10.7.2020

Wahrscheinliche Ziegen hinter 99 Türen

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Milada Vigerova
Von Rechts wird als Straftat notiert, was von Links eine Kolumne bekommt. NGO-Schiffe fahren Migration hoch, während Regierung die Zensurmechanismen verschärft und automatische Listen anlegt. – Selbst denken war noch nie so wichtig wie heute!
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Stellen Sie sich bitte 100 Türen vor. Hinter genau einer dieser Türen steht ein tolles Auto, hinter 99 anderen Türen stehen jeweils Ziegen. Nun, lassen Sie uns ein Spiel spielen! (Ein Spiel in Gedanken, klar, doch die Idee basiert auf einer TV-Spielshow.)

Als Spielteilnehmer dürfen Sie sich genau eine Tür aussuchen, in der Hoffnung, dass hinter genau dieser das Auto steht.

Sie treffen Ihre Wahl.

Der Spielleiter öffnet daraufhin alle übrigen Türen bis auf eine, so dass nur noch zwei Türen verschlossen sind – die von Ihnen gewählte und dazu eine weitere. Hinter einer dieser beiden Türen wird das Auto stehen, hinter der anderen eine Ziege.

Der Spielleiter bietet Ihnen an, im letzten Moment Ihre Wahl zu ändern. – Sollten Sie wechseln? Ergibt es einen Unterschied?

Die allermeisten Menschen antworten mit »Nein«, oder »kein Unterschied« – und sie liegen sensationell falsch.

Die richtige Antwort, auf die Frage, ob Sie die Tür wechseln möchten, lautet: »Ja, selbstverständlich, mit Kusshand gern!«

Die Begründung ist eigentlich recht einfach… und, ja, sie hat mit Wahrscheinlichkeit zu tun, aber auch mit unserer Psyche.

Als Sie das erste Mal eine zufällige Tür wählten, lag die mathematische Wahrscheinlichkeit, die richtige Tür zu treffen, bei 1 zu 100.

Soweit stimmen die meisten von uns sofort zu. Nun werden die meisten Menschen allerdings fühlen – und sie werden sich darin wohl auch schlau vorkommen – dass sich die Wahrscheinlichkeit der einzelnen konkreten Türen nicht ändert, indem 98 Türen geöffnet werden – und das ist der Punkt, wo sie falsch liegen.

Der Spielleiter öffnet eben nicht »zufällig« 98 Türen – er öffnet 98 Türen, hinter denen garantiert nicht der Hauptgewinn steht. Die Situation und die Wahrscheinlichkeiten sind nun vollständig andere.

Die verbleibenden Türen sind nun mit sehr unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten versehen. Die ursprünglich von Ihnen ausgewählte Tür verbirgt weiterhin mit einer Wahrscheinlich von 1 zu 100 den Hauptgewinn – die Gewinn-Wahrscheinlichkeit der anderen Tür liegt also bei 99 zu 100.

Unsere eigene Psyche spielt uns im Monty-Hall-Paradox einen Streich – und es wird nicht einfacher durch unseren möglichen Verdacht, dass es der Spielleiter ist, der uns austricksen will, indem er uns neu entscheiden lässt. Indem wir einen vermeintlichen Trick abwehren wollen, tricksen wir uns selbst aus! (In der ersten Version des Textes hatte ich selbst hier einen Rechenfehler!)

Angegriffen und abgebaut

Dies ist die Stelle, an der ich in den meisten meiner Texte (es sind inzwischen über 800 Essays, wenn Sie etwas Lesezeit übrig haben und ein paar Essays verpasst haben sollten…), die aktuelle Nachricht berichte, zu welcher die einleitende Metapher hinführte.

Ähnlich wie gestern könnten wir wieder von einem NGO-Boot berichten, dass die Kunden der Schlepper nach Europa bringen könnte (diesmal von einem, das sich aktuell in Sizilien befindet; siehe welt.de, 9.7.2020).

Man könnte den Verfassungsschutzbericht 2019 erwähnen (vergleiche etwa tagesspiegel.de, 10.7.2020). Man könnte sich fragen: Bei Vergleichen der Straftaten von Ausländern vs. Inländern werden üblicherweise jene Taten herausgerechnet, die nur eine Gruppe begehen kann (etwa bzgl. Asyl); sollte man bei den entsprechenden Statistiken im Bereich Links- und Rechtsextremismus nicht ähnlich vorgehen? Ich stimmte nicht zu, dass sich etwa der Angriff auf das Wohnhaus einer Familie mit einem verbotenen Facebook-Text gleichsetzen lässt. Was von »Rechts« als Verbrechen gilt, das erhält von Links bald eine Kolumne in irgendeiner linken Klickdreck-Publikation.

Man könnte sich wieder neue Sorgen um den Zustand der deutschen Demokratie machen, wenn mit täglich weniger Scham im Namen des Kampfes gegen »Hass« offen die Werte des Rechtsstaats und das Grundrecht auf Meinungsfreiheit angegriffen und abgebaut werden (vergleiche heise.de: »Schlangenöl gegen den Hass« – Ich stimme dem Autor zu, dass der vorgebliche Kampf gegen Hass ein politisches Schlangenöl ist, siehe auch mein Essay »Kampf gegen Rechts, das neue politische Schlangenöl« von 2018). Wie würde man es nennen, wenn die Regierung in anderen Ländern automatische Listen denunzierter Internetnutzer anlegt? Nun, genau das soll in Deutschland passieren. »Demokratie« wird zum orwellschen Synonym »die Macht der Etablierten, um jeden Preis«. Es wird »realpolitische« Gründe haben, warum Deutschland den USA oder Israel gegenüber so kritisch ist (»kritisch« ist ein Euphemismus), aber so vergleichsweise freundlich gegenüber China oder Iran – bald verlieren aber die EU-Bürokratie und deren deutsche Kolonie auch das moralische Recht, China oder Iran in Sachen Freiheit zu kritisieren.

Das Auslöffeln des Meeres

All diese Nachrichten könnte man zitieren, sezieren, auseinandernehmen und in einem neuen, wahrhaftigeren Kontext wieder zusammenbauen. In Zeiten der universellen Lüge, so hört man (es wird mal diesem, mal jenem zugeschrieben), sei das Aussprechen der Wahrheit eine revolutionäre Tat, doch es ist zuerst wie das Auslöffeln des Meeres mit einem Teelöffel. Kein Einzelner, auch nicht eine begrenzte Gruppe, kann es leisten, jeden Tag alle Angriffe auf Demokratie und Verstand zu benennen – oder gar abzuwehren. Es bleibt uns nichts übrig, als selbst klug zu werden, und zu überwachen, was wir in unseren Geist und Verstand hineinlassen, was wir als wahr und wahrscheinlich annehmen.

Wächter unseres Verstandes

Ich habe die Frage einmal einer studierten Mathematikerin vorgelegt, und sie bestand darauf, dass es keinen Unterschied ausmacht. Als ich ihr später einen Link zur Erklärung mailte, sprach sie für den Rest unserer Bekanntschaft nur noch in kühlen Höflichkeiten mit mir. Heute würde man es wohl einen Fall von »mansplaining« meinerseits nennen. Das Monty-Hall-Paradox mit den Türen lehrt uns, dass Experten und unsere Intuition sich synchron und gründlich irren können.

Ich wünschte, ich könnte auf diesen oder jenen Experten zeigen, und sagen: »Der hat immer Recht, glaubt ihm!« – Ich kann es nicht.

Niemand kann alles prüfen und einzeln widerlegen, was Staatsfunk, Propaganda und all die NGOs von wenig demokratischem Geist jeden Tag und jede Minute an Lügen und Ablenkungen über uns ausschütten.

Es bleibt uns wenig anderes übrig, als selbst die Fähigkeiten zu entwickeln, mögliche Wahrheit von wahrscheinlicher Lüge zu unterscheiden. Wir sind beauftragt, jeder einzelne, selbst die Wärter unserer Sinne und die Wächter unseres Verstandes zu sein.

Es gilt, auch weiterhin und heute mehr denn je: Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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