24.2.2018

Was schreiben Sie auf Ihr Banner? Auf meinem steht: Was wäre alles möglich!

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild von Matt Artz
Wir verplempern Tag für Tag damit, selbstgeschaffene Probleme einzudämmen. Es ist tragisch, was alles NICHT getan wird. Stellen Sie sich vor, dieselbe Energie ginge in Schulen und Universitäten, Digitalisierung und Wissenschaft! Was wäre alles möglich!
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Träumen wir! Träumen wir von einer Welt, in der die Regierung klug handelt, das Bier gratis fließt und Journalisten allezeit die Wahrheit sagen.

Träumen wir von schöneren Parks und besseren Schulen, von sicheren Städten und gerechten Urteilen. Träumen wir von einer Regierung, die das Wohl ihres Volkes mehrt und Schaden vom Land abwendet.

Jeder Schreiber ist Chronist. Selbst der Romanarbeiter, der sich durch Heldenreise und Spannungsbögen ackert, oder auch der Wissenschaftler, der den Stand der Erkenntnis seines Fachbereichs festhält, auch sie sind Chronisten ihrer Zeit – um wie viel mehr ist es dann der Essayist, der täglich notiert, wie der Wahnsinn der Mächtigen ihn aufwühlt und frustriert, wie es ihn am Ende in einen ganz eigenen Wahnsinn treibt.

Wenn ich hier nun meiner Chronistenpflicht nachkomme, die Pflichterfüllung will ich doch versuchen, und es auf eine Weise tun, die das wirklich Wichtige erfasst. Ein anderes Wichtiges als das wirklich Wichtige gibt es ja nicht, nicht wirklich. Was also ist wirklich wichtig, was ist wirklich wichtig genug?

Das wirklich Wichtige, im Gegensatz zum beiläufig Wichtigen, ist doch jenes, was erstens Ihnen (Leser) und zweitens mir (Schreiber) wichtig ist, auch über den Moment hinaus, jenseits der Aufgeregtheit, wichtig in der Freude und im Ärger, erst recht wichtig, wenn wir fürs Wichtigfinden beschimpft werden, und ob es sonst niemandem oder Millionen anderen Menschen wichtig ist, das interessiert uns nicht. (Die Erfahrung zeigt, dass es eine Zahl dazwischen ist, zwischen niemand und Millionen.) Der Durst wird nicht weniger, wenn alle anderen schon getrunken haben.

Wie könnte denn ein Test aussehen, mit dem man feststellte, was wirklich wichtig ist?

Ein Versuch ginge so: Wenn Sie oder ich heute zu einer Demonstration aufbrächen, also wenn wir noch Hoffnung hätten, dass im Marsch durch die Straße vor den Institutionen etwas zum Besseren bewegt werden könnte, was stünde auf unserem Banner?

Wir wissen ja, hinter welchen Bannern unsere Meinungsmacher sich versammeln! Müssen wir denn wirklich wiederholen, dass die moralisch lautesten von ihnen hinter „Deutschland verrecke“ und „Nie wieder Deutschland“ marschieren? Vielleicht der Chronistenpflicht halber – hiermit (und im Folgenden immer wieder aus derselben Pflicht heraus) erledigt.

Wenn ich also hinter einem Banner marschieren würde, was stünde darauf? Heute wohl so etwas: „Was wäre alles möglich!“ – Es ist ungelenk, doch es ist das Beste, das Genaueste, was ich Ihnen heute zum Skandieren anzubieten habe: Was wäre alles möglich!

Träumen wir, die Regierungen in Berlin und Brüssel betrieben nicht dieses „Experiment“, diese Umwandlung des Landes und seiner Gesellschaft – was wäre alles möglich!

Von „Experiment“ zu sprechen, wie es jüngst im Fernsehen getan wurde, das ist ja auch schon nur eine Halbwahrheit: Ein Experiment im Labor wird am Ende zusammengepackt, die Petrischalen und Erlenmeyerkolben werden ausgewaschen und ins Regal sortiert. Das neue deutsche Experiment aber hat kein Ende, kann kein Ende haben, keinen Feierabend. Kein wissenschaftliches Modell sagt einen guten Ausgang voraus. Dieses Experiment hat kein Ende, keine Planung und gewiss keine interessanten Thesen, es hat nur Folgen. So viele Folgen! Das Alte ist vorbei und die Alte trägt Schuld. Genauer: Die Alte, und alle, die den Schemel ihres Thrones stützen, tragen Schuld.

Träumen wir, all das zusätzliche Geld und all die Energie gingen in bessere Schulen und schönere Straßen, in Kultur und Bildung, Technologie und Wissenschaft – statt in die Taschen von Wohlfahrtskonzernen und Propaganda-Agenturen! Was wäre alles möglich! Das Geld allein ließe sich ja neu verdienen, doch die Energie, die Zeit und die Möglichkeit, sie sind fort. Stellen Sie sich vor, die Regierung, die Behörden und der ganze Propagandaapparat hätten ihre Kraft zum Wohle Deutschlands ausgerichtet, statt zu dessen Schaden, vorgeblich im Namen einer höheren Moral! Wo stünden wir jetzt! Wo könnten wir stehen! Das Geld kommt wieder, die Zeit und die Gelegenheit sind fort, jeden Tag wieder fort. Für immer.

Wir träumen – dürfen wir das denn noch überhaupt? Der falsche Traum gilt ja heute schon als Hass, so sagt uns die Propaganda, so droht uns die Zensur.

„Was wäre alles möglich“ ist leider weniger eingänglich als „Deutschland verrecke“.

Die Sünde – ja, es ist eine Sünde – ist doch, dass wir, dass die Gesellschaft, dass Deutschland und Europa den Moment nicht nutzen. (Und wenn Sie meinen, dass das, was derzeit passiert, von irgendwem als „Moment nutzen“ verstanden wird, sind wir bald im Bereich der Verschwörungstheorien. Dort jedoch muss man fragen: Ist es eine „Verschwörungstheorie“, wenn es offensichtlich stimmt, wenn es aufgeschrieben wurde und zugegeben wird?)

Wir (Europa, Deutschland, Berlin) nutzen nicht den Moment. An manchen Tagen in diesen Tagen ist dies mein größter Schmerz. Wir vergeuden die Zeit. Tag um Tag. Jahr um Jahr. Wahlperiode um Wahlperiode. Wir nutzen nicht den Moment. Wir sind wie Schwimmer im Meer, die Wellen und Strand nicht genießen können, weil sie gerade mit dem Mund voller Salzwasser gegen das Ertrinken ankämpfen.

Nein, es wird keine Revolution geben, was sollte sie auch anstreben? Eine Revolution will, wie das Wort schon sagt, etwas umdrehen – revolutio, die Umdrehung – doch was es heute braucht, ist lediglich ein Umdrehen im Denken. („Lediglich“ – haha!) Nicht jede Räderdrehung ist gut, und derzeit gilt es, dumme, gefährliche Räderdrehungen zu bremsen.

Ein Philosophenrätsel geht so: Der Zug rast auf eine Gruppe von Menschen zu, es ist also deren Schicksal, vom Zug überrollt zu sterben. Du kannst die Weiche umstellen, dann fährt der Zug woanders hin und du wirst einen Unbeteiligten töten, aber eben nur einen. Was wirst du tun? Die einen sagen so, die anderen so. Ich sage: Haltet den Zug – verdammt noch mal – vorher an! Vor der Weiche und bevor er irgendwelche Menschen erreicht! Was denn sonst?

Der Revolutionär von heute kämpft mit letztem Mut, um die Revolution von oben zu verhindern. Deutschland erlebt eine Revolution von oben. Ist der Schaden rückgängig zu machen? Nein – wie sollte es gehen? Wären die Folgen abzumildern? Sicher, nichts ist alternativlos, und das durchschnittlich Schlimme hat logischerweise eine weniger schlimme Alternative. Es braucht ein neues Denken, um das neue Handeln zu beenden.

Das ist die Sünde unserer Zeit: Wir verpassen das Mögliche, um das Vergebliche zu versuchen. Europa verschleudert das Wertvolle für das Unnötige.

Wenn doch wenigstens eine goldene Zukunft vom Horizont her glitzerte, und uns verspräche, dass wenn wir nur die Zähne zusammenbeißen, die unvermeidlichen Toten zügig begraben und zeiteffizient betrauern, so zeiteffizient wie die Kanzlerin um Terrortote trauert, wenn wir nur die Stühle zusammenrückten und die Herzen reichlich öffneten, dann würde alles gut. „Der König ist nackt!“, rief das Kind, und es war ein Skandal. „Die Mächtigen sind irre!“, ruft der Schreiber, und er erntet ein Schulterzucken, ein Nicken, ein Was-will-man-machen. Er will mehr, doch er ist damit zufrieden. Ich schreibe nicht, nicht mehr, um etwas zu verändern. Ich schreibe, um nicht allein zu sein. Ich schreibe für meine Leser, damit sie nicht allein sind. Und dann schreiben Sie mir zurück, dass sie nicht mehr allein sind, und dass das schön ist, und dann habe ich doch etwas verändert.

Dass es schlimm werden könnte für unsere Kinder, das ist nur die zweite Tragik. Die erste Tragik ist, dass wir den Moment nicht nutzen. Es galt mal als Pflicht des Staates, das Leben seiner Kinder stets besser zu machen, als es gestern war. Es ist noch immer seine Pflicht, er kommt ihr nur nicht mehr nach.

Ich habe diese Buchstaben auf mein Banner gepinselt. Ich halte das beschriebene Bettlaken hoch, und ich rufe: Was wäre alles möglich! Was wäre alles möglich!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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