18.08.2022

Die Universaltheorie der Nachrichten

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Annie Spratt
Nehmen wir an, dass es für (fast) alle Nachrichten und politischen Ereignisse eine einzige, gemeinsame Erklärung gäbe. Was ist Ihre These, wie diese »Universaltheorie der Nachrichten« lauten könnte?
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Ich möchte Ihnen heute berichten, wie ich einmal ausgelacht wurde, und was ich daraus lernte – es war eine wichtige Lernerfahrung!

Apropos »Lernen«, eine aktuelle Nachricht ist nicht zum Lachen: In Bayern streichen sie den Faust aus dem Lehrplan, und Qualitätsjournalisten finden das super (spiegel.de, 12.8.2022). Goethe ist ja ohnehin ein alter, weißer Mann, und so gar nicht divers. Weg mit dem Diwan, her mit der Diversität!

Nein, ich glaube nicht, dass – so es denn heute überhaupt noch geschieht – noch lange in Schulen so etwas wie geschichtsbewusste Allgemeinbildung vermittelt werden wird. Meines Wissens zählen weder Literaturwissenschaftler noch Historiker oder gar Philosophen zu den Großspendern der Parteien.

Nebenbei: Das bedeutet für Eltern, wenn ich einmal so eiskalt logisch sein darf: Wenn es dir nicht gelingt, deinen Kindern zusätzlich zur Schule – und teils gegen die Schule – ein Fundament aus klassischer Bildung und kritischem Denken zu vermitteln, reduzierst du deine Rolle als Vater oder Mutter darauf, die nächste Generation unwissender Helfer des Propagandastaates zu finanzieren und bei emotionaler Laune zu halten (so gut letzteres bei Dopaminsüchtigen eben möglich ist).

Aber gut, mir wurde es noch eingepflanzt, die Ereignisse auch der aktuellen, gegenwärtigen Geschichte daraufhin zu prüfen, wie sie wohl dereinst im Geschichtsunterricht gedeutet werden könnten.

Nehmen wir also hypothetisch an, dass junge, kritische Geister dereinst diese Zeit aufarbeiten. Man wird einen Schlüssel brauchen, um diesen Wahnsinn zu deuten, einen übergreifenden Erklärungsansatz.

Ich fürchte, dass es zwar durchaus einen funktionierenden Deutungsansatz für diese Zeit gibt, dass aber gleich mehrere menschliche Denkfehler gerade der »Gebildeten« diese Erkenntnis verhindern.

Ich saß einmal mit einem in Berlin gut vernetzten »Player« zusammen. Wir sprachen über die zahlreichen Propaganda-Vereine, teils von der Regierung gefördert, teils von einem internationalen Akteur – teils beides.

In einer mir heute sehr peinlichen Unbedarftheit sagte ich: »Jener Akteur finanziert Medien und Vereine, und es ist ihm egal, ob er damit Geld verliert. Das gibt denen einen riesigen Vorteil.«

Das aber war der Punkt, an dem der Gutvernetzte mich auslachte. Okay, das mit dem Vorteil der Propaganda-Vereine war durchaus richtig – das ist ja, warum sie finanziert werden: Indem sich linke Medien, ähnlich wie der befreundete Staatsfunk, nicht dem wirtschaftlichen Wettbewerb stellen müssen, können sie unliebsame Meinungen zurückdrängen. (»Zur Sicherheit« tut man aber beides: Man finanziert die gewünschte Meinung, und man fordert das Bekämpfen »falscher« Meinung, denunziert alternative Medien bei Werbetreibenden, et cetera. Am Rande: Der Klaus-Schwab-Laden macht sich übrigens derzeit dafür stark, soziale Medien mit Hilfe »künstlicher Intelligenz« von verbotener Meinung zu säubern; siehe weform.org, 10.8.2022.)

Lächerlich falsch war aber meine Annahme, dass solche Akteure tatsächlich aktiv etwas finanzieren würden, wovon sie keinen Profit erwarten.

Nachdem er genug über meine Naivität gelacht hatte, sagte der Gutvernetzte: »Ich versichere dir, der erwartet sehr konkreten Gewinn davon, aber nicht immer direkt. Ob das den gesponserten Aktivisten am Anfang bewusst ist oder nicht, das ist eine andere Frage.«

Je nach Perspektive

Nein, ich denke nicht, dass es in der Zukunft eine realistische Aufarbeitung dieser Zeit in den Schulen geben wird. Wer und was sollte es motivieren? Aus der Perspektive derjenigen, die Lehrpläne schmieden, läuft ja alles super.

Doch auch wenn eine akademische Aufarbeitung versucht würde, so müssten doch gleich mehrere Denkfehler eine realistische Bewertung verhindern.

Erstens: Gerade Akademiker – und also die Lehrer in den Schulen –  wurden darauf gedrillt, einfachen Erklärungen zu misstrauen. Wenn aber die beste Erklärung tatsächlich simpel und noch dazu alt ist, klingt sie dem (Halb-) Gebildeten weniger überzeugend als die mit Autorität vorgetragene überkomplizierte Begründung (siehe dazu auch meinen Essay vom 1.10.2017). Wenn die beste Erklärung dieser Zeit einfach ist, werden auf die Bevorzugung von Komplexität dürstende Akademiker sie ablehnen.

Zweitens: Lehrer (und andere Erklär-Berufe) sind »gebildet«. Wie ich im Essay vom 11.6.2018 ausführe, baut »Bildung« darauf, Autoritäten verinnerlicht zu haben. Wenn die genaueste Erklärung aktueller Ereignisse voraussetzt, Autoritäten zu misstrauen, dann wird diese Erklärung einem üblichen »Gebildeten« widerstreben.

Drittens: Wer an Universitäten und in Redaktionen positiv auffallen und Karriere machen will, muss neue Ideen präsentieren. Wer Artikel und Forschungsarbeiten einreicht, die einfach nur das Bestehende zu bestätigen scheinen, wird seinen Job nicht lange halten. Dies wird zum Problem, wenn die alte Erklärung tatsächlich genauer war, während die neue Erklärung falsch ist, aber eben neu.

Viertens: Menschen begehen den Denkfehler, davon auszugehen, dass andere Menschen in ganz anderen Lebensumständen ähnlich fühlen wie sie selbst. Gerade der »brave Mittelstand« geht davon aus, dass etwa junge Herren aus Krisengebieten oder international operierende Milliardäre dieselben moralischen Regeln hochhalten und ähnliche ethische Gefühle empfinden, wie man es selbst tut. Dies kann so weit gehen, dass sogar Messer-Gewalttäter oder »Masters of War« »entschuldigt« werden, weil man sich schlicht nicht vorstellen kann, dass deren Denken von ganz anderen relevanten Strukturen ausgeht.

Die simple Erklärung

bild.de, 14.8.2022 titelte »Rockefeller und Co. verdienten Milliarden – Jetzt spenden Öl-Erben an radikale Klima-Chaoten.«

In den ersten Zeilen jenes Textes finden wir dann diese vor ironischem Sarkasmus triefende Erklärung: »Ihre Familien schufen Milliarden-Werte durch Öl- und Gas-Unternehmen, doch einige Mitglieder der mächtigen Dynastien plagt offenbar das schlechte Gewissen.« (bild.de, 14.8.2022)

Ja, das steht so da. Die Motivation soll »schlechtes Gewissen« sein.

Ich gehe davon aus, dass es dem Bild-Journalisten Herbert Bauernebel sehr wohl bewusst ist, wie absurd es klingt – oder vielleicht auch nicht – es gab eine Zeit, in der ich wirklich dachte, dass Milliardäre im Meinungsbusiness ideologisch motiviert sein könnten.

Aber, hey, es gibt auch Leute, die glauben, Bill Gates gehe es um die Gesundheit der Welt, und nicht um die Profitabilität von Pharma-Investitionen (unter @GatesJets können Sie übrigens aktuell seine vier Jets live verfolgen). – Und wenn es Obama & Co. um Umweltschutz und steigende Meeresspiegel geht, dann zählen Sie doch bitte die Solarpaneele der Obama-Villa am Meer: homesandgardens.com, 28.12.2020. Ich helfe mal: Null. – Und so weiter, und so fort.

Die Nachrichten dieser Zeit, jede einzelne, lassen sich mit einer These erklären, die erschreckend einfach ist, die Autoritäten in Frage stellt, die nicht neu ist, und die davon ausgeht, dass einige Akteure mit sehr anderen ethischen Konzepten operieren als Sie und ich.

Die simple Erklärung hinter jeder Entwicklung und jeder Nachricht ist, dass eine Gruppe von Leuten davon profitiert. (Ja, ist langweilig, ich weiß – siehe oben.)

Gehen Sie doch die Themen der letzten Tage und Jahre durch! Covid-19, Gender, Kriege, Klima, Migration, Sozialisierung von Spekulationsverlusten der Banken, Kampf-gegen-Rechts.

Wenn ein Thema eine ganz besonders dreiste Umverteilung des Geldes von unten nach oben zur Folge hat, wird es mit extra viel »Moral« aufgeladen.

Ja, es gibt sie, die Universaltheorie der Nachrichten, und sie funktioniert, ob es »intellektuell Spaß macht« oder nicht: Was geschieht, und was dir als Moral aufgetragen wird, hat immer eine gemeinsame Ursache oder immerhin einen gemeinsamen Endpunkt: Jemand wird daran reicher. Die Frage ist nicht, ob jemand daran reicher wird, sondern wer und um wie viel.

(Übrigens: Die zehn reichsten Männer dieses Planeten verdoppelten während Covid-19 ihr Vermögen, so oxfam.org, 17.1.2022, auf insgesamt etwa 1,5 Billionen US-Dollar. Da hatten sie wohl mal wieder extra viel Glück.)

Nicht mehr

Ich will versuchen, mich nicht mehr über verrückte Themen und Sinnlos-Debatten aufzuregen.

Ich bin schlicht nicht mehr in der Lage, die dauernde Panikmache ernstzunehmen. Angst vor Viren, Angst vor Klima, und, besonders absurd: Angst vorm Rechts-Sein, die schlimmer sein soll, als die Angst vor den sozialen Folgen offener Grenzen.

Ich lese und sehe die Entscheidungen der Politik – und der Leute hinter der Politik. Ich fühle förmlich die Anstrengung, wie die Schreibknechte in den Redaktionen sich zu verschleiern bemühen, dass es um etwas anderes geht, als dass die Reichen reicher werden.

Ich möchte den Journalisten mit Goethe antworten: »Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.«

Sollten diese Figuren aber insistieren, dann falle ich denen auch schon mal ins Wort: »Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!«

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