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Schaut euch einmal um und seid heute mal wirklich ehrlich! Wie und was kann man heute anderes empfinden als kochende Wut? (Vorausgesetzt, dass man überhaupt noch irgendetwas empfindet.)

Ich sprach mit einem, der gab sich sehr ruhig. Ein ausgeglichener Charakter, so möchte man sagen.

Als in sich ruhend hätte er sich wohl selbst beschrieben. (Wenn man ihn denn gefragt hätte. Ich hatte nicht gefragt.)

Auch ich war ruhig. Ähnlich ruhig wie jener, so wollte es doch scheinen.

Je länger wir uns aber unterhielten, mit jedem Satz, jedem Absatz, mit jeder investierten Minute, wurde mir deutlicher bewusst: Seine und meine Ruhe waren von völlig unterschiedlicher Natur.

Seine Ruhe war eher eine Zufriedenheit mit sich selbst und seinen kleinen Erfolgen. Eine Zufriedenheit damit, es diesem oder jenem seiner Mitmenschen »gezeigt zu haben« – bisweilen sogar dem System! Die Zufriedenheit des Schlingels.

Unter der Oberfläche seiner Zufriedenheit aber war: nichts. Ein Sumpf der Sinnleere. Phrasen. YouTube-Videos. Lebensweisheiten weit jenseits ihres Ablaufdatums. Lebenslügen, so viele Lebenslügen. Und dazwischen: nichts.

Doch an der sichtbaren Oberfläche, über dem Sumpf, da lag tatsächlich so etwas wie Ruhe und Zufriedenheit.

Meine Ruhe war eine ganz andere.

Ich gestehe es: Ich bin wütend. Ich bin zerrissen. Zu jedem gegebenen Zeitpunkt kracht und brüllt es in mir.

Nicht vollständig ehrlich mit dir

Wenn meine Oberfläche ruhig ist, dann nur, weil und indem ich mich dazu zwinge. Weil und indem ich höhere Mächte zu Hilfe rufe. Weil und damit ich weiter an der sogenannten Gesellschaft teilhaben darf.

Wenn du mich fragst, wie es mir geht, und ich antworte dir nicht mit einem funkensprühenden Wutschwall, dann bin ich nicht vollständig ehrlich mit dir.

In unserer Stadt läuft ein verrückter Obdachloser durch die Straßen, der stößt immer wieder gellend laute Schreie aus. Ich verstehe ihn gut, auf emotionaler Ebene – ich habe mich nur besser im Griff. (Bemerkenswert ist ja, dass er durch die belebten Einkaufsstraßen läuft. Er merkt ja die unfrohen Reaktionen der Menschen auf seine Schreie. Er will dennoch nicht ganz allein sein. Vermutlich denkt er bei sich: »Da müsst ihr jetzt durch. Stellt euch vor, ihr wärt in meinem Kopf. Das wäre viel schlimmer!«)

Das Gespräch mit jenem Ruhigen aber – das ich übrigens nicht ohne Not wiederholen möchte – entwickelte sich zuletzt auf sehr verräterische Weise.

Es zeigte sich, dass wir unterschiedliche Ansichten zu den besprochenen Themen hatten. Und seine Ansichten und Handlungen waren, wie ich fand, widersprüchlich. Er behauptete, das eine zu wollen, doch mir fiel auf, dass seine Handlungen das andere bewirkten – das Gegenteil. Er nannte sich einen Wohltäter, hielt sich gar für moralisch. Ich zeigte ihm auf, welchen Schaden er anrichtet.

Mir nicht selbst 15 Zentimeter vom Spiegel

Und plötzlich, von jetzt auf gleich war all seine Ruhe fort! Er schrie mich an, beschimpfte und verfluchte mich. Der Sumpf kann eben doch aufkochen und explodieren, wenn sich nur ein paar Gase mischen, die besser nicht gemischt werden sollten.

Ich hingegen spürte tatsächlich so etwas wie Ordnung inmitten all meiner kontrollierten Wut. Wer bereits wütend ist über die Dummheit und Widersprüchlichkeit der Welt, dem droht kein Wutausbruch, wenn man ihn auf die eigene Dummheit hinweist.

Um den Comedian Troy Bond zu zitieren, der zu einer Dame, die ihn wüst aus dem Publikum heraus beschimpfte, höflich erklärte: »Es gibt nichts, was du mir sagen könntest, das ich mir nicht selbst 15 Zentimeter vom Spiegel entfernt gesagt hätte.« (siehe YouTube)

Ja, es ist wahr, dass ich wütend bin, dass ich unzufrieden und hilflos bin, dass es mich auffrisst so wie die selbstverschuldete Dummheit der einen und der egoistische Zynismus der anderen zerstört, was so schön, groß und menschlich hätte sein können. Schaut euch doch um und seid heute mal wirklich ehrlich! Wie und was sonst soll man denn empfinden als kochende Wut, wenn man überhaupt noch etwas empfindet?

So schmerzhaft die Entlarvung

Was mich (und hoffentlich euch) von dem und denen unterscheidet: Ich will auf meine Widersprüche hingewiesen werden. Wut ist gut, solange wir sie gegen das Böse wenden, zuallererst gegen die eigenen Lügen. Unsere Wut ist dann suizidal, wenn sie herausbricht, um unsere Lügen zu verteidigen.

Für gleich, nachdem ich euch diesen Text vorgelegt habe, hat mich ein Freund zu Empanadas eingeladen. Das sind südamerikanische, fleischgefüllte Teigtaschen. Anschließend werden wir übers Leben reden. Ich werde ihm ein paar Ideen und Bewertungen vorlegen, mit der expliziten Bitte, mir aufzuzeigen, in welchen Aspekten ich mich irre – mich womöglich selbst belüge.

Ich sage: Fürchtet nicht, wenn Menschen euch eure Lügen, Fehler und Widersprüche aufzeigen. Fürchtet, wenn sie es nicht tun!

Mit jeder entlarvten Lüge, so schmerzhaft die Entlarvung auch sein mag, steigt der Anteil der Gedanken und Annahmen, die potenziell wahr sind.

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Der Essay Südamerikanische, fleischgefüllte Teigtaschen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/teigtaschen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!