02.02.2021

Madeniska und der Kill Switch

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Yue Su
Natürlich könnten Regierungen ihre Standpunkte begründen und Politik für Menschen machen, sich den Wahlen und dem Willen des Volkes unterwerfen – oder sie können, und das wird immer populärer, einfach das Internet ausschalten!
person fishing in a body of water during nightime
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In einer Welt, die der unseren in manchem Aspekt ähnlich ist, jedoch nicht ganz gleich, da wird eine Publikation herausgegeben, die heißt »Magazin der Nicht-Skandale«, abgekürzt »Madeniska«, und die Madeniska ist eine »Monatsschrift für Nachrichten, deren Skandal es ist, dass es kein Skandal ist«.

Es ergibt sich aus der inneren Begriffslogik, dass das Madeniska erfolglos ist, und dass es auch erfolglos bleiben muss (sonst wären die beschriebenen Nicht-Skandale ja eben doch Skandale, womit ein Erfolg des Magazins ihm ja die Geschäftsgrundlage entzöge).

In der aktuellen Ausgabe jenes spektakulär erfolglosen wie auch leider zugleich grandios wichtigen Madeniska lautet die große Schlagzeile auf der Titelseite: »Einige Leute hatten vorübergehend kein Internet« (Wir beginnen zu verstehen, warum das Madeniska sich derart schlecht verkauft, dass Zeitungskioske am Ende des Monats gelegentlich mehr Remittenden zurückschicken, als der Verlag überhaupt ausgeliefert hatte.)

Jene parallele Welt unterscheidet sich eigentlich nur dadurch von der unseren, dass dort ein Madeniska existiert und hier nicht, sowie natürlich dadurch, dass Kühe dort allesamt lila sind, was die Marketingabteilung von Milka vor unlösbare Probleme stellt und auch die Karriere von Seth Godin erheblich erschwerte, doch von den lila Kühen und der Existenz des Madeniska abgesehen sind alle übrigen Nachrichten weitgehend gleich.

In der Hauptstadt selbst

In der Titelgeschichte der Madeniska-Ausgabe 2/2021 (wir erinnern uns: »Einige Leute hatten vorübergehend kein Internet«) wird gleich zu Beginn von indischen Bauern berichtet; die Zwischenüberschrift lautet: »Diese Bauern in Indien sind ein paar Tage offline« (Beim Madeniska hat man irgendwann aufgegeben, schlechte Überschriftenschreiber zu feuern und neue einzustellen – irgendwann hatte man schlicht alle Kandidaten auf dem Arbeitsmarkt durchrotiert.)

In Neu-Delhi, Indiens Hauptstadt, demonstrieren seit nun zwei Monaten mehrere Hundert Bauern gegen ein neues Gesetz, und vereinzelt wurden die Proteste auch etwas »robust«: Bauern auf Traktoren wichen von den geplanten Protestrouten ab und legten sich mit der indischen Polizei an (aljazeera.com, 1.2.2021). Die indische Regierung hat nun auf die Proteste der Bauern reagiert – indem sie das mobile Internet rund um die Proteste kappte (bbc.com, 31.1.2021, news.sky.com, 31.1.2021).

Das Madeniska berichtet (wie auch die späteren Absätze in den erwähnten Artikeln es tun), dass das Kappen des mobilen Internets in Indien aus politischen Gründen nicht ungewöhnlich ist, doch dies ist das erste Mal, dass es in der Hauptstadt selbst geschieht.

Die aktuelle Madeniska-Ausgabe weiß weiter zu berichten, dass Internet-Sperren aus politischen Gründen nicht nur in Indien nicht unüblich sind, sondern dass sie weltweit gang und gäbe sind!

»but it’ll always be Burma to me«

Myanmar ist Seinfeld-Kennern aus »The Foundation« bekannt (siehe YouTube: »You most likely know it as Myanmar, but it’ll always be Burma to me.«), und in jenem südostasiatischen Land zwischen Indien, China, Thailand und dem Golf von Bengalen (siehe Karte bei Wikipedia) passiert aktuell etwas, das man üblicherweise einen Putsch oder einen Coup nennt.

Aung San Suu Kyi, eine indische Politikerin, die laut Wahlbeobachtern (denen man trauen kann oder nicht) klare Wahlgewinnerin ist und Gewinnerin desselben Nobelpreises wie Drohnenkrieger Obama sowieso, wurde festgesetzt. Das Militär übernahm Macht und Kontrolle (bbc.com, 1.2.2021).

Zum ersten Mal seit 1962 wurde also in Myanmar eine zivile Regierung vom Militär abgesetzt, so viel scheint festzustehen, doch was im Detail exakt passiert, das ist nicht einfach festzustellen: Mobile Internetverbindungen wurden vielerorts gekappt, laut netblocks.org, 1.2.2021 fiel die Internet-Erreichbarkeit des gesamten Landes zwischenzeitlich auf 50% ihres üblichen Niveaus.

Zwischen Internet-Blackouts

Die Seite netblocks.org listet augenscheinlich politisch motivierte Internet-Blockaden weltweit, und es finden sich genau die Namen darauf, die man erwarten würde, also Russland, Iran, Uganda, Pakistan, Äthiopien, Cuba, Tanzania oder Guinea – und bei den meisten besteht ein mindestens zeitlicher Zusammenhang zwischen den Internet-Blackouts und anstehenden Wahlen oder anderen »demokratischen« Umwälzungen.

(Randnotiz: Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, dass alle medialen Projekte gewisse blinde Flecken haben. Das auch in Deutschland populäre, von Russland finanzierte »RT« wird keine harsche Putin-Kritik publizieren, der deutsche Staatsfunk wird keine ernste Merkel-Kritik bringen solange sie brav »Kurs hält«, und auch bei netblocks.org fehlen mir Berichte über den jüngsten »digitalen Coup« in den USA. Aber gut, wer auf dem einen Auge blind ist, kann noch immer mit dem anderen scharf und richtig sehen.)

Netz und Nervenstränge

Es war bekanntlich Marshall McLuhan, der für moderne Medien die Metapher der erweiterten Sinne und Nervenstränge verwendete – das Sprachbild ist aus sehr gutem Grund zum Teil unseres Ideenvorrats geworden, und wir sollten es gemeinsam weiterdenken!

Manchmal, wenn ich »wir« sage oder »die Gesellschaft«, entgegnen mir Neunmalkluge (zu denen auch ich selbst gehören kann…), dass es doch die Gesellschaft nicht gäbe, sondern immer nur einzelne Individuen (wir kennen das von einer Religion, die bestimmte Rechte beansprucht, während sie zugleich behauptet, es gäbe »die« Religion X doch gar nicht).

Nun, wenn wir davon ausgehen, dass wo komplexe Nervenstränge ein aktives Netz bilden, sei es beim Tier oder beim Menschen, auch davon auszugehen sei, dass es eine Form von Ich gibt, ein gemeinsames Wesen.

Erschreckend viel Rückendeckung

Wenn Regierung, Militär oder Konzerne das Internet ganz oder teilweise abschalten, oder wenn sie wie im Vorfeld der »Wahlen« 2020 in den USA, massiv in die natürliche digitale Kommunikation der Menschen eingreifend, etwa nur Nachrichten zulassen, die ihrem Kandidaten nutzen, dann greifen sie direkt in das Nervensystem des kollektiven Wesens ein.

Stellen wir uns vor, dass die Regierung sich anmaßen würde, Bürger mit allzu regierungskritischen Gedanken zur Hirnoperation zu zwingen (in den linksakademischen Kreisen der USA übt man sich ja länger schon in »politischer Phrenologie«, siehe Wikipedia oder scientificamerican.com). Im Propagandastaat Deutschland hätte sie heute wahrscheinlich erschreckend viel Rückendeckung dafür, doch es würde (noch) auch große Empörung weltweit hervorrufen.

Wer als Regierung den Bürgern das Internet abschaltet, damit sie sich nicht zur Demonstration verabreden können, der könnte genauso den Menschen die Nerven durchschneiden, die zur Hand führen, welche ein Protestplakat hochhält.

Etwas anderes als Wasser

Ach, hätte die Madeniska nur bessere Überschriftenschreiber gehabt! – »Einige Leute hatten vorübergehend kein Internet« ist nun wirklich eine sehr schwache Schlagzeile.

Das Internet abzuschalten bedeutet heute etwas sehr anderes als wenn etwa vorübergehend das Wasser abgedreht wird, oder sogar – oh Panik! – die Versorgung mit Klopapier ausfällt.

Wer die Kommunikation der Menschen untereinander durchtrennt (oder die Kommunikationsmöglichkeit des US-Präsidenten mit seinen Wählern), der trennt die Nervenstränge des kollektiven Wir durch. (Wenn man es bei Individuen täte, gälte es dann nicht als Kriegsverbrechen?)

Das sogenannte »Debarking« ist ganz selbstverständlich in Deutschland verboten wie auch geächtet; es handelt sich, wie der englische Begriff »debarking« schon besagt (wörtlich »entbellen«), um einen operativen Eingriff, der dem Hund die Möglichkeit zum Bellen nimmt; siehe Wikipedia. – Weit weniger geächtet ist es, ganze Völker digital zu »entbellen«, ihnen mal eben die Möglichkeit zu nehmen, als Kollektiv koordiniert und in einer lauten Stimme zu reden.

In Indien, in Myanmar, in Amerika, in Uganda und anderswo wird aktiv von den Mächtigen in die »kollektiven Nervenstränge« eingegriffen. Auch in Berlin und Brüssel wird seit Jahren über den »Kill Switch« debattiert (zeit.de, 4.2.2011, focus.de, 30.7.2014), global gesehen ist der anlassbezogene Blackout längst nicht mehr ungewöhnlich (vergleiche etwa nzz.ch, 4.1.2019). Wenn die Erfahrung uns etwas lehrt, dass wenn die Mächtigen ihre Macht bedroht sehen, irgendwelche UNHCR-Vereinbarung sehr schnell den Weg der Gänseblümchen gehen.

Der Skandal ist, dass es kein (weit größerer) Skandal ist, dass es niemand wirklich auf die Titelseiten hebt, außer natürlich jene »Monatsschrift für Nachrichten, deren Skandal es ist, dass es kein Skandal ist«, kürzer »Magazin der Nicht-Skandale« – und selbst dieses Madeniska mit den haarsträubend schlechten Überschriften existiert nur in einer parallelen Welt.

Ich selbst kann mein Bestes geben, von Zeit zu Zeit einen Nicht-Skandal eben doch zum kleinen Skandal werden zu lassen. Ich kann versuchen, das Lästige, aber ungeahnt Wichtige eben doch zu berichten, ein eigenes »Madeniska« zu betreiben (möglichst mit besseren Schlagzeilen als jene merkwürdige Monatsschrift).

Was also sollen wir tun? Was können wir tun?

Von legalen, aber regierungskritischen Demonstrationen in Deutschland hört man, dass es sich schon länger empfiehlt, nicht auf Mobilfunk zu setzen – die Netze sind regelmäßig schnell überlastet, was die Koordination untereinander (und auch das Aufgreifen und Isolieren von Provokateuren…) fast unmöglich macht – außer natürlich, man setzt auf eigene, unabhängige Kommunikationsmittel.

Ich als Ihr treuer Essayist kann versuchen, die skandalösen Nicht-Skandale in hoffentlich unterhaltsame Zeilen zu verpacken, und sie eben doch schmackhaft und erzählbar werden zu lassen – zum Beispiel mit schrägen Geschichten von kuriosen Zeitschriften in parallelen Welten.

In diesem Geiste also, liebe Madeniska-Leserschaft: Lassen Sie uns die Nerven bewahren!

Weiterschreiben, Wegner!

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