08.04.2021

Ein Los in der Trostlotterie

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Simon Fitall
Unter Merkel und ihren Helfern wird Deutschland zum Sanierungsfall. Geld verliert täglich an Wert, und Politiker glauben sich nicht einmal selbst. Wie und womit soll sich der Bürger trösten?
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»Was ist bloß aus unserem Land geworden?«, so fragt sich heute mancher Bürger. »Nach 16 Jahren Merkel ist Deutschland in vielen Bereichen ein Sanierungsfall«, so wird aktuell Wolfgang Reitzle zitiert (welt.de, 7.4.2021).

Wir fühlen uns wie müde, abgekämpfte Sportler, wie Langstreckenläufer, denen sich die eigenen Beine derart gründlich verknotet haben, dass die Frage, ob man von anderen Läufern überholt wird (man wird, und wie!), sekundär geworden ist. Sports, wo sind deine Muskeln abgeblieben?!

Zur Einleitung des Essays »Trümmerfrauen nach dem Merkelsturz« schrieb ich 2018:

Der Merkelsturz wird kommen, ob es noch 1 Tag oder 1 Jahrzehnt dauert. Ich sage Ihnen: Die Leute, die vor den schlimmen Folgen des Merkelismus warnten und dafür verunglimpft wurden, werden die neuen Trümmerfrauen sein!« (Essay vom 14.6.2018)

Vielleicht gehören Sie ja, wie ich, zu jener Gruppe von Menschen, die etwas Trost daraus schöpfen, dass auch schon frühere Generationen vor denselben Abgründen des selbstgeschaffenen Schicksals standen wie wir.

Als Kind ahnt man es (so man in lebendiger Gegenwart dieser oder jener Heiligen Schriften aufwuchs), und erst in der zweiten Lebenshälfte begreift man es dann, dass die Mahnungen der Propheten eben nicht (nur) züchtigende Schreckensgemälde sind, dass vielmehr Trost darin liegt, dass wir eben nicht die ersten sind, die sich erst ihr Grab schaufeln, und dann aber, wenn die Zeit zum Abstieg gekommen ist, es sich überlegen und sich an der Erdkante festklammern wollen.

Der Prophet Jesaja:

Ach, wie ist zur Hure geworden die treue Stadt! Sie war voll Recht, Gerechtigkeit wohnte darin; nun aber – Mörder. Dein Silber ist Schlacke geworden und dein Wein mit Wasser verfälscht. Deine Fürsten sind Abtrünnige und Diebsgesellen, sie nehmen alle gern Geschenke an und trachten nach Gaben. Den Waisen schaffen sie nicht Recht, und der Witwen Sache kommt nicht vor sie. (Jesaja 1:21-23)

Ach, was ist aus dir geworden, Deutschland! Menschen wie wir, die Wegners, zogen einst in deine Städte. Recht und Gerechtigkeit versprachst du – gute Arbeit und selbst erarbeiteten Wohlstand gabst du obendrauf; nun aber – Merkelismus. Deine Mark ist Euro geworden und deine Wahrheit mit Propaganda verfälscht. Deine Politiker sind Abnicker und Profiteure, sie nehmen gern »Spenden«, sie trachten nach Rednerhonoraren und besonderen Einkünften. Den Deutschen schaffen sie nicht Recht, und der Witwen Sache interessiert sie wenig – das Erbe der Witwe jedoch, das »interessiert« sie sehr.

Goethes schmachtende Persona

Jene berühmte philosophische selbstgegebene Beauftragung Wittgensteins, er wolle »der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zeigen«, es ist die Philosophie eines Ingenieurs, dem Leben wie Schicksal beides Probleme sind, die es zu lösen gilt. (Nicht nur in den Worten aber, die als seine letzten überliefert sind, wird uns klar genug, dass auch ohne tatsächlich eine letzte Antwort gefunden zu haben, bereits die Tätigkeit des Ordnens selbst eine gute Ordnung genannt werden kann: »Sagen Sie ihnen, dass ich ein wundervolles Leben gehabt habe.«)

Die Philosophie will die Fliege erst befähigen und dann überreden, den Weg aus dem Fliegenglas zu finden (oder in umgekehrter Reihenfolge, also erst überreden und dann befähigen – es spielt ja keine Rolle; die Philosophie scheitert zuverlässig an beidem, und nach Vorbild des texanischen Scharfschützen, welcher erst herumballert, und dann die Zielscheiben um die Löcher malt, erklärt die Philosophie, um Antworten verlegen, das Finden immer schönerer Fragen zu ihrem eigentlichen Ziel). – Die Weisheit lehrt die Fliege, gar nicht erst Gefangener des Glases zu sein!

Ja, es ist Trost in der schönen Trostlosigkeit zu finden – und das sage nicht nur ich, das sagen weit Klügere. »Trostlos zu sein, ist Liebenden der schönste Trost«, so lässt Goethe den Titanensohn sprechen (und ich lese Goethe immer auch ähnlich wie’s Hohelied; Goethes schmachtende Persona ist der Mensch selbst, wenn und insofern er nach dem Mehr-als-das-hier greift), und der Titan Nietzsche gibt den erprobten Rat: »Von al­len Trost­mit­teln tut Trost­be­dürf­ti­gen nichts so wohl, als die Be­haup­tung, für ih­ren Fall gebe es kei­nen Trost. Da­rin liegt eine sol­che Aus­zeich­nung, dass sie wie­der den Kopf er­he­ben.«

Auf denn, ihr Titanen eures eigenen Lebens, heftet euch die Trostlosigkeit ans Revers, wenn ihr denn wollt, und erhebt also getröstet den Kopf!

Nicht mit dem Sport

»Was ist bloß aus unserem Land geworden?«, so fragt sich heute jeder zweite Bürger, und dann auch: »Wo soll Trost herkommen?«

Unsre Fürsten sind wie Abtrünnige und Diebsgesellen, unser Silber ist Schlacke geworden und unser Wein wurde mit Wasser verfälscht.

Müde sind wir. Der Dummheit müde. Des Wahnsinns müde. Müde, doch wütend ob des Grundes der Müdigkeit. »Müde, aber wütend«.

Wir suchen Trost, um aus diesem die Kraft und den Antrieb für die immer nächste Handlung zu finden; meine Hoffnung ist, dass dies auch in umgekehrter Richtung funktioniert!

»Ich suche nach Trost«, so sagt der Mensch, »auf dass ich in die Welt hinein handeln kann!« – Man sollte dem Menschen zurufen: »Handle in die Welt hinein, auf dass du Trost findest!«

Arbeite, handle, tue, was getan werden muss! Niemand garantiert dir, dass du so Trost finden wirst, doch deine Chance steht besser als Null. Kaufe dir ein Los in der Trostlotterie, und nenne es ein »Trostlos«.

»Was soll bloß aus unserem Land werden?«, so rufen wir, »wo ist Trost, wo Hoffnung?«

Und wir hören uns selbst sagen: Handle, als ob du schon Trost gefunden hättest! Rede, als ob bereits Hoffnung vom Horizont her leuchtete!

Sportler, du wartest ja nicht mit dem Sport, bis dir starke Muskeln wachsen, sondern du lässt die Muskeln am Sport stark werden.

Ebenso sollst du es mit dem Trost halten: Warte nicht mit deinen Handlungen, bis Trost und Hoffnung auf dich niederregnen – lass vielmehr Trost und Hoffnung an deiner Handlung stark werden!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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