1.2.2021

Alter Luxus, neue Dekadenz

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Ricardo Gomez Angel
Vor bald 11 Jahren schrieb Guido Westerwelle einen seiner bekanntesten Sätze, den von der »spätrömischen Dekadenz«. Es war ein prophetischer Satz – und es war auf eine Weise prophetisch, die wir vielleicht erst heute zu sehen beginnen.
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»Opulentia paritura mox egestatem«, lautet eine Fußnote in Montesquieus Vom Geist der Gesetze. Die Fußnote selbst ist an einen der berühmtesten Sätze jenes Werkes angehängt, an den letzten Satz im vierten Abschnitt des siebten Buches.

Jener Satz bei Montesquieu lautet: »les républiques finissent par le luxe, les monarchies par la pauvreté«, zu Deutsch: »Republiken enden durch Luxus, Monarchien durch Armut.« (Link zu dieser Stelle bei fr.wikisource.org (ein klein wenig hochscrollen); Link zu dieser Stelle in einer englischen Ausgabe von 1899)

Montesquieu wiederum zitiert in jener Fußnote aus der Geschichte Roms (bekannt als »Epitome rerum Romanorum« oder schlicht »Epitom«) des römischen Geschichtsschreibers Florus.

Der ganze Satz bei Florus aber lautet: »Aut magnificus apparatus conviviorum et sumptuosa largitio non ab opulentia paritura mox egestatem?« (vergleiche monumenta.ch), zu Deutsch etwa: »War nicht auch der üppige Prunk der Bankette und üppigen Großzügigkeiten auf einen Reichtum zurückzuführen, dem bald Mangel folgen musste?«

(Wessen Latinum schon arg lang zurückliegt, der kann sich das gesamte Werk auch auf Englisch durchlesen; die von Montesquieu zitierte Passage findet sich im Schluss-Abschnitt des ersten Buches (nach der Aufteilung in 2 Büchern) – URLs via penelope.uchicago.edu, aktuell und überprüft am 31.1.2021.)

Selbstverständlich war es Anlass

Wenn es das Schicksal der Propheten ist, dass sie oft selbst nicht sagen können, wie sich bewahrheiten wird, was ihre Worte sagen – ja oft nicht einmal merken, dass sie prophetisch reden – und wenn man bereits mit einer Prophetie zum Propheten werden kann… dann war Guido Westerwelle ein Prophet.

In seinem Gastkommentar für die Welt, betitelt »Vergesst die Mitte nicht«, schrieb Guido Westerwelle vor elf Jahren:

Die Missachtung der Mitte hat System, und sie ist brandgefährlich. Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein. (Guido Westerwelle, in: welt.de, 11.2.2010)

Wir erinnern uns vielleicht, wie die linken Intellektualitätsimitatoren in Fernsehen und Feuilletons die Passage als das lasen, was manche von ihnen »Klassismus« nennen, als grobe Herabwürdigung der Armen und Gestrauchelten.

Selbstverständlich war es Anlass zur ganz großen Empörung – wem die eigene Moral als eine Art »Empörungsviagra« dient, und wer noch dazu medientäglich auf dem Moralstrich anschaffen geht, um die Miete seiner Altbauwohnung in Gehweite zur Redaktion zu bezahlen – nun, diese Metapher schreibt sich selbst zu Ende.

Wer sich empört, der erspart sich das Argumentieren und das Denken – und das Dazulernen sowieso. Wenn sein Lautsprecher laut genug ist, »erspart« er auch seinen Hörern das Denken und Dazulernen.

Kaum jemand las damals Westerwelles Original-Kommentar (und noch weniger dachten über diesen nach). Der Text ging so weiter:

An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern. In vielen aufstrebenden Gesellschaften andernorts auf der Welt wird hart gearbeitet, damit die Kinder es einmal besser haben. Bei uns dagegen wird Leistung schon im Bildungssystem gering geschätzt: Wir debattieren Einheitsschulen und das Ende der Notengebung. Dabei muss doch gerade die Jugend lernen, dass Leistung keine Körperverletzung ist. (Guido Westerwelle, in: welt.de, 11.2.2010)

Ja, es war prophetisch, und es war wahr – es ist wahr – und es ist auf eine Weise und in einer Konsequenz wahr, die damals vielleicht nicht einmal Westerwelle selbst bewusst war.

»Der Staat hat’s ja«-Stimmung

Die deutsche Debatte war 2010 von Hartz IV geprägt (und einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, auf welche Westerwelles Kommentar reagierte), von der 2008 einsetzenden Finanzkrise und natürlich von der Griechenlandkrise.

In einer solchen allgemeinen »Der Staat hat’s ja«-Stimmung, angeheizt von den Zwangsgebühr-Journalisten der offen FDP-feindlichen Journaille, war Westerwelles Kommentar ein Skandal – und wie man Westerwelle so kannte, wohl auch als solcher geplant.

Westerwelle sprach, wie es sich für einen FDP-ler alter Schule gehört, in der Terminologie einer Leistung, die sich im wirtschaftlichen Geldwert bestätigt.

Leistung jedoch, und hier war Westerwelle geradezu prophetisch, ist nicht nur etwas, das als Gegenwert zum Gehalt erbracht wird – das Funktionieren einer Gesellschaft ist davon abhängig, dass in einer Reihe von Tätigkeitsfeldern echte Leistung erbracht wird, für die erstmal keine direkten Geldzahlungen geleistet werden (und hier meinen wir nicht einmal das Ehrenamt).

Ich zitiere gern (etwa im Text »Risse in der Mauer des Bullshits« von 2017) meine Großmutter und ihren bissigen Spruch: »Denken tut weh« – und ich möchte manchmal ergänzen: »… und wenn das Denken nicht weh tut, haben wir dann überhaupt richtig nachgedacht?«

Es ist weit, weit mehr als nur das Wehklagen freier Essayisten, wenn wir besorgt konstatieren, dass auch die allgemeine Denk-Leistung verpönt ist.

Immer wieder habe ich (etwa im Essay »Es gibt kein Recht auf Dummheit« von 2016) zum Be- und Durchdenken der vielen kausalen Zusammenhänge gesellschaftlichen Handelns aufgerufen (und zur Dummheit habe ich als Ad-Hoc-Theorie aufgestellt, sie sei das fahrlässige Ignorieren von Zusammenhängen, und ein Mensch würde »dumm« genannt werden, wenn er »regelmäßig relevante Zusammenhänge ignoriert«).

Zusammenhänge und Auswirkungen zu bedenken ist eine Leistung, die zu leisten uns förmlich weh tun kann, denn auch das Gehirn ist eine Masse und als solche träge.

Noch mehr Schmerzen als das Erbringen von Denkleistung bereiten später die Konsequenzen des Nichtdenkens, doch daran denkt einer, der nicht denkt, ebenfalls nicht.

Denkbare und einige bislang undenkbare

Wir reden heute viel von Krankheiten, von Infektion und von Symptomen. Das Corona-Virus und seine Pandemie aber und die deutsche Politik verhalten sich in einer auffallenden Eigenschaft genau gegenteilig.

Nicht wenige jener, die positiv auf das neue Corona-Virus getestet werden, erkranken tatsächlich nicht oder nur mit recht leichten Symptomen an COVID-19 – es liegt also eine Ursache mit recht überschaubarer Wirkung vor.

Bei der Regierung verhält es sich aber umgekehrt: Die Berliner und Brüsseler Politik versagt bei der Covid-Politik auf alle nur denkbaren und einige bislang undenkbaren Weisen – doch sie sieht keinerlei Ursachen für das, was man bald die »neue deutsche Krankheit« nennen sollte.

Während Regierungen wie die von Boris Johnson, Benjamin Netanyahu oder die Regierung der USA (welche das Trump-Programm frech plagiiert und weiterführt, während sie genau darüber schimpft; siehe bloomberg.com, 21.1.2021) innerhalb der westlichen Welt vergleichsweise erfolgreich sind, versagen die von der deutschen Propaganda hochgejubelten Merkel in Berlin oder von der Leyen in Brüssel in geradezu peinlicher Dimension.

Die Erfolge der Feinde linksgrüner Ideologen haben mit den Misserfolgen der linken Lieblinge gemeinsam, dass sie in linker Denkart nie etwas mit den Verantwortlichen zu tun haben.

Was Deutschland noch an Reichtum besitzt, das besitzt es als Rest aus den Zeiten, als wir klug und fleißig waren, als wir Konsequenzen bedachten und Handlungen zu Ende dachten, bevor wir sie begannen.

»An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern«, schrieb Westerwelle, und natürlich war es prophetisch. Wer vollständig beratungsresistent ist, dem nutzen auch Berater für 344 Millionen Euro wenig (siehe welt.de, 31.1.3021).

»Opulentia paritura mox egestatem«, mahnt Florus. Als der linke Dummheitskult sich ausbreitete, wurde unser Reichtum zu einem Reichtum jener Art, auf welche der Mangel folgt.

Wir haben ein Bankett bereitgehalten, der ganzen Welt von unseren Üppigkeiten angeboten, uns an unserer Moral berauscht – und merkten nicht, dass wir schon längst an Dummheit und Gedankenlosigkeit litten.

Das, wofür in der Metapher die »spätrömische Dekadenz« steht, ist stets vom gefährlichsten Hunger überhaupt begleitet, nämlich vom Hunger, den man nicht spürt.

Wir waren satt an Moral und Gefühl, doch wir verhungerten an Verstand und Weisheit, und wir merkten es nicht einmal.

In seinem Vaterland

Die Corona-Krise ist nicht die eigentliche Krankheit – auch diese Krise, wie die Krisen zuvor, ist das Symptom einer tiefer sitzenden gemeinsamen Ursache; und sagen wir es geradeheraus: einer aus Theoriemangel geborenen und sehr praktischen Staatsdummheit.

»Republiken enden durch Luxus«, sagt Montesquieu, er hätte auch schreiben können: in »spätrömischer Dekadenz«.

Ich vermisse die Zeiten, als in den Worten unserer Großen gelegentlich etwas Prophetisches mitschwang.

Historiker haben wir viele, diese liebenswürdigen »rückwärtsgewandten Propheten« (Schlegel), und auch Hysteriker sind so zahlreich wie der Sand am Meer, doch wer schaut nach vorn? Bis zum Horizont, und, ja, ein oder zwei Meilen übern Horizont hinaus?

Es wird uns wenig anderes übrig bleiben, als ein jeder selbst zum »Prophet in eigener Sache« werden. Wir werden eben selbst zum Horizont schauen, und ehrlich abschätzen müssen, wohin dieser Weg führt.

Wenn uns »kleinen Propheten« aber der Applaus ausbleibt, dann sollten wir keinesfalls verzagen! Bekanntlich gilt ja (so Markus 6:4) der Prophet ohnehin »nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause«.

Du kannst von allen Seiten angefeindet werden, und dennoch richtig liegen, geradezu prophetisch richtig – ja, wer auf schmerzhafte Weise richtig liegt, der wird genau deshalb angefeindet werden!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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