6.8.2020

Wir, die Vernunft-Guerilla

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Annie Spratt
Es kann ermüdend sein, gegen die von Steuern und Zwangsgebühren finanzierte Dummheit anzukämpfen. Nein, wir haben keine »Armee« wie den Staatsfunk, deshalb lasst uns eine friedliche Vernunft-Guerilla sein – und unsere Kinder auf die Zukunft vorbereiten.
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Als bei der Jalta-Konferenz debattiert wurde, ob man den Papst für den Kampf gegen Hitler gewinnen könnte, soll Stalin spöttisch gefragt haben (siehe auch welt.de, 3.2.2015: »In Jalta machte sich Stalin über den Papst lustig«):

Der Papst! Wie viele Divisionen hat er? (Joseph Stalin, 1945)

Stalins Antwort ist die Variation einer auch heute bekannten Redensart: »Du und welche Armee?«, oder auf English: »You and what army?«

Das klassische Szenario dieses spöttischen Ausrufs ist heute eine Drohung oder ein im Angesicht des zu erwartenden Widerstandes allzu ambitioniertes Vorhaben.

Etwa so:

– Ich mache euch fertig!
– Haha! Du und welche Armee?

Oder so:

– Ich werde dieses Land zur Vernunft bewegen!
– Haha! Du und welche Armee?

Wer große Ziele ankündigt – oder sogar einen Angriff androht – doch offensichtlich nicht über die Mittel und Werkzeuge verfügt, diese Ziele auch zu erreichen, der droht sich eben zu blamieren.

Jede Zeile unterschreiben

Nicht immer sind es die großen Meldungen, die uns zeigen, wohin das Schiff fährt, manchmal sind es eher die kleinen Randnotizen, die wie kleine Kompassnadeln die Himmelsrichtung und davon abgeleitet unsere eigene Richtung aufzeigen – und gelegentlich ist es nicht einmal die Randnotiz selbst, sondern die Lücke unmittelbar nach jener Randnotiz.

Erlauben Sie mir bitte, eine kurze Passage eines einigermaßen unkontroversen Kommentars in einer bekannten deutschen Publikation zu zitieren:

Alle Lehrer müssen jetzt den Umgang mit digitalen Medien beherrschen. Dass dies noch nicht so ist, ist für eine führende Wirtschaftsnation ohnehin peinlich. (Moritz Seyffarth in welt.de, 6.8.2020)

Diese Forderung des Welt-Redakteurs ist Teil eines Katalogs von Lehren, die man seiner Ansicht nach im Bezug auf Kinder und Jugendliche aus der durch die Corona-Maßnahmen herbeigeführten Krise ziehen sollte.

Was meinen Sie, dass auf jene Forderung im Text folgt? Eine Anleitung, wie man Lehrer dazu bekommt, digitale Kompetenz zu entwickeln? Partner, mit denen man es umsetzen möchte? Erste Modelle und Erfolge?

Nein. Wenig von all dem, und mit wenig meine ich »nichts«.

Es folgt der nächste Punkt, irgendwas zum nächsten Konjunkturpaket. Insgesamt enthält der Text sieben mal die Worte »muss« oder »müssen«.

Man kann jede Zeile für sich unterschreiben – doch bei Betrachtung des Gesamttextes fehlt geradezu schmerzhaft auch nur der Ansatz einer Analyse eines möglichen »wie« – und er steht damit wahrlich nicht allein da.

Ob sie »dranbleiben« oder nicht

Elli und ich haben vor Jahren einige digitale Projekte für Kinder angestoßen, später sogar selbst Lernspiele realisiert, meist für Dritte. Elli hat in und mit Schulen und Kindern digitale Projekte wie »Coder-Dojo« veranstaltet.

Eine unserer Erfahrungen ist: Es gibt Ausnahmen, kein Zweifel, aber gerade in NRW geht die Motivation zu vieler Lehrer, selbst digital aktiv zu werden, tendenziell gegen Null.

Mehr als einmal erlebten wir, dass Lehrkräfte auf die Herausforderung, digital aktiv zu werden, erst mit Unlustbekundungen reagierten, und dann, wenn sie »von oben« dazu aufgefordert wurden, zunächst auf aufwändige Schulungen bestanden, wo sie unwillig tagelang lernten, was mit Motivation an einem Abend lernbar wäre und ohnehin nur der Anfang eines langen digitalen Lernweges wäre.

Nein, es waren nicht alle – aber ein erschreckend hoher Teil der Lehrkräfte gerade in linksgrün geprägten öffentlichen Schulen war nicht wirklich am Digitalen jenseits von WhatsApp interessiert – oder, ich will ehrlich sein, einfach nicht »der Typ dafür«. Man hatte das Gefühl, sie fänden sich unkündbar, ob sie »dranbleiben« oder nicht, und es war vielleicht nicht (nur) die Lust auf Entdeckung und ständiges Dazulernen, welche sie Lehrer_innen im öffentlichen Dienst werden ließ. (Noch einmal: Es gibt auch sehr rühmenswerte Ausnahmen – und die sind es oft, die das hier Gesagte am lautesten bestätigen.)

Digitale Wurfgeschosse

Man hört ja manche Forderung nach dieser und jener Verbesserung in Deutschland, und sie ist sicher nicht falsch, doch man möchte antworten: »Wie soll das gehen?!«, oder eben: »Du und welche Armee?«

Selbst wenn die Lehrer motiviert wären, digitales Lernen zu gestalten, was wären denn die realen Möglichkeiten? In einem Vollversorgungs-Staat kann man nicht einfach allen Schülern anordnen, auf eigene Kosten ein digitales Schulgerät zu kaufen (das nicht ein Smartphone ist). Wenn man aber jedem ein schultaugliches Gerät gratis in die Hand geben wollte, wie geht man in Zeiten linksgrüner Erziehung damit um, wenn das Gerät als Wurfgeschoss auf dem Schulhof gebraucht wird – oder schlicht weiterverkauft?

In japanischen Schulen fegen die Kinder den Boden der Schule, räumen auch sonst auf und werden in Höflichkeit und Disziplin gedrillt – können Sie sich vorstellen, dass man in gewissen deutschen Schulen die Schüler auffordern würde, mit dem nassen Lappen die Flure selbst zu wischen?

Vom Staat sehr reich finanzierte NGOs scheinen nahezulegen, dass das Ausbleiben von Disziplinproblemen ein Hinweis auf »völkische Elternhäuser« sein kann (vergleiche cicero.de, 28.11.2018, oder direkt amadeu-antonio-stiftung.de (PDF), dort etwa S. 12 ) – wie genau will man digitales Lernen veranstalten, das über ein paar digitale Whiteboards und 1-Stunde-die-Woche-im-PC-Raum hinausgeht, wenn die gesamte Kultur, geprägt von Staatsfunk, staatlich co-finanzierten Zeitungen und steuerfinanzierten NGOs, zuerst das »Weiter-so und Augen-zu« belohnt?

Außen- und Privatwahrheit

Verbesserung ist möglich, doch solange wie der Staatsfunk, staatliche co-finanzierte Zeitungen und vom Staat reich versorgte NGOs gegen die Vernunft arbeiten, wird Verbesserung nur in den »Innenhöfen« passieren.

1923, bei einer Parteitagsrede sagte Stalin recht offen: »Die Presse muss jeden Tag wachsen – sie ist die schärfste und stärkste Waffe unserer Partei.« – Wehe dem Land, dessen »schärfste und stärkste Waffe« sich gegen eben jenes richtet.

Ich kenne ja durchaus einzelne Schulen, in denen mutige Lehrer aus eigener Initiative die Kinder an »Computer-denken« heranführen – teils misstrauisch von Kollegen beäugt, manchmal mit vorsichtiger Unterstützung der Schulleitung. Ich kenne Eltern, die ihre Kinder privat an Computer und digitale Kompetenz heranführen.

Nebenbei, doch in dem Kontext: Ich habe von Familien gehört, wo die Eltern ihren Kindern ausdrücklich beibringen, dass es eine Außenwahrheit und eine Privatwahrheit gibt – und einige dieser Familien würde man von Außen für Grünenwähler halten, so glaubwürdig vertreten Eltern wie Kinder die »Außenwahrheit«. (Ja, das Propagandaland Deutschland nimmt inzwischen zentrale Eigenschaften totalitärer Staaten ein, etwa insofern als Kinder lernen, eine »öffentliche, gelogene« Wahrheit darzustellen, die von der »privaten, echten« Wahrheit abweicht.)

Wenn mir einer sagt, »wir müssen dies und das tun!«, dann sage ich bei Gelegenheit: »Okay, wir beide… und welche Armee?!«

Doch, die lapidare Feststellung, dass kaum eine sinnbildliche »Vernunft-Armee« existiert, die hinsichtlich Macht, Verbindungen und Finanzierung gegen Staatsfunk und regierungsfinanzierte Propaganda anstinken könnte, heißt auch nicht, dass wir nichts tun könnten!

Wir wollen – man verzeihe mir die martialisch-blumige Metapher – als eine Art »Vernunft-Guerilla« kämpfen!

Nein, weder wir noch unsere Kinder sagen jede Wahrheit öffentlich – doch privat, wenn wir uns einigermaßen sicher sind, sagen wir sie eben doch! (Ohnehin empfiehlt es sich heute gelegentlich, die Vorhänge blickdicht zu verschließen, damit die spitzelnden Nachbarn einen nicht verpetzen; siehe auch welt.de, 6.8.2020: »Corona-Quarantäne – Gesundheitsämter drohten, Kinder in Heime „abzusondern“«.) 

Nein, wir können lustlose Lehrer nicht dazu zwingen, statt über die Opposition herzuziehen auch mal was mit Computern beizubringen, doch wir können nach der Schule die Kinder an wirklich wichtige Fähigkeiten heranführen – und wenn es für den Start jeden Tag nur 15 Minuten sind. Wenn eine »Kultur des Lernens« in der Familie etabliert ist, lernen wir Eltern ja nicht weniger als die Kinder! So werden die Kinder besser auf die Zukunft vorbereitet und wir tun hoffentlich etwas gegen unser eigenes Verkalken.

Wir haben weder Armee noch Divisionen. Doch wir haben auch nicht das Bedürfnis, von »denen da oben« über den Kopf gestreichelt zu werden.

Lasst uns auch weiter eine »Vernunft-Guerilla« sein – friedlich, aber zäh, dabei vorsichtig, klug und in jedem Moment im vollen Bewusstsein dessen, was uns wirklich wichtig ist.

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