5.2.2021

Der Zar der Realität und das Gewehr im ersten Kapitel

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Chris Barbalis
In den USA wird in der New York Times gefordert, einen »Realitäts-Zar« einzusetzen, der festlegen soll, was die Realität ist – vor gar nicht langer Zeit wäre so etwas als wahnsinnig ausgelacht worden.
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»Wenn du im ersten Kapitel sagst«, so lehrte Tschechow, »dass an der Wand ein Gewehr hängt, dann muss es im zweiten oder dritten Kapitel abgefeuert werden!«

Und weiter: »Wenn es nicht abgeschossen wird, dann sollte es dort nicht hängen.«

Diese Regel des Geschichtenerzählens ist als »Tschechows Gewehr« oder »Tschechows Waffe« bekannt (Tschechow sagte es immer wieder und in verschiedenen Varianten, für eine Variante mit Bühnen siehe TVTropes auf Deutsch). Eine wirklich gute Geschichte enthält nichts Überflüssiges. Jedes Detail ist ein Zeichen, und jedes Zeichen sollte signifikant sein (und ja, »significare« ist Lateinisch für »ein Zeichen geben«) – oder eben weggelassen werden.

Ist unsere Geschichte, ist unser Leben denn in diesem Sinne eine gute Geschichte? Waren die Dinge und Ereignisse unserer Jugendzeit wirklich nur Zufall, wenn auch ein uns formender Zufall, oder waren sie Zeichen? Früher hätte ich ob solcher Fragen in jugendlichem Alleswissenirrtum den Kopf geschüttelt, doch man lernt dazu.

»Auch wenn es paradox scheint – und Paradoxien sind stets gefährliche Angelegenheiten – es ist nicht weniger wahr, dass das Leben Kunst mehr imitiert, als dass die Kunst das Leben imitiert«, so schreibt Oscar Wilde, und wir wissen nicht zu sagen, wo in jenem Satz die Grenze zwischen Provokation und Wahrheit verläuft (bzw. wie breit die Überlappung ist). (Wenn Sie nachlesen wollen, wem Oscar Wilde diese Erkenntnis in den Mund legt, und was in diesen Gedanken eigentlich verhandelt wird: Der Satz steht im englischsprachigen Essay »The Decay of Lying: An Observation«.)

(oder eben nicht)

Wir kennen sie ja, diese »kleinen« Fakten und Notizen, die ich einst eher so nebenbei lernte, hier ein Kuriosum, da eine Perle am Rande – wir lasen ja einst tatsächlich Bücher mit vorgeblich »nutzlosem Wissen«! Zu jenen Notizen in den Randspalten des Wirklichwichtigen von damals gehört eine Erkenntnis, deren Schwere mir erst in diesen Jahren bewusst zu werden beginnt.

Diese »simple« Einsicht, deren Gewicht mir erst nach Jahren und Jahrzehnten bewusst wurde, ließe sich in etwa so zu Worten formen: Die Evolution hat kein Interesse daran, dass wir glücklich werden.

Es gilt weiterhin, dass, wenn ich vom Handeln und vom Interesse der Evolution rede, ich dabei immer nur meine, dass eine durch Mutation entstandene Eigenschaft einen Vorteil bei der Vermehrung der DNA einbrachte (oder eben nicht). Man könnte jene Erkenntnis also auch so formulieren: Es führte zu einem Vorteil bei der Vermehrung, wenn der Mensch nach Glück strebte – es könnte jedoch tatsächlich von Vorteil sein, wenn der Mensch das Glück nie wirklich findet, sondern immer nur strebt! (Es hilft nicht, dass der Mensch kaum sagen kann, was dieses Glück denn sein soll.)

Ja, eine stolze Reihe von edlen Zielen ist von jener Art, von denen wir nicht einmal genau sagen können, was sie sind – uns also darauf einigen, so zu tun, als wüssten wir es genau, und wer es nicht weiß, der gilt als halber Verräter und ganzer Lump. (Ich erspare mir hier weitere Beispiele, bis auf jenes von dem Streben nach der Wahrheit; die Füße, auf die ich durch zu viele Beispiele träte, sind nicht die, auf die ich heute zu treten gedenke.)

Eines jener Ideale, nach denen wir streben, doch von denen alle bis auf die Ideologen zumindest spüren, dass diese Ideale für uns Menschen tatsächlich unerreichbar sind – und unerreichbar sein müssen – ist die Wahrheit (und ich meine hier nicht die »Wahrheit« der Religion, die insofern »wahr« ist, als sie nicht zu widerlegen ist, was sie aber zu einer anderen Wahrheit macht als jene im wissenschaftlich-rationalen Sinn).

Wir streben nach Wahrheit, wir sehnen uns nach Wahrheit, wir sammeln allen Mut, um auch bei Gegenwind die Wahrheit zu sagen – doch erster Zweck und zugleich das Wesen der Wahrheit ist es, etwas zu sein, wonach gestrebt wird.

Unser Reden verhält sich zur Wahrheit im allerbesten Fall wie die Asymptote zur x-Achse, wie jene mathematische Kurve, die sich der x-Achse unablässig nähert, doch nie »wirklich da« ist, auch ins Unendliche weitergezogen nicht.

Der »Reality Czar«

Es ist ein Zeichen dieser Zeit, dass Forderungen aufgestellt werden können – und eine reale Chance auf Umsetzung haben – die eben noch als schlicht wahnsinnig gegolten hätten. Was eben noch als grotesk orwellsch im Stil wildester Hollywood-Dystopien erkennbar gewesen wäre, das wird heute ganz ernsthaft diskutiert.

In den USA hat die Biden-Ära begonnen, die eigentlich eine ganz andere Ära ist – und die Mächte, die den grabschenden Lügengreis hochbrachten, scheinen Wind unter ihren Flügeln zu spüren.

In der New York Times ist ein bemerkenswerter Artikel erschienen. Er ist betitelt: »How the Biden Administration Can Help Solve Our Reality Crisis«, zu Deutsch etwa: »Wie die Biden-Regierung helfen kann, unsere Realitätskrise zu lösen.« (nytimes.com, 2.2.2021)

Der Autor zitiert »Experten«, wie die Biden-Regierung eine von ihm/ihnen postulierte »Realitätskrise« lösen soll (wir wissen natürlich, auf welcher Seite des politischen Spektrums ein New-York-Times-Autor und seine »Wahrheits-Experten« eine falsche und aggressiv zu korrigierende Realitätsperzeption ausmachen werden).

Die Forderungen der »Experten« kulminieren in der Forderung, wörtlich einen »Reality Czar« einzusetzen:

Several experts I spoke with recommended that the Biden administration put together a cross-agency task force to tackle disinformation and domestic extremism, which would be led by something like a «reality czar.” (nytimes.com, 2.2.2021)

Zu Deutsch etwa: »Mehrere Experten, mit denen ich sprach, empfahlen, dass die Biden-Regierung eine Agentur-übergreifende Task Force einsetze, um Desinformation und heimischen Extremismus anzugehen, welche von einem ›Reality Czar‹ geleitet wird.«

(Der Begriff »domestic extremism« klingt in gewissen US-Kreisen immer mehr wie Code für »wer offen Nicht-Links ist«, und »disinformation« ist, wie in Europa, recht offen Code für alles, was dem jeweiligen Narrativ des Tages widerspricht – das ist alles so weit nicht überraschend.)

Gleich im nächsten Satz baut der Autor einen rhetorischen Trick ein, indem er zugibt, dass klänge dystopisch (»dystopian«), doch man solle den Experten erst mal zu Ende zuhören – und dann folgen die üblichen linken Angriffe auf Nicht-Linke.

Ich will hier gar nicht erst beginnen, jene menschliche psychologische Schwachstelle zu diskutieren, dass eine Forderung viel eher akzeptiert wird, wenn sie nur irgendwie begründet wird, und zwar erschreckend unabhängig davon, ob die Begründung einen Sinn ergibt und im Zusammenhang mit der Forderung steht (deshalb ist es für Politiker so vorteilhaft, ihre Forderung stets vollständig unverständlich oder zumindest nichtssagend zu begründen – man bleibt unangreifbar, hat aber doch gefühlt »Argumente vorgebracht«).

In den USA steht nun also der »Reality Czar« als Begriff und Forderung im Raum, welcher festlegen soll, was in den USA als »Realität« gilt – und was offiziell »Nicht-Realität« ist. – Ja, hier wird schlicht Orwells »Wahrheitsministerium« gefordert.

Das klitzekleine Problem bleibt aber: Es gibt »die Wahrheit« nicht. Es gibt nur unser bestmögliches Bemühen, die Wahrheit zu sagen.

Wie aber nennt man jemanden, der dir etwas verkaufen will, von dem klar ist, dass dieses Ding gar nicht existiert? – Einen Scharlatan vielleicht, oder einen Lügner, oder einen Verrückten – oder schlicht einen Betrüger.

In 100.000 Jahren

Dies ist eine neue Zeit, eine neue Phase. Uns fehlen noch die Begrifflichkeiten für das, was heute passiert. Wir fragen uns, welche Zeichen uns darauf hinwiesen, dass es so werden würde wie es zu werden begonnen hat.

Wir sind wie Ochsen, denen die Evolution gleich ein Dutzend von Nasenringen in die Nase gestanzt hat, und an diesen werden wir durch die Manege der Geschichte gezogen. Unser Drang zur Moral. Unsere Angst vorm Ausgestoßensein. Unsere Sehnsucht nach Lob von Autoritäten. Unsere Hoffnung, das kleine Glück zwischendurch möge eine große Sinnlosigkeit vergessen lassen. – Und dann natürlich unser manchmal-nicht-nur-heimliche Wunsch, die notwendige, aber ach-so-anstrengende Wahrheitssuche ein für alle Mal abzuschließen, mit einer höchstoffiziell festgelegten zertifizierten Realität.

Ich weiß nicht, was hiernach passieren wird, doch nach der Logik der Filme scheint doch klar, dass dies nur der Auftakt ist, der Anfang, eine Art Vorfilm.

Zwei Stöcke auf dem Boden sind zwei Stöcke auf dem Boden, oder ein Buchstabe »T«, oder das Kreuz der Christen, oder eine Warnung, auf diesem Weg nicht weiter vorzudringen: Ein Zeichen ist das, was wir als Zeichen lesen, als Zeichen deuten, als Zeichen verstehen.

Ich deute heute manches, was früher geschah, als erstes Zeichen fürs Heute, ich grabe in unserer und meiner Vergangenheit nach »Tschechows Waffe« – es ist meine Deutung, die das Zeichen zu eben diesem macht, und das ist okay so.

Wir lesen heute ja noch die Gedanken der Denker zu Zeiten der Römer und Griechen – manches verstehen wir heute wieder, als hätte da jemand vor zweitausend Jahren ein Zeichen aufgestellt, das von uns zu deuten ist. (Etwa Cicero: »Si hortum in bibliotheca habes, nihil deerit.« – Wenn du einen Garten hast und eine Bibliothek, dann hast du alles, was du brauchst. – Ich brauchte weit mehr Worte, um die »Innenhöfe« zu beschreiben.)

Ich frage mich heute, was sich die Menschen denken werden (oder: würden), wenn sie in weiteren 2.000 Jahren auf uns im Jahr 2021 zurückblicken – oder in 10.000 Jahren, so es dann noch Menschen gibt – oder gar in 100.000 Jahren!

Wird sich jemand die Mühe machen, als interessantes Zeichen zu deuten, was Sie und ich in diesen Anfangsszenen aufführten?

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