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Ich las letztens ein Geschichtsbuch, hielt es aber einige Seiten lang für einen Fantasy-Roman (den ich parallel las). Es dauerte erschreckend lange, bis ich den Unterschied merkte. Ach ja, manchmal merkt man den Unterschied auch heute kaum noch.

Wenn Weisheit gemessen würde an der Zahl der Bücher, die ein Mensch sich zu lesen vornahm, zählte ich zu den Weisesten der Weisen.

Es ist ja kein Mangel an Absicht und gutem Willen! Es ist mein unbeherrschtes Hirn, das hierhin und dorthin springen will, das sich hierfür und dafür »interessiert«. So nenne ich also wer weiß wie viele angefangene Bücher mein eigen. Eines Tages, sobald die Menschheit aufhört, neue Bücher zu produzieren, werde ich durchatmen und all die geplanten Bücher durchlesen.

(Sagte ich, dass ich die Bücher mein eigen nenne? Hach, das ist nur zum Teil wahr. Ich gestehe, dass auch ich dem Komfort des Kindle verfallen bin, also elektronischen Büchern von Amazon, und dort sind die Bücher eher gemietet. Ja, der Komfort verführt uns zu dummen Dingen.)

Ich sage in gepflegtem Smalltalk natürlich nicht, dass ich so und so viele Bücher angefangen, aber nicht beendet habe, sprich: dass ich versagt habe. Ich sage es nicht von gelesenen Büchern und nicht von geschriebenen.

Solange ich mir die Niederlage nicht eingestanden habe, kann ich sagen: Ich lese (oder: schreibe) mehrere Bücher parallel.

In diesem Sinne ist also wahr: Zu jedem gegebenen Zeitpunkt lese ich mehrere Bücher parallel. Vor einiger Zeit bescherte mir diese Parallelität ein erst surreales und dann erhellendes Erlebnis!

Ich las damals unter anderem eine Johann-Sebastian-Bach-Biographie (»Music in the Castle of Heaven«) und eines der Fantasy-Bücher, die meine Tochter mir zu jener Zeit empfahl (etwas von Brandon Sanderson, wenn ich mich recht erinnere).

Beide Bücher enthalten Passagen, die politische Entwicklungen beschreiben. Doch das eine ist ein biographisches Geschichtsbuch, das andere ist Fantasy für Jugendliche.

So nahm ich einmal den elektronischen Reader zur Hand, und automatisch wurde die zuletzt gelesene Seite anzeigt.

Ich las also ansatzlos fort und war amüsiert von den phantastischen Beschreibungen der Fantasy-Politik in der Phantasiewelt des Herrn Sanderson … bis plötzlich die Familie Bach erwähnt wurde.

Mein Gehirn dachte für einen Sekundenbruchteil: »Hach, das ist ja ein lustiger Zufall, dass in dieser übernatürlichen Phantasiewelt ebenfalls jemand Bach heißt, so wie die Musiker-Familie.«

Dann begriff und korrigierte mein Gehirn endlich: Ich hatte tatsächlich das Geschichtsbuch gelesen, doch mein Gehirn dachte, dass es das Fantasy-Buch las. Also deutete es das historische Geschehen als wild ausgedachte Fantasy.

Und nun also

Ich bin in diesen Tagen und Jahren nicht allein mit dem Gefühl, dass die großen Angelegenheiten einfach keinen Sinn ergeben. Was auch immer die wahre Geschichte ist, deren Teil wir sind, ich habe das Gefühl, nicht einmal die Gattung richtig einzuordnen.

Welchen Deutungsrahmen setzt du um die sogenannte Realität?

Ein Verschwörungstheoretiker sagt vielleicht, »die Leute mit dem kleinen Hut« seien schuld an allem. Ein Kommunist sagt, der Kapitalismus stecke hinter allem. Ein Kapitalist sagt, es seien die Kommunisten. Und so weiter.

Ein Christ wird (und sollte) sogar eine eigene metaphysische Ebene in der Welt sehen und die Ereignisse von dieser anderen Ebene aus deuten.

Was aber sind die Kriterien, nach denen man entscheiden könnte, was die richtige Deutungsebene ist? Können solche Kriterien überhaupt existieren, wenn sie »außerhalb« sämtlicher übrigen Deutungsebenen angesiedelt sein müssen?

Welche Deutungsebene für die Ereignisse wende ich an … und mit welcher Rechtfertigung?

Ach ja, ich seufze, und ich bedenke:

Es nimmt kein Ende mit dem vielen Bücherschreiben, und viel Studieren ermüdet den Leib.

Prediger 12:12b

Es ist Sonntagmorgen. Heute sollte ein Tag der Erfrischung sein, nicht der fortgesetzten Ermüdung.

Heute beginnt mein Tag dennoch zunächst mit einer Busfahrt, um meine Tochter zu besuchen. Heute gehen wir dort zur Kirche.

Für die Busfahrt aber packe ich meinen Kindle ein, den elektronischen Reader mit den zählbaren, aber ungezählten begonnenen Büchern (zwischen ein paar mehrfach beendeten Büchern). Werde ich mich unterwegs entscheiden können, was ich lese?

Ich übe ja noch das Apostolikum, auf Lateinisch. Auch das habe ich auf dem Kindle, natürlich. Dabei liegt die Schwierigkeit aber weniger im Beenden als vielmehr im Bedenken und Beherzigen (und auswendigen Beherrschen).

Beginnen ist gut. Beenden ist besser.

Der Sinn der lesenden Übung liegt aber erst im Bedenken und Beherzigen – welches Buch auch immer du gerade liest. (Und für welches andere Buch du es womöglich hältst.)

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Der Essay Ein Buch, von dem ich dachte, es sei ein anderes von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ein-buch-von-dem-ich-dachte-es-sei-ein-anderes/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!