatsächlich überrascht, als ich erfuhr, dass ein Defibrillator (der »Herz-Elektroschock« mit den zwei Metallplatten) nicht, wie ich gedacht hatte, dafür da ist, ein stillstehendes Herz wieder zum Schlagen zu bewegen, sondern um ein via »Flimmern« oder »Flattern« quasi »durchdrehendes« Herz erst einmal komplett anzuhalten!

Nun ist es nicht so, dass ein Herzkammerflimmern als rasend schneller Puls messbar wäre – es ist überhaupt kein Puls messbar. Damals wie heute erwärmte die metaphorische Kraft dieser Tatsache mein nicht-flimmerndes Herz: Ein »verrückt gewordenes« Herz ist von einem gar nicht mehr schlagenden Herz nicht zu unterscheiden; beide müssen neu gestartet werden – und nicht immer gelingt es, doch man versucht es.

Gemeinsam und ohne Maske

Im Staatsfunk pendelt Herr Lauterbach von Talkshow zu Talkshow (zuletzt etwa bei Maybritt Illner, siehe tichyseinblick.de, 26.3.2021), um Panik zu verbreiten, um mit anderen Wanderprominenten gemeinsam und ohne Maske zu diskutieren, warum genau solche Treffen verboten werden sollten. Im Failed State Berlin werden, so aktuelle Meldungen (welt.de, 25.3.2021), Islamisten mit Millionen Euro finanziert und in die »Kommission gegen antimuslimischen Rassismus« berufen. Die Merkelbande und ihre Kollaborateure haben abgenickt, dass die EU eigene Schulden aufnehmen kann (welt.de, 25.3.2021). Doch immerhin gibt es eine, wenn auch etwas bittersüße, Hoffnungsnachricht: In einem der zahlreichen CDU-Korruptionsskandale um Maskenkäufe wurde, so liest man (etwa tagesspiegel.de, 25.3.2021) wohl ein Verdächtiger verhaftet – der Name wird nicht genannt, es ist ja kein Oppositioneller.

Ich hoffe (und gehe einfach mal davon aus) – und jetzt wird die Metaphernkombination geradezu wild – ich hoffe, dass Sie es nachempfinden können, warum die Nachrichtenlage mich an Herzkammerflimmern erinnert, ähnlich wie ich mich empathisch mit dem »kleinen« Bagger in Ägypten am Sueskanal verbunden fühle.

Als »Defibrillatoren«

Die Situation unseres Staates erinnert an die Lage der Ever Given – ein riesiger Tanker ist verkeilt. Wir aber, die Essayisten, die Selbstdenker und Realitätsfreunde, wir könnten uns wie der kleiner Bagger vorkommen, viel zu klein, und doch drängt es uns, es zu versuchen. Der Verstand sagt: »das geht nicht«, doch die Seele sagt: »Versuch es dennoch!«

Jede Metapher findet ihre Grenzen: Im Fall des tatsächlichen Schiffes im Sueskanal werden die Retter, ob hilflos oder hoffnungsvoll, ob engagierte Amateure oder Vollzeitprofis, (hoffentlich) nicht wie im deutschen Propagandastaat heute üblich übel beschimpft, beleidigt und bedrängt.

Wir könnten ja die andere Metapher versuchen: Unser Land leidet an Herzkammerflimmern, was aber soll der Defibrillator sein? Es graust ein wenig, wenn man bedenkt, welche Ereignisse und Akteure in der Geschichte als »Defibrillatoren« fungierten – es ist besser für die Magensäure, zur Metapher des feststeckenden Schiffes zurückzukehren.

»Kann der Tanker Deutschland noch die Richtung wechseln?«, so fragten wir 2018. Nun, er hat sie nicht gewechselt, nicht rechtzeitig, und jetzt hat er sich im Sueskanal der Geschichte verkeilt.

Das Schiff steckt fest, alle Motoren laufen, doch es produziert nicht viel mehr als ein Flimmern.

Die Kunst ist, liebe Leser, dass wir nicht selbst zum feststeckenden Schiff werden. Eine der ersten Aufgaben des Deutschen ist es heute, klüger zu sein als sein Staat.

Die andre Kunst aber ist, und da spreche ich mir selbst Mut und Kraft zu, seine Rolle als »kleiner Bagger« mit Stolz anzunehmen.

Frage: Warum baggerst du, kleiner Bagger? Siehst du nicht, wie groß das Schiff ist, und wie klein du bist?

Antwort: Was sonst soll ich tun? Ich baggere, weil zu baggern meine Aufgabe ist – und vielleicht besinnt sich das riesige Schiff ja auch bald wieder auf seine Aufgabe.

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