20.11.2021

Mehr Pizza wagen

von Dushan Wegner, Lesezeit 2 Minuten
Restaurant-Gänger wären überrascht, was Köche feiner Speisen nach der Arbeit privat essen. Wer den ganzen Tag lang mit teuren Trüffeln, Hummer und anderem edlen Zeug zu tun hat, dem ist danach schon mal nach 'ner simplen Pizza oder einer Bulette.
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Mein erster Schülerjob war in einem Hotel in Bad Aibling, das ist bei Rosenheim, in Bayern. Ich tat, was eben so anstand. Ich fegte die Tiefgarage, räumte den Keller auf, oder ich half in der Küche aus.

Eine Sache überraschte mich damals besonders. Die Köche zauberten täglich und stundenlang leckere, aufwändige Spezialitäten für die Gäste, teils traditionell bayerische Küche, teils italienisch oder französisch, immer auf den Punkt.

Für sich selbst aber, wenn sie endlich zum Essen kamen, kochten die Köche keine komplizierten Speisen, nahmen nichts vom edlen Fisch, nicht von den feinen Pilzgerichten, obwohl sie es durften, ja sogar sollten. Für sich selbst machten die Köche überraschend simples Essen. Einfaches Fleisch, Kartoffeln, manchmal nur ein Apfel.

Vielleicht war es nur eine Eigenart dieser Köche, so dachte ich damals, und vergaß es wieder.

Jahre später lernte ich in Köln den Koch eines wirklich feinen Restaurants persönlich kennen, und da wiederholte sich meine erstaunte Beobachtung. Für die Gäste bereitete er feinste Gerichte zu, und mancher seiner Gäste war, wie man so sagt, »bekannt aus Funk und Fernsehen« – Köln ist ja die Stadt von WDR, RTL und ungezählten Produktionsfirmen.

Dieser Koch aber, wenn er durch war mit all den gehobelten Trüffeln, dem fein geschnittenen Kalbsfleisch und all den anderen Speisen, deren Namen ich mir nie länger als 10 Sekunden merken kann, was aß er selbst?

Eine Pizza.

Er bestellte sich seine Feierabend-Pizza (für ihn brauchte die Bestellung nur 1 SMS an einen Kollegen). Er holte sie später ab und dann aß er sie daheim mit hochgelegten Beinen, dazu gönnte er sich ein kaltes Kölsch.

Natürlich bestellte er die Pizza nicht »irgendwo«. Natürlich stellte er Ansprüche an seine Pizza, doch die betrafen die perfekte Zubereitung, nicht die Komplexität. Nachdem er den Tag lang komplizierte, aufwändige Speisen geschaffen hatte, wollte er selbst erstmal eine einfache Pizza essen. Oder simple Pasta. Oder – oh Schreck! – eine Bulette mit Senf.

Es steckt vermutlich eine Lektion fürs Leben darin: Wer die edelsten Leckereien der Welt kennt, und wer sich daran auch nach Gusto bedienen kann, der findet oft genug im Privaten neue Freude an den einfachen Dingen.

Ich habe nichts gegen Kalbsmedailions, Hummerspaghetti oder Ochsenbäckchen – soll doch ein jeder essen, was ihm hilft, jedem einzelnen Tag die tägliche Dosis Glück abzuringen.

Und doch frage ich mich, ob nicht Weisheit darin läge, den 100-Euro-Edel-Italiener zu überspringen, und sich gleich an den einfachen Dingen zu erfreuen. – Wir sollten unbedingt Vergleiche anstellen!

Ach, nach all diesem Reden über edles wie auch einfaches, auf jeden Fall aber leckeres Essen, habe ich zumindest Hunger bekommen. Ich wünsche uns einen guten Appetit!

Weiterschreiben, Wegner!

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