26.02.2021

Ist es nicht immer so?

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Julian Myles
In Frankreich reißen sie eine Kirche ab – in Deutschland reißen sie gleich ein ganzes Land ab! Hoffen wir nur, dass sie es nicht nur deshalb tun, weil irgendwer gut daran verdient.
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»Sunset Boulevard«, das klingt nach Glanz und Stars – da, wo selbst der Horror vergeblicher Hoffnung noch glamourös ist: »All right, Mr. DeMille, I’m ready for my close-up.«

Jedoch, ich will gestehen: Ich war ein klitzeklein wenig enttäuscht, als ich damals mit zwei Freunden im Lincoln Continental (Baujahr 1976) den Sunset Boulevard in Los Angeles hinunterfuhr.

(Wenn Sie das Jahr ungefähr einordnen wollen: Auf jenem Trip hörte ich zum ersten Mal von diesem »Internet«. – Heute kann man den Sunset Boulevard via Google Maps selbst abfahren, virtuell natürlich.) 

Der Sunset Boulevard erschien mir als streckenweise schön, kein Zweifel, aber eben doch durchaus gewöhnliche Straße. Es gibt Geschäfte und private Häuser, Büros und Hotels (darunter natürlich das Chateau Marmont, dessen Vergangenheit ein gewisser Stuckrad-Barre in Panikherz zur Tapete seiner Selbstfindung werden lässt).

Einst, und das war dann auch vor meiner Zeit, einst soll an der Kreuzung von Sunset Boulevard und Laurel Canyon Boulevard ein Hippie-Cafe namens »Paradise« gestanden haben (hier ist die Kreuzung bei Google Maps), so habe ich gehört, und das wurde abgerissen, und dann legten sie dort einen Parkplatz an. Das könnte es sein, wovon Joni Mitchell im Klassiker Big Yellow Taxi singt (siehe YouTube): »They paved paradise and put up a parking lot« – manche sagen, sie sang auch einfach »nur« vom Regenwald – andere Angaben des Liedes (etwa: Pink Hotel) lassen Orte in Hawaii anklingen.

Und ja, ganz wie von der Künstlerin beabsichtigt, spielt diese Liedzeile immer wieder in meinem Kopf, wenn ich Bagger sehe, die ein altes Haus abreißen (und nein, nicht immer verdient das Abgerissene auch »Paradies« genannt zu werden – es ist verschieden).

Diese Woche summte das Lied sich wieder selbst in meinem Kopf, wieder aus ähnlichem Grund, auch wenn diesmal das »Paradies« auch einen ganz eigenen Klang hatte.

Im französischen Lille wurde die Kapelle Saint Joseph abgerissen – nicht nur der Mensch ist von Erde und soll zu Erde werden (wie lavoixnord.fr, 24.2.2021 diesbezüglich anspielt. Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit haben, liebe Leser, bis diese Woche die meisten von uns noch nie von jener Kapelle gehört. Doch wenn wir die Videoaufnahmen sehen (etwa auf Twitter: @Lille_actu, 23.2.2021), wie die Bagger ein entweihtes Gotteshaus niederreißen, dann fühlt es sich doch falsch an.

2020 hatte der ehemalige Autohändler (er hatte von seinem Vater eine Kette übernommen, so lefigaro.fr, 25.7.2007) und aktuell französische Kulturminister Franck Riester (siehe Wikipedia) dafür gesorgt, dass das Kirchengebäude keinen Denkmalschutz genießen sollte (so archyde.com, 6.1.2021). Alle rechtlichen Eingaben halfen nicht. Diese Woche riss man die Kapelle des alten Jesuitenkollegs ab, und an ihrer Stelle soll ein Studentenwohnheim gebaut werden.

Nein, weder Sie noch ich sind unmittelbar vom Abriss dieser konkreten Kirche betroffen – und doch wir können nicht anders, als an die linken und islamistischen Anschläge auf christliche Kirchen denken, an die Kirchenbrände (siehe etwa mein Essay vom 15.4.2019), die gelegentlich gerade dann aus den Nachrichten entweichen, wenn – und nach manchem Verdacht weil – ein Verdächtiger gefasst ist (wie etwa im Fall Nantes 2020).

Machen wir uns auch weiterhin nichts vor: Der Bagger konnte die Kapelle in Lille nur deshalb einreißen, weil es ihm erlaubt wurde – und es wurde ihm erlaubt, weil die Kirche seit Jahren schon nicht genutzt wurde.

»Don’t it always seem to go«, so singt Joni Mitchell, »that you don’t know what you’ve got ‚til it’s gone?«; zu Deutsch etwa: Ist es nicht immer so, dass du nicht weißt, was du hast, bist du es verlierst?«

Während ich dies schreibe, liegt der Februar 2021 in seinen letzten Zügen, röchelt gewissermaßen schon. Wir haben noch immer wenig Klarheit in der Frage, was das angebrochene Jahr uns schlussendlich bringen wird. Wir haken Monate ab. (Aktuell hört man von der Durchsuchung des Büros eines CSU-Politikers wegen Anfangsverdacht auf Bestechung in Sachen Masken-Ankauf, siehe welt.de, 25.2.2021. Es gilt die Unschuldsvermutung. Zugleich wächst in täglich mehr Bürgern das unscharfe Bauchgefühl, dass wie schon bei Migration und offenen Grenzen wieder ein paar Leute sehr gutes Geld an der Corona-Politik verdienen – und wir fragen uns, was das für den weiteren Verlauf der Maßnahmen bedeutet.)

Man soll die Momente genießen, solange man sie genießen kann, und jede Minute ist wertvoll – wir kennen diese leicht dahingesagte Gebrauchsweisheit – und heute begreifen wir, wie wichtig und wahr sie ist. 

Keine Minute kommt wieder, und manche kann nicht einmal »so ähnlich« wiederkommen – etwa die alten USA-Trips – auch nicht die Minuten heute in diesem Land und mit diesen lieben Menschen um uns her.

Lasst uns mit ganzer Ernsthaftigkeit auskosten, was wir jetzt haben. Und wenn wir etwas Leichtigkeit in die Schwere bringen mögen, können wir ja mitsingen: »They paved paradise, put up a parking lot. Shoo, bop, bop, bop, bop! Shoo, bop, bop, bop, bop!«

»Weiterschreiben, Wegner!«

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